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Mexiko vibriert – wie das Leben im blauen Haus

Mexiko - Ein typisches Haus ist voll Farben, Drama , Leidenschaft und Lachen.

Mexiko-Stadt, Londres 247: Nichts ist eindeutig in Mexiko Stadt; nicht die Bushaltestellen, nicht das „morgen“ und schon gar nicht das Leben. Das gilt auch für das der Malerin Frida Kahlo. Ihre Zwiespältigkeit verhindert, ihr näher zu kommen. Sie versperrt sich dem europäischem Verständnis, obwohl sie eigentlich genug Spuren hinterlassen hat, um sie kennen zu lernen. Vor allem dort, wo sie zu Hause war: Im Casa Azul – dem blauen Haus – Heimstatt, Zufluchtsort und Gefängnis einer schillernden Persönlichkeit.

„Elektrizität und Reinheit“

schrieb Frida Kahlo mit einem kobaltblauen Stift in ihr Tagebuch und fügte später „Liebe“ in braun hinzu. Rot ist „Blut? – tja, wer weiß!“, fragt sie sich noch. Nach genau diesen Farben, die sie in jenem Tagebucheintrag neu interpretiert hatte, halte ich Ausschau. Der Taxifahrer weiß nämlich nicht, wo es ist – ihr Haus. Heute Pilgerstätte für kunstinteressierte Touristen und nationalstolze Mexikaner. „La Casa Azul? Hier geradeaus, richtig?“, fragt er mich. Das Haus müsste an der Ecke der Straßen Londres und Allende liegen. Wir sind jetzt in der Viena, überqueren nach einer längeren Diskussion die Berlin und biegen schließlich in die Londres ein. Hausnummern sehen wir keine. Trotzdem suchen wir Nummer 247. Ich beuge mich weiter aus dem Fenster – dort vorne leuchten die Außenwände eines Eckhauses kobaltblau. Es fällt ins Auge in Coyoacan, einem pittoresken Wohnbezirk der Metropole, in welchem sonst Pastellfarben dominieren.

Ein abweisender Klotz von außen, ohne Fenster und ohne Balkon.

Kaum trete ich durch die schmale, rot bemalte Eingangstür, ist dann alles anders: Um mich herum Touristengewühl, aber auch ein Gewirr tropischer Pflanzen, Gezwitscher exotischer Vögel, ein Wald voller präkolumbianischer Statuetten. Irgendwo plätschert Wasser. Zu Zeiten Kahlos kreischten auch noch Affen in den Bäumen, plapperten Papageien, stolperten die Besucher über die itzcuintlis, die kleinen mexikanischen Hunde der Malerin, über ein Rehkitz oder eine Ziege. Oft spielten bandas Gitarre, Kahlo und ihr Ehemann, der Muralist Diego Rivera, sollen dazu Gassenhauer gesungen haben.

Frida Kahlo„Frida war nicht diese leidende Frau, wie sie jetzt mythologisiert wird. Sie trank, sie rauchte, sie war sehr glücklich und sie liebte Musik“, berichtete Guadalupe Rivera Marin, die Tochter Riveras mit seiner zweiten Frau, Lupe Marin. Ein ganzes Jahr verbrachte das Kind in jenem Haus, in dem auch Leo Trotzki eine Zeitlang wohnte; Schriftsteller wie Pablo Neruda, André Breton, Künstler wie Henry Moore, Fotografen wie Edward Weston und Manuel Alvarez Bravo oder gefeierte Schauspielerinnen wie Maria Felix und Paulette Goddard ein- und ausgingen. Guadalupe hatte das Haus so erlebt, wie es heute nur noch zu erahnen ist: Nichts ist hier leise oder schüchtern – weder die Farben noch die Geräusche und zu Zeiten, als der äußerst beleibte Maler Rivera noch mit seinen Lieblingsspeisen bekocht wurde, waren es auch nicht die Gerüche.

Ich will eine Rampe zu einer Glastür auf der gegenüberliegenden Seite vom Eingang hochgehen. Mir scheint, sie führt zu einem zentralen Raum des Hauses. Doch nein… „Links bitte, die erste Tür“, fordert mich der Museumswächter nachdrücklich auf, „dort fängt der Rundgang an.“ Er lotst mich vor eine Glasvitrine: Sie schützt Kahlos Tagebuch. In ihm hat die Künstlerin Skizzen, kurze Texte und Briefe an Rivera festgehalten. Es ist Beweisstück für die schwierige Liebe zu ihrem Mann. Beweisstück für ihren abgründigen, manchmal kindlichen Humor.

Der grausige Ojosauro

Aufgeschlagen ist eine Seite mit einem grün und rot gestreiften Würmchen, dessen Nase einem Einhorn ähnelt und das am Kopf eine Narrenkappe trägt. „Ein altes Tier“, notierte Kahlo, „das tot bleibt, um die Wissenschaften zu fesseln. Es sieht bis nach oben… und hat keinen Namen. Wir werden ihm einen geben: Der grausige ojosauro, der Augensaurier“

Als André Breton, der französische Theoretiker des Surrealismus, 1938 die Bilder Kahlos sah, war er begeistert. Er wollte sie als Surrealistin in Paris bekannt machen. Die Autodidaktin aber hielt nicht allzu viel davon, vor allem, weil sie die „verdreckten Surrealisten-Künstler, die nichts anderes als klug faseln können“ nicht mochte, aber auch, weil sie niemals Träume gemalt hätte: „Was ich dargestellt habe, war meine eigene Wirklichkeit“, betonte sie.

Welche Wirklichkeit mag sich hinter einem ojosauro verstecken? Nur ein Farbfleck?

Ein solcher hat Kahlo jedenfalls inspiriert. Doch den Ursprung ihrer Figuren ortet die Kunstkritikerin Sarah Lowe in mexikanischen Legenden, Geschichten von Wesen und Tieren wie sie in den aztekischen Tempeln in Stein gemeißelt, in den Maya-Codices oder im landesüblichen Kunsthandwerk zu finden sind. Denn Kahlo fühlte sich als Mexikanerin, als Kind der Revolution – zu einer Zeit als sich alle anderen an Europa oder den USA orientierten. Hielt sie sich nicht in Mexiko auf, fühlte sie sich ohne die Legenden, die Gärten und die Sonne verloren. Aus den wenigen Jahren, die sie wegen und mit Rivera in den USA lebte, stammen viele Briefe. Sie zeigen, wie sehr sich die Malerin nach Coyoacan gesehnt hatte. Sie wollte nicht allein durch Kleidung und auffallenden Schmuck an ihren Ursprung erinnert werden. Obwohl sie jede Menge davon mit nach San Francisco, Detroit und später nach New York mitgenommen hatte, vermisste sie ihre Heimatstadt jede Minute.

2000 Wunderchen – Fridas milagritos

Eigentlich ist der nächste Raum kein richtiges Zimmer, eher ein pasillo (Flur) zu anderen Räumen. Links führt eine Treppe hoch, geradeaus kann ich in die Küche sehen, rechts geht es in einen weiteren, hellen Raum. Trotzdem weiß ich sofort, dass hier Kahlos Zuhause erst richtig beginnt. Die Wand ist mit Votivbildern voll gehängt, 2000 Stück, meinen die Biographen. Milagritos, kleine Miniaturen von Unfällen, Schicksalsschlägen, Moritaten. Unter jeder gibt es eine Danksagung. Kahlo hat diese Votivbilder gesammelt. 1943 hat sie schließlich eines gefunden, das ihren eigenen, lebensverändernden Unfall vom 17. September 1925 so detailgetreu darstellte, dass sie nur dem Opfer noch ihre dichten, zusammengewachsenen Augenbrauen aufmalen und die Bus- wie auch die Straßenbahnaufschrift ändern musste. Dieses Bild symbolisiert jenen Moment, der sie von der Medizinstudentin zur Malerin, von der erfahrungshungrigen, jungen Frau zum „Krüppel“ werden ließ. Unter der Treppe, gleich neben der Sammlung gibt es einen kleinen Tisch und zwei Stühle – es ist als hätte die Künstlerin öfter hier gesessen, sich inspirieren lassen, bevor sie in die Küche ging oder ins Esszimmer.

Der verwundete Tisch

Ein Holzofen über eine komplette Wandbreite, riesige, irdene Töpfe – darauf und an die Kachelwände gehängt: Rivera legte Wert auf traditionelles, mexikanisches Essen: gefüllte Chilieschoten, Maistortillas oder Huhn mit mole poblano (pikanter Schokoladesauce). Über dem Herd hat Kahlo kleine Tonkrüge in den Schriftzügen „Diego“ und „Frida“ anordnen lassen. Eine Art Liebeserklärung, weil sie wußte, dass Riveras Laune stark von der richtigen Kost abhängig war.

Küche und Esszimmer sind beide in gelb gehalten. Die Farbe für „Wahnsinn, Krankheit und Angst“, aber auch „der Sonne und der Freude“, wie die Malerin in ihrem Tagebuch betonte. Im Esszimmer gibt es jede Menge Keramik, grün glasierte Karaffen, Schüsseln, Gläser. Alltagswaren der indigénas, wie sie auch heute noch auf den Märkten zu Spottpreisen zu finden sind. Es fehlen weder Spitzendeckchen noch die bunt bemalten, lebensgroßen Tiere; Vögel, Teufel und Früchte aus Pappmaché.

La mesa heridaEin riesiger Tisch zeugt davon, dass Gäste in diesem Haus willkommen waren. Er symbolisierte für Kahlo auch „den Ort des Zusammenkommens“. Dieser Ort war, so die Biografin Hayden Herrera, durch die Scheidung von Rivera verletzt und im Bild „der verwundete Tisch“ verewigt worden. Rivera kehrte jedoch zu ihr zurück, zog nach einer nochmaligen Heirat mit seiner Frida wieder zusammen und baute ihr schließlich ein eigenes Reich aus Vulkangestein.

Die Treppen hoch befindet sich dieses, zunächst Kahlos sonnendurchflutetetes, luftiges Atelier. Riesige Fenster ohne Vorhänge, aber von vielen Querstreben unterteilt. Vor der Staffelei steht ein Rollstuhl. Die Pinsel und Stifte liegen in Reichweite, eine Kurbel ermöglichte es der Malerin das Bild in der optimalen Höhe zu fixieren. Sie arbeitete an guten Tagen im Sitzen. Auf dem großen Arbeitstisch, auf dem Kahlo ihre Studien machte, können die Besucher dann jene Spezialkonstruktion studieren, die es der Malerin erleichterte, an ihren schlechten Tagen zu malen – nämlich im Bett. Dort verbrachte sie oft Monate bewegungslos, mehrmals auch in ein Gipskorsett gezwängt.

Die Urne mit der Asche und auch Fridas Totenmaske finden sich ebenfalls in einer Ecke dieses Raumes. Aber die meisten Besucher beachten sie kaum, gehen schnell weiter. Sie wollen alle – ohne Ausnahme – nur in den nächsten Raum: ins Schlafzimmer.

Fridas “Quintovirat”

marxismoyfridaEs ist kleiner als ich es mir vorgestellt habe. Das berühmteste Bett der Kunstgeschichte füllt das Zimmerchen nahezu vollständig. Da Kahlo in genau diesem Bett die Besucher ihrer Ausstellung in dem Museum Bellas Artes empfangen hatte, war und ist es den Leuten ein Anliegen, dieses Möbelstück zu bewundern. In ihm hat die Malerin Freunde empfangen, gelesen, flaschenweise Tequila getrunken, gemalt und unzählige Fotos machen lassen.

Sonst aber finde ich keine Andenken, auch keine Fotos von all den Geliebten, die Kahlo gehabt haben soll. Nicht von Trotzki, nicht vom Fotografen Nickolas Murray, dem Bildhauer Ralph Stockpole und auch nicht vom Muralisten Ignacio Aguirre, selbst von Rivera nicht. Nur die Köpfe von fünf Männern zieren die Wand: Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao. Sie hängen in einer Reihe, direkt gegenüber vom Kopfende, in Sichtweite.“Ich liebe sie als Pfeiler der neuen kommunistischen Welt”, notierte sie einmal.

El amante

Doch noch einem hat die Künstlerin in ihrem intimsten Stunden Platz eingeräumt – el amante (dem Geliebten). An den Bettpfosten gehängt, klappert der Tod, ein grünes Skelett mit roten Rippen. Die Pappmaché-Figur ist Kahlos ständiger Begleiter in den Nächten. Er erinnerte sie daran, dass ihr Leben jederzeit zu Ende sein konnte. Deshalb umarmte sie ihn, hieß ihn willkommen. Der Tod ist aber auch Mahnmal ihrer “größten Niederlage” – die Künstlerin kämpfte lange Zeit damit, dass sie wegen ihres Unfalls Rivera “kein Kind schenken” konnte.

Die Tür ihres Schlafzimmersn führt hinaus auf einen kleinen Balkon, dessen Treppe hinunter in den hinteren Teil des Gartens führt. Hier finde ich einen Springbrunnen, eine große Terrasse mit einer Wand eingemauerter Muscheln und Krüge. Ich folge dem Weg und finde noch viel, viel mehr Pappmaché-Tode, -gesichter und -männer… Sie heißen in Mexiko judas und werden mit all dem Hass, der Eifersucht, den Zweifeln, der Wut und auch der Angst bemalt oder behängt, Gefühle, mit denen man im Laufe eines Jahres so konfrontiert ist. Am Samstag vor der Karwoche schmücken die Menschen diese Figuren mit Feuerwerkskörpern und zünden sie an. Gemeinsam verbrennen sie diese “unerwünschten” Gefühle bei einem gigantischen Fest.

„Es ist Stärke zu lachen“, schrieb die Malerin einmal, „und sich der Leichtigkeit zu überlassen.“ Kahlo hatte an den Samstagen vor der Karwoche mehr als genug Figuren zu verbrennen. So garantierte sie, weiterhin lachen zu können. Bis zu ihrem Tod.

©SComm Intercultural, erschienen im Berliner Tagesspiegel