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Gut. Reden wir über Flüchtlinge

Willkommenskultur für Flüchtlinge

Flüchtlinge kommen als Welle, als Flut und marschieren auf Grenzen zu. Sie stürmen Zäune, wälzen sich durch Staaten und lösen Krisen aus; sie  ängstigen Frauen, Kinder und die, die schon immer dort leben, wohin sie jetzt eben flüchten.

Bilder, wie die skizzierten, entstehen in den Köpfen durch Monologe; Monologe in U-Bahnen, die  wildfremd Entrüstete Passanten entgegenschleudern. Monologe, die an Stammtischen, am Tresen im Café nebenan genauso wie beim Essen unter Freunden abgenickt werden – ja, sogar unter Freunden. Monologe, die jene, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten, mundtot machen. Ihr Mund ist ausgetrocknet von ständigen Widerworten, ihren Beschreibungen, wie sie das Leben mit Flüchtlingen erleben. Widerworte, die ungehört verhallen.

Andere Wörter schwirren herum, haben offenbar mehr Gewicht. Bekannte Kriegs- und Angstterminologie, Sätze wie

  • Man wird doch noch sagen dürfen
  • Es ist nun mal eine ganz andere Kultur
  • Die verstehen unsere Werte nicht
  • Flüchtlinge lungern herum, respektieren nicht
  • Ich rede mit der mit dem Kopftuch nicht

In der Presse  können wir alle Begriffen nachlesen, falls uns eine Platitüde oder ein Angstbild abhanden gekommen ist: Wort für Wort .

Und die Bilder verdichten sich, die Furcht dahinter wächst proportional mit. Sie hindert daran, im Sprachgewühl nach ihm oder ihr zu suchen, dem/der einen, dem “Flüchtling”:

  • Wer kommt?
  • Wer flieht?
  • Wie ist der Mensch denn so?

Flüchtlinge sind Kriegskinder, Asylsuchende

vielfältige FlüchtlingeZum Beispiel Fadi, der Junge, der vor mir sitzt und seine Zwillingsschwester liebevoll auf den Arm boxt, weil sie etwas Kluges sagt. Zwei Kurden aus dem Iran.

Ismahan mit ihren bunten, weiten Röcken, ihren freizügig offenen Blusen, die alle mit Riesenblumen bedruckt sind. Und Rhana, sie trägt in der Klasse nur Tschador. Beide Frauen kommen aus Somalia – zicken sich täglich an und arbeiten niemals in derselben Gruppe zusammen.

Basil, der Bulgare und Roma, mit seinen feingliedrigen Händen und seiner ungewöhnlichen Sprachbegabung, hat seinen Platz mitten in der Gruppe afghanischer Jungs gefunden. Es dauert gewöhnlich bis dieser eine Tisch sich füllt. Die Jungs kommen nicht pünktlich, verstehen nicht, warum das überhaupt von ihnen gefordert ist; Basil ist allerdings immer da. Der schon ältere Sami zählt gern vermeintliche Erfolge bei Frauen. Er telefoniert mitten im Unterricht “mit seiner Mutter” und kommt morgens nicht gut aus dem Bett.

Und Amit? Amit, der Syrer, setzt seine Mütze nicht ab. Er kam am Morgen nicht dazu, sich zu frisieren.

Wer wissen will, wie “Flüchtlinge” ticken, muss warten können. Warten, bis sie mit einem diskutieren.

“Nein”, antworte ich auf eine beliebte Frage, die ich die Monate zuvor bewusst umgangen habe. “Nein, ich glaube nicht an Gott!”

Wer gerade tuschelte, die Augen zum Fenster hinaus schweifen ließ, verstohlen in seinem Handy wischte – vergisst sein Tun. Dieser Satz trifft die Jugendlichen; sie können ihn nicht ignorieren.

“Das gibt es nicht”, entgegnen die einen – entrüstet.

Tarik, der Iside, nickt jedoch heftig, zustimmend. Er glaube nicht an Allah, sagt er: “Der Glaube an Gott löst Kriege aus.”

“Wie kannst du das sagen?”, will Rhana wissen.

Ausnahmslos hören alle zu, wollen ihre Ansicht kundtun, wollen von mir und den anderen gehört werden. Hände winken, andere unterbrechen einfach.

Selbst die wenigen Frauen in der Klasse beteiligen sich, vertreten sich, finden Worte. Sie alle fühlen sich sicher genug dazu. Ein Gefühl, an dem wir zusammen arbeiten, seitdem sie hier in der Klasse sitzen. Dieser Raum ist ein vertrauter, sicherer Raum.

Das war er anfangs nicht. Das Gefühl kommt nicht von heute auf morgen. Nicht nach den Erlebnissen der Flucht; nicht nach Jahren der Unsicherheit in ihrem Land. Vertrauen muss wachsen. Ein Jahr ist dafür auch schon mal nicht lange genug.

Sobald wir über Gott, über Frauen, Männer, Geschlechterrollen und Lebensstile diskutieren können, ohne dass jemand aus Angst verstummt, weiß ich, dass diese Flüchtlinge angekommen sind. Dass sie ihren weiteren Weg in der Gesellschaft suchen und ihren Platz finden werden.

Auf der Suche nach einem besseren Leben

FlüchtlingSie haben

  • Nicht das Recht, hier zu sein.
  • Sie halten sich nicht an die Gesetze, sind Kleinkriminelle
  • werfen ein Zwielicht auf diejenigen, die wirklich Hilfe brauchen.

Verdächtig sind Marokkaner, Kenianer, Griechen, Bulgaren, Albaner, Mexikaner…

Afrikaner, Slawen und Lateinamerikaner generell und auch noch alle anderen, die aus ihrem Land auswandern, nur um ein besseres Leben in einem anderen zu suchen.

In der Zwischenkriegszeit war es das Diebsgesindel, gemeint waren die jüdischen Einwanderer aus dem Osten.

Wirtschaftsflüchtlinge heißen sie heute. Sie flüchten ja nur aus wirtschaftlichen Gründen und landen bei uns, die wir doch auch nicht genug haben, sagen die “guten Bürger” verärgert, verunsichert. Das Ziel dieser Flüchtlinge sei es einzig und allein den Sozialstaat auszunützen.

Zu diesen guten Bürgern zählt sich auch der Busfahrer, der seine Aushilfstour im kleinen Café des Ortes unterbricht. Er hat sein ganzes Leben lang gearbeitet. Sogar jetzt, in der Pension, hilft er noch aus.

Weißhaarig sitzt er mit seiner frisch gebügelten Uniform am Holz-Tresen, vor sich den Cappucchino und lamentiert. Darüber, dass das Geld hinten und vorne nicht reicht, dass der Staat zuviel Steuern abzwickt, um es dann den Flüchtlingen hinterher zu tragen. Dass eben diese Flüchtlinge ja nur kommen, weil sie wissen, dass für sie gesorgt ist.

Seine Rede ist nicht zu überhören: Das Café ist klein, taub stellen ist unmöglich. Bald beteiligen sich andere Gäste, auch die Kaffeebesitzerin, an seiner Einschätzung der Weltlage – in Deutschland, in der EU. Sie stimmen zu, tragen mit ihren Alltagsgeschichten zur Einschätzung bei. Quintessenz: Dem kleinen Mann gehe es generell nicht gut, er müsse jetzt auch noch für die Flüchtlinge aufkommen, nur weil Angela sie eingeladen hat.

Die Sonne brennt mir unbarmherzig ins Gesicht. Ich wende der Fensterfront den Rücken zu, sehe direkt zum Tresen hin.

Wie schlecht es den Leuten in Deutschland heute tatsächlich geht, will der Busfahrer mit der Geschichte über seinen Neffen ausmalen, vom Beruf ist der Rettungsfahrer. Wegen der hohen Steuern, der Schichtarbeit und der unübersichtlichen Verwaltung in den Krankenhäusern hatte er kein leichtes Leben. Hier in Deutschland.

In Norwegen aber! In Norwegen sei alles besser! Die Vertretungen sind hervorragend organisiert, die Mitarbeiter werden über ein gemeinsames Pool verwaltet. Das funktioniert bestens! Der Lohn ist natürlich wesentlich höher, denn die Norweger haben noch einen Sozialstaat. Steuerlich sieht es auch gut aus. Weil der Neffe Deutscher ist, fallen diese nicht so hoch aus.

“Ein Wirtschaftsflüchtling also”, unterbreche ich, nachdenklich.

Aber nicht doch: Das ist etwas ganz Anderes!

Flüchtlinge brechen per se Gesetze

Das Thema Flüchtlinge spaltet sogar Immigranten, Freunde. Sie haben in einem anderen EU-Land studiert, arbeiten jetzt dort und leben noch zusammen in der WG. Der Riss geht mitten durch – es steht 2:2 am Tisch. Ich bin das Zünglein an der Waage, höre mir an, worüber die Freunde streiten.

“Flüchtlinge – refugees – halten sich nicht an Gesetze, kommen illegal ins Land”, ärgert sich das eine Paar. “Die sind nicht so wie wir.”

Wir sind hierher gekommen, wir arbeiten, wir haben Papiere, wir verdienen genug, zahlen Steuern. Wir haben das Recht, hier zu sein.

“Flüchtlinge müssen erst dahin kommen, wo wir schon sind”, hält das andere Paar dagegen. Sie brauchen Sicherheit, natürlich gehen sie in das Land, wo sie sich am sichersten fühlen. Bulgarien, Ungarn, Griechenland – das sind keine sicheren Länder, schon gar nicht, wenn Flüchtlinge sich registrieren müssen.

Die Situation ist doch ähnlich, ist wie unsere, betonen sie: Immigranten und Flüchtlinge sind fremd im Land!  Warum könnt ihr das nicht sehen?

Abend für Abend versuchen die einen die anderen davon zu überzeugen:

das patt beim Thema Flüchtlinge

  1. Immigranten sollten zumindest Verständnis dafür haben, dass Flüchtlinge unsicher und misstrauisch sind; sich nicht registrieren lassen wollen. Man bräuchte doch nur die eigene Lage genauer ansehen. Auch für Immigranten gilt, was Hannah Arendt über Flüchtlinge schrieb: Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind. […] und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt. (Aus: Hannah Arendt: We Refugees) Dieses Gefühl ziehe Misstrauen nach sich.
  2. Das andere Paar, darunter die Juristin der Freundesrunde, beharrt auf das Einhalten des Schengenabkommens. Darauf, dass Flüchtlinge sich an den Außengrenzen registrieren lassen, damit die EU-Staaten das Wandern unter Kontrolle halten können. Solange Flüchtlinge dies vermeiden, seien sie illegal im Land. Gesetzesbrecher – und damit abzuschieben.

Ein Patt.

“Wie definiert die Runde eigentlich, wer ein Flüchtling ist?”, frage ich. Wir suchen im Internet.

“Als Flüchtling bezeichnet man eine Person, die ihre Heimat gezwungenermaßen verlassen musste und in absehbarer Zeit nicht dorthin zurückkehren kann”, heißt es in Wikipedia. Ob dies aus Kriegs-, Verfolgungs- oder Wirtschaftsgründen passiert, ist in dieser allgemeinen Definition völlig unwichtig. Die Würde des Menschen, seine Sicherheit, seine Existenz ist ausschlaggebend. Menschenrecht zählt.

Im juristischen Sinn der Genfer Flüchtlingskonvention aber ist nur Flüchtling, wer

[…] aus der begründeten Furcht vor Verfolgung aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder der sich als staatenlos infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem er seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will. (Artikel 1 Genfer Flüchtlingskonvention)

Von welchem Flüchtling sprechen wir also jetzt, wenn wir vom Flüchtling sprechen: dem Asylsuchenden oder dem Fliehenden?

Wenn wir verstehen, dass Gesetze von Menschen gemacht und Abkommen von Juristen getroffen worden sind und sich verändern lassen, dann dürfte unsere Verantwortung völlig klar sein:

Im Zentrum muss der Mensch stehen.

Ohne Welle, Flut oder Krise.

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