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Weil Ganesha eine Frau will…

Ganesh Charturi

Ganesha musste seine Eltern überlisten, um heiraten zu können. Sie – und auch seinen Bruder. Dass es ihm tatsächlich gelang, verdankte er vor allem sich selbst. Obwohl…

So richtig klar wurde es ihm erst, als seine Mutter lachte.

Ganesh Chaturthi

Wenn Indien feiert, dann feiert es ordentlich. Zum Geburtstagsfest von Lord Ganesha aber tobt das Land: Städte beben unter tanzenden Füßen, Mauern zittern, Echos hallen durch die Straßen. In Städten, wie Varanasi im Norden des Landes, sausen Geräusche und Gerüche durch die Gassen, prallen gegen die Gemäuer der Tempel genauso wie gegen die Kartonwände neuer Siedlungen. Die Töne der heiligen Gesänge aber folgen den Hauptadern, ducken sich unter den Rufen der Straßenhändler und dem Hupen der Mopeds hindurch, schlängeln sich weiter durch die modrige Hitze der Altstadt bis hin zu den berühmten Ghats, rollen über die Steintreppen und landen schließlich in den Fluten des Ganges.

Varanasi, älteste Stadt und Mittelpunkt des Kosmos, ist Ganeshas Vater, Gott Shiva, geweiht. Tausende Pilger ziehen jedes Jahr in die Stadt, um diesem nahe zu sein. Deshalb gibt es mehr als 200 Tempel. An Ganesh Chaturthi leuchten sie alle – die großen, berühmten genauso wie die kleinen, die versteckt in einer Sackgasse im Strassengewirr der Altstadt auf die Passanten lauern.

Vor einem dieser unscheinbaren Tempel hockt ein Junge auf einer Treppe, fünfzehn Jahre alt – vielleicht sechzehn. Sibi sitzt gleich neben einem Loch in der Mauer, früher einmal ein Fenster, heute die Lücke, die auf einen spärlich bewachsenen Platz führt: den Einheimischen Tempel, den Touristen das Innere einer Tempelruine, deren Mauern mit schreiend bunten Bildern beklebt und mit Girlanden verziert sind. Aufgeschichtete Steine ersetzen Bänke und  auf einem  Steinblock in der Mitte steht ein Opferteller und Kupferpfanne, aus der Weihrauch steigt.

Letzte Sonnenstrahlen fallen durch die Mauerlücke auf die Treppe; sie färben den Holzteller goldorange, der vor dem Jungen platziert ist. Auf ihm ist eine Pyramide Reistaschen – modak – gestapelt. Wer direkt davor steht, dem weht feiner Zimt- und Kokosduft in die Nase. Sibi zeigt immer wieder auf die Süßigkeiten und schreit:

Kauft modak! Geht nicht weiter ohne! Kokos mit einem Hauch Zimt, wie Ganesha es liebt. Drei Stück und schon steht ihr in seiner Gunst. Kauft modak! Drei Stück nur fünf Rupien!

Er hat kein leichtes Spiel, sich gegen  das Geplauder der Gläubigen durchzusetzen: Doch manche schenken den Reistaschen tatsächlich einen nachdenklichen Blick, einige greifen sogar in die Hosentasche, werfen ein paar Münzen hin und kaufen. Sibi ist erst gezwungen zu schweigen, als die Trommeln und Gebete einsetzen. Gegen diesen Lärm kommt er nicht mehr an.

 

Ganesha, bunter ElefantengottGanesha

entferne die Hindernisse Herr,

Verkörperung der Weisheit, Gott des Urklangs, Herr des Ursprungs und Wurzel des Seins!

gewähr uns Glück, gib Vertrauen

du, der du modak in Händen hältst!

Oh Elefantenköpfiger,

Gegrüßt seist Du!

Die Gläubigen außerhalb der Ruinenmauern buhlen ebenso laut um Ganeshas Gunst wie die am Platz im Inneren. So jedenfalls kommt es Sibi vor. Die dicken Mauern dämpfen den Lärm kaum. Dazu kommt, dass sich die Betenden  gegenseitig vorwärts, hin zum Einlass schieben; sie drängen dorthin, wo die Trommeln am lautesten den Rhythmus der Gebete vorgeben; wo der Tempelpriester im Singsang vorbetet. Neben ihm wartet ein katha darauf, endlich anfangen zu können. Der aus Bombay eingeflogene Erzähler ist für die meisten die wahre Attraktion des Abends.

Die Nacht über wird er erzählen.

Deshalb eilen mehr Menschen als sonst in den Freilufttempel. Allein um den katha zu hören – seine Geschichten, seine Gesänge.

Ganesha Elefant Bild schwarzGanesha wollte heiraten! Er fand, er war alt genug dazu und bat deshalb seine Mutter, ihm eine Frau zu suchen. Parvati gefiel der Vorschlag. Sehr sogar! Doch Ganeshas Bruder, Skanda, schmollte.

Bin nicht ich euer Erstgeborener, tapfer und flink, erprobt in vielen Kämpfen. Ich kenne die Welt, führe die Kriege, schütze die Grenzen. Ich verdiene eine Begleiterin, eine Braut. Such zuerst mir eine, bevor du Ganesha eine gibst. Das ist mein Recht. Für ihn spielt es keine Rolle, wie lange es dauert. Er kann warten! Ich aber nicht!

Ihr seht: Sogar in göttlichen Familien gibt es Probleme. Parvati hatte ihre Söhne gleich lieb. Wem also sollten sie den Wunsch zuerst erfüllen? Skanda, dem Älteren, oder doch lieber Ganesha, der ja zuerst gefragt und erklärt hatte, für eine Beziehung bereit zu sein. So bescherte Ganeshas einfache Bitte schlaflose Nächte.

Von einem der gehen will…

Die Trommeln verstummen, die Gebete auch. Ein Straßenhund will sich zwischen die Gläubigen innerhalb der Mauern zwängen. Doch so mager er auch ist, er findet keine Fleckchen mehr für sich. An der Mauerlücke staut sich eine Menschentraube – und immer noch stoßen weitere Neugierige dazu. Keiner will die Geschichten  verpassen, alle wollen sie lauschen.

An diesen Wartenden rempelt sich ein etwas älterer Junge vorwärts. Er duckt, schubst und schiebt sich an jenen vorbei, die in seinem Weg stehen. Eigentlich hält er nur dann, um etwas zu entgegnen, wenn sich jemand beschwert. Bald hockt er sich neben Sibi nieder.

Wie lange sitzt du schon hier?

Zwölf modak lang. So viel hab ich verkauft.

Davon weiß Mutter nichts, oder?

Natürlich nicht! Aber wer opfert schon so viel von dem Zeug? Drei reichen ja auch. Es schadet nichts, wenn ich ein bisschen verdiene. Jede Rupie zählt jetzt.

Du willst wirklich gehen?

Was bitte hält mich hier?

Familie? Freunde? Indien! Hier ist alles vertraut. Dort wird nichts so sein, wie du’s gewohnt bist.

Sibi grinst zufrieden. Doch bevor er etwas entgegnen kann, zischt jemand…

Schscht… Seht! Er hebt die Hände, seht, er verneigt sich…

Wie sieht er aus? Was hat er an?

Drei Tage Bart?

Oha, der ist ja kugelrund

Grau, er ist grau!

Was tut er jetzt? Hat er schon angefangen?

Hey kann jemand hören? Gebt weiter, was er sagt…

Wie? Was…?

Ach seid doch still!!!

Ganesha Elefanten BildDie rettende Idee kam Parvati morgens in jener Stunde, da Augen sehen, Ohren hören und Körper fühlen, aber der Geist träumt. Die Stunde eben, in der die Illusion der Welt am durchlässigsten ist. Sie weckte ihren Mann: Sollte sie es wirklich wagen? Würde es nicht zu schwer für sie selbst? Shiva brummelte nur. Da müsse sie durch. Es wären ja Jungs, sagte er und rief seine Söhne.

Ganesha und Skanda ließen sich nicht zweimal bitten, ahnten sie doch, dass ein Richtspruch bevorstand. Sie traten im feinsten Staat vor ihre Eltern hin.

Parvati hielt die Hand ihres Mannes, als sie sprach:

Ich suche einem von euch eine Frau. Demjenigen nämlich, der als erstes zurückkommt, nachdem er die Welt umrundet hat.

Kaum hatte er es vernommen, lief Skanda los. Er sprang auf sein Reittier – in seinem Fall ein Pfau – und verschwand bald am Horizont.

“Na toll”, murmelte dagegen Ganesha. Er dachte an sein Reittier: Eine Maus. Dann betrachtete er seinen Bauch… Abwarten und Tee trinken! – schien ihm die bessere Idee zu sein.

Und so kam es, dass der Weise, Vyasa, Lord Ganesha zuhause vorfand, als er dessen Hilfe brauchte.

 …. und von einem, der bleibt

Sibi lehnt sich weit zur Seite, nahe an das Ohr seines Bruders.

Siehst du, Jaimyn. Skanda macht es genau richtig! Schnell weg, die Chance nutzen… Google, Apple, Microsoft – Im Silicon Valley liegt meine Zukunft, sagt Onkel, nicht hier.

Aber alles ist doch da! Indien braucht uns doch auch. Dringend sogar! Wozu weggehen? Ob du hier studierst oder dort… Was kann das schon für einen Unterschied machen?

Onkel meint, es liegt an der Ausbildung. Wer in USA das Kodieren lernt, hat ausgesorgt. Komm doch mit, für dich ist es sicher auch besser…

Ich? Ach nee…

Warum nicht?

Der Weihrauch vom Altar durchsetzt mittlerweile die Luft, kratzt im Hals, juckt in der Nase. Selbst Sibi niest. Der Erzähler räuspert sich und richtet seinen Turban.

Lord GaneshaVyasa, der Weise, barg Verse in seinem Kopf. 100 000 um genau zu sein. Sie wollte er niedergeschrieben wissen. Er wollte dem indischen Volk das längste und vollständigste Gedicht der Welt schenken: das Mahabharata. Ein Gedicht über die Welt. Alles sollte darin zu finden sein – und was darin nicht erwähnt war, sollte es auch sonst nirgends geben.

Doch der Weise hatte Angst. Was, wenn er es nicht rechtzeitig beenden konnte? Seine letzten Jahre nicht ausreichten, um all die Verse niederzuschreiben? Deshalb suchte er Lord Ganesha und beugte sein Haupt.

Hilf mir zu schreiben, oh Herr! Beseitiger der Hindernisse

Das geht jetzt nicht. Es würde mich zu sehr aufhalten, Vyasa. Ich muss die Welt umrunden.

Ohne dich schaffe ich es aber nicht! Soll Indien wegen dir ohne mein Gedicht bleiben?

Hmm… Na gut, aber mach schnell! Wir haben nicht viel Zeit. Ich schreibe, auf keinen Fall jedoch warte ich auf dich. Diktiere durch! Kein Halt, kein Nachdenken…

Einverstanden. Eine Bedingung habe aber auch ich: Du musst den Sinn von dem verstehen, was du schreibst.

Und Ganesha schrieb. Während sein Bruder, Skanda, die heiligen Stätten der Welt aufsuchte – die Stadt Uruk zum Beispiel, den griechischen Berg Athos, Jerusalem, Tibet und die heilige Pilgerstadt Mekka – während der also pilgerte, notierte Ganesha Alles. So schnell schrieb er, dass sein Stift nach kurzer Zeit entzweisprang. Damit er nicht innehalten musste,  brach er seinen Stoßzahn ab und verwendete von nun an diesen.

Vyasa hatte seine liebe Not, mit dem Gott Schritt zu halten. Verzweifelt griff er zur List, den Sinn seiner Verse hinter Bildern zu verstecken. Das verlangsamte Ganesha ein bisschen: Er musste ja die Bedeutung erst finden.

Zur gleichen Zeit, als Skanda die heiligen Stätten endlich alle abgeklappert, die anderen Götter gegrüßt und Kerzen angezündet hatte, kam in Indien auch der Elefantenköpfige zu einem Ende. Vyasa verstummte.

Ganesha legte die beschriebenen Pergamente vor ihn. 100 000 Verse waren geschrieben.

Ihm aber knurrte der Magen.

Ich sollte noch etwas essen, bevor ich aufbreche. Mit leerem Bauch reist es sich nicht gut!

Geld, Ruhm oder Glück?

Im und um den Tempel herum ist es plötzlich still. Der katha schweigt. Die Augen geschlossen, denkt er nach – und kein Zuhörer regt sich. Niemand wagt, den Bann des Geschichtenerzählers zu brechen. Sie warten auf das Luftholen des Erzählers, um selbst auch wieder atmen zu dürfen.

Nur Jaimyn bewegt sich. Er greift rasch vor, schnappt sich eine Reistasche vom Teller  – und Sibi: Der versucht die Hand seines Bruders weg zu schlagen; er flüstert:

Hey, ich will die noch verkaufen.

Ah geh’, auf die eine kommt es jetzt auch nicht an.

Auf jede Rupie kommt es an. Nur, wenn du genug Geld hast, hast du Erfolg. Ich will Erfolg! Hier verdienst du nichts, in Kalifornien schon. 

Die können dich doch dort gar nicht verstehen – und du verstehst auch nicht. Schau Onkel an. Schau doch hin! Klar, er spricht Englisch, aber sein Hindi stimmt nicht mehr. Er ist komisch. Er gehört hier nicht mehr dazu – und dort ist er auch nicht daheim.

Er kann etwas erzählen. Mehr als wir.

Nacht ist es geworden. Die feuchte, schwere Luft hinterlässt Tropfen auf der Stirn der Gläubigen. Ihre Spuren schimmern in den staubigen Gesichtern.

Aaaaauuuuummmm, summt plötzlich der katha

Ganesha Elefant Bild grünAls hätte er die Gedanken Ganeshas gehört, beschloss Kubera, Gott des Reichtums, zu einem Fest einzuladen. Zu diesem Fest sollte auch Ganesha kommen; einem Fest so rauschend, so üppig, so umwerfend, dass die Gäste noch Ewigkeiten davon erzählen sollten. Kubera war überzeugt, alle beeindrucken zu können.  Was heißt “beeindrucken”? Überwältigen wollte er seine Gäste.

Die Tische im goldenen Palast bogen sich: Alles, was es in der Welt zu essen gibt, fand man dort: Frittierte Heuschrecken genau so wie zart gebratenen Lammrücken, Mangocreme wie gebackenes Eis, Rote-Beete-Salat wie geeiste Gurke. Es würde noch eine Woche für ganz Alakapuri, seine prächtige Königsstadt reichen, wenn alle Gäste satt waren, dachte Kubera und war zufrieden. Doch hatte er nicht mit Ganeshas Appetit gerechnet.

Während Skanda in der Welt von Krieg zu Krieg zog, kämpfte und siegte, aß Ganesha. Was im Palast an Speisen zu finden war, vertilgte er. Als Kubera schließlich zugab, dass er nichts mehr auftischen konnte, hielt das den Elefantenköpfigen kaum auf. Er machte sich über Geschirr, Möbel und Zierrat her; er fraß fast den gesamten Palast und fast ganz Alakapuri.

Ich habe nichts mehr, Ganesha. Hör auf zu essen!

Doch Ganesha war noch zu hungrig. Er drohte Kubera selbst zu verschlingen. Erschrocken rannte dieser zu Ganeshas Vater.

Oh, glückverheißender Shiva, hilf! Dein Sohn wird nicht satt!

Nicht satt? Was kommst du zu mir? Schick ihn zu seiner Mutter!

In der Tat genügte es, beiläufig zu erwähnen, wie hervorragend die Gottmutter kochte… Ganesha ließ sofort von Kubera ab. Sehnsüchtig trottete er zu Parvati, die ihm modak gab – und war endlich wieder satt. Sein Bauch fühlte sich wohlig warm und rund an.

Was ihn so freute, dass er um seine Eltern tanzte.

Und Skanda?

Nachdem der letzte Friede  ausgehandelt war, vollendete ER seine Runde um die Welt.

Als der Hunger gestillt ist

Sibi tippte seinem Bruder an die Schulter. Er grinste.

Skanda kommt nicht zurück. Wer braucht schon die eine Frau? Frauen gibt es überall.

Er kommt. Du wirst sehen. Er will eine Familie, eine Frau von hier. Auch Onkel lässt Mutter eine für ihn suchen. Nur eine Hindu gibt ihm das, was er braucht. Sie weiß nämlich, wo ihr Platz ist.

Trommelwirbel unterbricht. Denn wenn Ganesha tanzt, drehen sich selbst die Gläubigen im Kreis, umrunden ihre Nachbarn. Dass sie mehr schieben als leichtfüßig tanzen, stört keinen. Die Musik, das begleitende Heulen der Straßenhunde und das Stampfen der Füße übertönt schließlich alles, was noch geflüstert hat.

Ganesha Elefant Bild OrnamentDick ist der kleine Gott, eigentlich kugelrund. Seine Beine sind plump und grob. Trotzdem wirbelt Ganesha herum, springt und folgt der Musik in seinem Kopf. Ganeshas Füße verbreiten seine Freude, sein Wohlbehagen, sein Glück über Gebirge, Wiesen, Flüsse, über Städte, Höfe und Sand. Den Menschen füllte sich das Herz mit Mut, Ideen und Auswegen. So lange tanzte er, bis eine der Wildgänse über den Köpfen der heiligen Familie schnatterte:

Herrin, oh Parvati, freu dich… Skanda ist bald zurück!

Da hielt Ganesha plötzlich still.

Staubig war sein Bruder, verschwitzt und abgekämpft. Der Pfau war schon vor Meilen erschöpft zusammengebrochen. Trotzdem trat Skanda unverzüglich vor seine Eltern hin.

Such mir jetzt eine Frau, Mutter! Ich habe sie verdient.

Wie Ganesha das Recht auf eine Frau verhandelt

Sibi runzelt die Stirn. Diese Wendung der Geschichte behagte ihm nicht.

Na, wenigstens muss Onkel nicht bleiben. Die Frau geht einfach mit ihm mit und gut ist’s.

Und was ist, wenn sie nicht will?

Bei der Vorstellung verdreht Sibi die Augen. Wer hat jemals von einer Frau gehört, die nicht das tut, was ihr Mann sagt? Er wischt den Gedanken zur Seite.

Du sagst selbst, eine Inderin weiß, wo ihr Platz ist.

Jaimyn schweigt, aber der katha summt. Im Licht der Öllampe nimmt man ihn und die Trommler verschwommen wahr. Alle anderen verschluckt die Nacht. So still ist es, dass er seine Stimme kaum mehr erheben musst.

dekorierter Elefant: GaneshaGanesha war mit der Forderung seines Bruders ganz und gar nicht einverstanden. Skanda hätte sich die Frau nicht verdient. Er sei ja viel zu spät zurückgekommen.

Bevor der erschöpfte Skanda vor Wut über seinen Bruder herfallen konnte, trat Parvati dazwischen.

Warum zu spät, Ganesh? Du hast dein Zuhause überhaupt nicht verlassen.

Was soll ich da draußen? Habe ich euch nicht dreimal umtanzt. Dreimal, bevor Skanda eintraf. Und wer, wenn nicht ihr, repräsentiert meine Welt.

Und genau das war der Moment. Jener Moment als Parvati lachte.

Brüder können triumphieren – so kriegen das andere Menschen gar nicht hin. Jaimyn ist keine Ausnahme. Er führt aufreizend langsam eine weitere Reistasche zum Mund und sieht Sibi dabei in die Augen. Sagen muss er nichts.

Parvati suchte ihrem Zweitgeborenen also eine Frau – daraus wurden schließlich sogar drei: Buddhi – die Weisheit, Siddhi – die Klugheit und Riddhi – der Reichtum. Aber auch Skanda ging nicht leer aus. Er bekam die Schwestern Devesena und Valli – die Macht des Handelns und die Macht des Willens. Wie es dazu letztendlich kam, das ist eine noch ganz andere Geschichte, schloss der katha – wohl wissend, dass er diese ganze Nacht hindurch erzählen würde.

Und die Reistaschen?

Sibi verkauft in dieser Nacht keine mehr. Irgendwie ist er auf den Geschmack gekommen – und die allerletzten drei legen er und Jaimyn morgens früh um fünf Uhr auf den Opferteller am Altar. Zur allerletzten Geschichte, zu der im Morgengrauen.

Die Zahl zum Märchen: 70 000 Computerspezialisten verlassen jährlich die indischen Universitäten. Das deckt kaum die nationale Nachfrage. Der überdurchschnittlich hohe Exodus hochgebildeter Söhne und so mancher Tochter in die westlichen Industriestaaten – allen voran USA und Europa – macht Indien schwer zu schaffen.

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