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Das Federchen des Finist Hellfalke (I)

phoenixEs war einmal ein alter Mann und eine alte Frau. Die hatten drei Töchter. Die größere und die mittlere waren putzsüchtig, aber die kleinere mühte sich den ganzen Tag in der Wirtschaft ab. Sie war so schön, dass es weder in einem Märchen erzählt noch mit der Feder beschrieben werden kann. Geht sie auf der Straße, so kann kein Junge ein Auge von ihr lassen, andere Mädchen will dann keiner mehr anschauen.

Das Purpurblümchen

Einmal machte sich der Alte auf, um in die Stadt zum Jahrmarkt zu fahren. Er fragte seine Töchter, was er ihnen kaufen sollte. Die älteste bittet: „Kauf mir einen Sarafan!“ Und die mittlere möchte dasselbe. „Und was dir, meine liebe Tochter?“, fragt der Alte die jüngste. „Kauf mir ein Purpurblümchen, Väterchen!“ Der Alte lachte über seine jüngste Tochter: „Nun, was liegt dir Dummchen an einem Purpurblümchen. Was soll dir das denn nützen? Ich werde dir besser Schmuck kaufen.“ Aber, was er auch sagt, er kann sie nicht überreden.  „Kauf mir ein Purpurblümchen!“ Und dabei blieb sie.

Der Vater nahm Abschied, setze sich in seine Telega und fuhr nach der Stadt auf den Jahrmarkt. Den großen  Töchtern kaufte er, was sie sich gewünscht hatten, aber das Purpurblümchen fand er nirgends. Der Alte schritt den ganzen Jahrmarkt von einem Ende bis zum anderen ab, nirgends gab es solch ein Blümchen. Schließlich kehrte er nach Hause zurück und erfreute die älteste und die mittlere Tochter mit den neuen Sachen. „Da habt ihr, meine lieben Töchter, was ihr gewünscht habt. Aber für dich“, sagte er zu der kleineren, „fand ich kein Purpurblümchen.“ „Da kann man halt nichts machen“, sagte sie, „vielleicht gelingt es dir ein anderes Mal, es zu finden.“ Die größeren Schwestern schneiden die Sarafans zu und nähen sie. Über die kleinere aber machen sie sich lustig: „Lass schauen Schlaukopf,” sagen sie, “was du gewünscht hast! Du kannst noch nicht einmal um etwas bitten!”

Aber sie, weißt du, sie schwieg.

Wieder macht sich der Vater zum Jahrmarkt in der Stadt auf und fragt: „Nun, ihr Töchter,  was soll ich euch kaufen?“  Die größere und die mittlere bitten um Taschentücher, aber die kleinere sagt wiederum: „Kauf mir, Väterchen, ein Purpurblümchen!“ Der Vater nimmt Abschied, setzt sich in die Telega und fuhr in die Stadt. Er kaufte zwei Taschentücher, aber das Purpurblümchen sah er auch diesmal nicht. Er kehrte zurück und sprach: „Ach, Töchterchen, wiederum fand ich das Purpurblümchen nicht.“ „Das tut nichts, Väterchen, zu einen anderem  Zeitpunkt wird es dir schon gelingen.“

Und tatsächlich: Zum drittenmal macht sich der Alte auf und fragt: „Sagt mir doch, meine lieben Töchter, was ich euch kaufen soll.“ Die größeren sagen: „Kauf uns Ohrgehänge, Väterchen!“ Aber die kleinere blieb bei ihrem alten Lied: „Und mir, Liebster, kauf das Purpurbümchen!“ Abschied nahm der Alte, setzte sich in den Wagen und fuhr los. Er kaufte goldne Ohrgehänge und machte sich eifrig daran, das Blümchen zu suchen. Suchte, suchte… niemand weiß von einem solchen. Er grämte sich und fuhr aus der Stadt hinaus.

Als er über den Schlagbaum hinausfuhr, kommt ihm ein uraltes Männchen entgegen und hält in den Händen ein Purpurblümchen.

„Alter, verkauf mir dein Blümchen!“

purpleflowerrussia„Es ist nicht zu verkaufen. Nur wenn deine jüngste Tochter meinem Sohn, dem Finist Hellfalken, als Gattin folgt, will ich dir das Purpurblümchen geben.“

Der Vater überlegte ein wenig: Das Blümchen nicht nehmen, hieße die Tochter betrüben; es nehmen, hieße notwendigerweise sie verheiraten, und Gott weiß mit wem… Er überlegte und überlegte und nahm schließlich das Purpurblümchen. „Was schadet es?“ denkt er, „hinterher kommt einer und freit um sie, und wenn es nicht passt, darf ich’s ihm auch abschlagen.“ Er fuhr nach Hause, gab den älteren Töchtern die Ohrgehänge, und der jüngsten gab er das Blümchen und sagte: „Gar nicht lieb ist mir dein Blümchen, meine liebe Tochter, gar nicht lieb.“ Und leise flüsterte in ihr Ohr: „War doch das Blümchen da nicht verkäuflich. Ich bekam es von einem unbekannten Greis unter der Bedingung, dich seinem Sohn Finist Hellfalke zur Frau zu geben.“

„Mach dir keine Sorgen!“ erwiderte die Tochter. „Er ist doch so schön und so freundlich. Als heller Falke schwebt er in den Lüften, und sobald er sich zur Erde stürzt, wird er Mensch.“

„Kennst du ihn denn schon?“

„Ich kenne, kenne ihn, Väterchen! Am letzten Osterfest war er im Mittagsgottesdienst. Immerfort sah er mich an. Und ich sprach mit ihm… Er liebt mich, denke ich, Väterchen!“

Der Alte wiegte den Kopf, blickte unverwandt auf seine Tochter, machte ein Kreuz über ihr und sprach: „Geh in die Dachstube, die mit  den großen Fenstern! Schlaf ein Weilchen. Der Morgen ist klüger als der Abend. Dann werde ich mich entscheiden.“