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Yaxchilan: Stadt der grünen Steine

Yaxchilan: Der Baum des Herzens

Yaxchilan: Habt ihr den Baum gesehen? Umschlungen von einer Liane steht er, blüht er, träumt er mitten in der Stadt. Der Stadt Yaxchilan –  Piedras Verdes – grüne Steine am Ufer des Flusses. Denn die Maya-Königsstadt Yaxchilan können Händler und Touristen nur mit dem Boot erreichen.

Am Zocalo, dem früheren Haupt-, Markt- und Tanzplatz, steht eine mexikanische Sumpfzypresse; die Wurzeln fest verankert und weit verzweigt breitet sie ihre Krone aus, wirft Schatten; sie bildet seit Jahrhunderten das Zentrum der Stadt. Die Zypresse hat überlebt, hat beobachtet, wie Häuser verfielen und die Pyramiden sich leerten; wie Moden die Touristen verändern. Sie lebt ewig, wie es scheint.

Ihre Blätter sind schimmernd grün, ihr Stamm stark, und die Äste beweglich. Sie ist ein mächtiger Baum, obwohl die Liane sie umschlingt, ihr Licht und Wasser stiehlt. Trotzdem lebt sie weiter, treibt Jahr für Jahr neue Blätter, streckt die Äste aus. Was treibt sie, was gibt ihr Kraft?

Cuenta la leyenda de Yaxchilan…

damals als die Stadt nicht nur von Affen bevölkert war; als die Menschen noch ihren Mais am Zocalo zerstießen, Tortillas zwischen Frauenhänden klatschten, Händler die Pulque – fermentierten Agavensaft – in den großen Tonschalen mit Holzschlögel schlugen; als Maler ihr Tlaloc-Blau selbst mischten, sie blutrot aus eisenhaltiger Erde und schwarz aus Lehm Wände bemalten; als die Mutter ihre Tochter schimpfte, weil sie vergessen hatte, dass sie mit ihren alten Spielkameraden nicht mehr zusammen sein durfte und der König hoch oben in der größten Pyramide der Stadt darauf wartete, dass seine Untertanen Stufe um Stufe – ungezählte Stufen – hochstiegen, um ihm Nachricht zu bringen oder etwas zu essen; als die Priester noch ihre Opfer unter den Menschen wählten und am Markt der Fisch aus dem Meer neben den Flußkrebsen lag; damals also lebte Ixchel, eine Tochter der Stadt.

Ungestüm war sie und furchtlos, ein Wirbelwind mit lautem Lachen. Trotzdem konnte sie still sitzen, wenn sie der Heilerin zuhörte. Schon im Alter von fünf Jahren faszinierten sie die Geschichten der weisen Curadera Malinalli. Die Geschichten von Wegen in jener Traumwelt der Seelen, von der Passage dorthin über die Höhle am Fluß.

Malinalli erzählte ihre bizarren Abenteuer, wie jede Heilerin sie ihren Nachfolgern erzählt, um  sie auf das Kommende vorzubereiten. Und so dauerte es auch gar nicht lange, da nahm die Alte das Mädchen mit; mit in jene Traumwelt, wo Hexer mit  Heilern um die Seelen der Menschen kämpften. Denn das Mädchen hatte die Gabe – ihre Unbekümmertheit und viel Mut. Beides half durch die dunkle Höhle der Traumwelt zu wandern, Malinalli zu begleiten und die bedrohten Seelen zu finden. Ixchel war gut darin, Dämonen in Gestalt wilder Tiere dazu zu zwingen,  Menschen von Yaxchilan ihre Seele zurückzugeben. Ja, ihre Gabe war wichtig für die Menschen der Stadt Yaxchilan.

Ixchel wuchs heran und die Quinceañera rückte immer näher – jenes Fest zum 15. Geburtstag, das allen Bewohnern der Stadt mitteilte, dass aus dem Mädchen eine heiratsfähige, junge Frau gewachsen war. Von überall her kamen Freunde, Familien, Krieger, Priester, Handwerker, die Mädchen und die alten Frauen. Beim Tanzen auf dem großen Platz gefiel Ixchel ein Galan, ein Krieger – stark, angesehen und sich seines Status bewusst. Sie gefiel auch ihm und so teilte sie bald ihre Zeit: Tagsüber wich sie dem Galan aus Angst, ihn sonst zu verlieren, nicht von der Seite; nachts schlich sie doch zu Malinalli. Sie dachte, dass wäre sie der Heilerin schuldig.

In Dunkelheit umfangene Seele

Es kam ein Tag, da stiegen die Priester herab, um Hilfe zu suchen: Die Hüterin der Gärten verliere ihre Seele, erzählten sie. Sie, die alle Terrassenfelder pflegte, den Maisstauden, den Bäumen voller Avocados, Limas und gelben Mangos, den Baumwollpflanzen Wasser und Stärke gab; sie also würde schwächer im nächtlichen Kampf, spräche wirr und Dunkelheit umgebe sie den ganzen Tag.

“Der Dämon muss mächtig sein”, sagten die Priester, “ein starker, dunkler Hexer hält der Hüterin Seele gefangen.” Allen Schamanen würde er bisher widerstehen! In ihrer Verzweiflung und mit all der Angst von Yaxchilan wandten sie sich nun an Malinalli, weil Kunde ihrer Macht an das königliche Ohr gedrungen war.

So bereitete sich die Heilerin für die lange Nacht in der Traumwelt vor: Sie zündete die Kerzen an, den Weihrauch und den Holzscheit, salbte ihren Körper mit Öl ,damit die Geister sie nicht fassen konnten. Sie wartete auf Ixchel, doch die junge Frau wollte diesmal nicht mitgehen. Sie könne nicht weg von ihrem Liebsten, ihrem Galan:

  • “Warst du nicht den ganzen Tag mit ihm?”, fragte die Alte.
  • “Er möchte nicht, dass ich mit dir gehe. Es sei viel zu gefährlich, sagt er.”
  • Die Alte nickte, weise fragte sie: “Was willst du?”

Ixchel war gefangen in dem, was sie als Liebende glaubte, tun zu müssen: Den Geliebten zu gehorchen, weil sie fürchtete, ihn sonst zu verlieren.Nein, diesmal ging sie nicht mit.

Malinalli machte sich allein auf, folgte dem Pfad in die Höhle der Träume – einzig begleitet vom Schein der Kerzen.

Seelenhandel

Schon bald konnte die Alte den Seelenfänger durch die Weihrauchschwaden riechen. Ein Dämon, schwärzer als sie es jemals zuvor gefühlt hatte, hüllte sie ein. Er widerstand ihrem Licht gewitzter als der hinterlistigste Affenkönig, wütete stärker als ein Orkan. Er nährte sich von Malinallis wachsender Furcht, wuchs mit ihren Jahren und lachte sie aus, sobald eine Flamme des Lebens nach der anderen verlöschte. Immer tiefer zog er sie in seinen Studel, ihr Lebenslicht flackerte nur mehr schwach.

In ihrer Not rief Malinalli Chaac, Gott des Windes und des Regens – auf dass ER das Dunkle in alle Richtungen zerstreue. Chaac kam, der Gott, der noch niemals freiwillig den Menschen etwas gegeben hatte. Auch diesmal musste Malinalli mit ihm handeln – “Seele”, forderte er, “um Seele.”

Aber welche Seele konnte Malinalli ihm geben? Sie selbst musste die der Hüterin befreien und heil nach Hause geleiten. Ihre Seele konnte nicht bleiben.

Der Dämon lachte…

Dunkelheit umhüllte die Seelen der beiden Frauen fast gänzlich.

Malinalli schrie – wie auch die Hüterin im Schlaf…

Es war ein Schrei, der Ixchel in den Armen ihres Geliebten winden ließ.

Er hingegen hörte nichts. “Das bildest du dir ein”, flüsterte er ihr zu, hielt sie fest, versuchte sie zu trösten, zu beruhigen… zu beschützen.

Nur drei Fragen

Als Malinalli bei Tageslicht in ihrem Haus aufwachte, war ihr zuvor graues Haar weiß geworden. Sie brauchte Wochen, um sich von den restlichen Schatten in ihr zu befreien. Als sie endlich wieder zum Zocalo laufen konnte, das Licht zwischen den Blättern von Yaxchilan einatmete, entdeckte sie diese Zypresse – kleiner damals noch – mitten am Platz. Unter ihr hockte die Hüterin der Gärten. Abgemagert, aber mit klarem Blick. Eine Hand am Stamm.

“War das Chaaks Preis?”, fragte Malinalli.

Die Hüterin der Gärten nickte.

“Ein starker Baum”, antwortete sie, “die Liane lässt sie wohl nicht gehen.”

Leicht strich sie über die Rinde des Baums.

“Sie werden Kraft brauchen”, sagte sie, “alle beide.”

Die Hüterin der Gärten wusste, was sie zu tun hatte… und fasste an die beiden Pflanzenherzen.

Von da an kamen abends die Töchter der Stadt, ausnahmslos alle mit ihren Galanen. Die Paare hockten unter der Zypresse, lauschten dem Rauschen der Blätter. Drei Fragen können die Mädchen in ihren Herzen hören, drei Fragen, die der Baum ihnen stellt:

  • Ist dein Geliebter der Gabe Freund oder Feind?
  • Lacht er gemeinsam mit dir und deinen Freunden?
  • Lässt er dich ziehen, wenn du musst?

Und die Liane wiegt sich im Takt der Antworten, hört die selben unruhigen Fragen in den Herzen der Männer.

  • Ist meine Geliebte der Gabe Freund oder Feind?
  • Lacht sie gemeinsam mit mir und meinen Freunden?
  • Lässt sie mich ziehen, wenn ich muss?

Zypresse wie Liane lauschen und wissen deshalb, welches Paar eine gemeinsame Zukunft hat. Aus deren Liebe ziehen Ixchel und ihr Geliebter nämlich bis heute ihre Kraft.

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