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3. Fenster: Als der dumme Kaufmann wettete

Hase für den Kaufmann

Es lebte einmal ein dummer Kaufmann in Jaipur, Indien. Der war so dumm, dass ihm das Gold hinterherlaufen musste, damit es sich vermehren konnte.

Dieser Kaufmann beschloss eines Tages seine Frau heim zu holen. Geheiratet hatte er sie, als sie noch ein Kind war – vor sechs Jahren war das. Oder waren es acht? Es strengte ihn an, sich zu erinnern. Das Mädchen, das seine Frau war, lebte sowieso noch in Laslot bei ihrem Vater. Und das war bis jetzt gut gewesen… denn der Kaufmann konnte keine Änderungen vertragen und solche, die seinem Haushalt störten, schon gar nicht.

Aber nun war seine alte Amme gestorben. Die Frau, die alles von ihm gewusst, für ihn gesorgt und natürlich auch seine Dienerschaft dirigiert hatte. Plötzlich fand er, dass ihm die Gesellschaft seiner Frau doch gut tun würde – und es für sein Wohlbefinden unerlässlich sei, dass sie nach dem Rechten sähe.

So brach er auf und reiste nach Laslot.

Wie er seine Frau holte

Gib mir meine Frau! Ich will sie mit nach Hause nehmen, sprach er, kaum hatte er das Haus seines Schwiegervaters in Laslot betreten.

Sei doch nicht so ungeduldig. Setz dich, lass dich bewirten! Erzähl, wie ist es dir ergangen?

Keine Zeit, widersprach der dumme Kaufmann. Ich will nicht länger von zuhause weg bleiben als nötig. Zu erzählen habe ich nichts: Der Tag kommt, der Tag geht. Dazwischen passiert nicht viel.

Der Schwiegervater klatschte die Hände über dem Kopf zusammen. Der Kaufmann war sogar zu dumm zu erkennen, wann es Zeit war, höflich zu sein. Seufzend ließ er seine Tochter Namina holen.

Die ideale Frau für einen dummen Kaufmann

naminaNamina war zu einer hübschen jungen Frau heran gewachsen: Folgsam, tüchtig und nicht allzu klug.

Klüger zwar als es ihr Mann zu sein schien, fand der Vater, aber nicht so klug, um unfolgsam zu sein. Sie würde jedem eine gute Frau sein, auch für einen ganz anderen Mann als den dummen Kaufmann.

Und diese Frau hatte, kaum dass sie ihren Mann durch das Tor reiten sah, alles für die Abreise vorbereiten lassen. Ihre Kleider waren mittlerweile gepackt, Proviant aufgestockt und der Esel gesattelt. Namina war bereit, ihrem Mann nach Jaipur in ihr neues Heim zu folgen, als sie vor ihn trat.

Und das war gut so.

Ich hoffe, du bist fertig. Ich möchte keine Zeit verlieren.

So begrüßte sie ihr Mann. Namina ließ sich’s nicht verdrießen und nickte freundlich. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater. Dem allerdings war das Herz schwer. Weniger davon, dass er ein Kind ziehen lassen musste, als davon, mit welchem Mann es davonzog.

Die beiden machten sich unverzüglich auf den Weg. Die Rückreise schien dem Kaufmann ein bisschen angenehmer als die Hinreise: Namina bereitete das Mahl, wenn sie lagerten; sang, wenn sie Wasser schöpfte; teilte bereitwillig ihr Lager mit ihm und schwieg, wenn er ob des beschwerlichen Wegs jammerte oder auch nur seine Ruhe wollte. Es war, als würde sie die Wünsche ihres Mannes spüren, als wüsste sie, was er wollte noch ehe er selbst selbiges wusste.

Mit ihr kann ich meine Tage verbringen! dachte der dumme Kaufmann bald und beglückwünschte sich zu seiner guten Wahl.

Man wird ja wohl noch wetten dürfen

Kurz vor seiner Heimatstadt lag das Dorf Kanota, das sie durchqueren mussten.  Dort saß am Rande eines Feldes ein Mann. Der schien auf sie gewartet zu haben, denn als sie an ihm vorbei wollten, sprach er den dummen Kaufmann an:

Wohin des Weges, edler Herr?

Was geht dich das an?

Ehrwürdiger, verzeiht, dass ich Euch angesprochen habe! Aber ich brauche Euren Rat.

Nun, es kam nicht oft vor, dass jemand den dummen Kaufmann um Rat fragte, und so ehrerbietig schon gar nicht. So neigte er huldig sein Haupt.

  • Sprich!
  • Was meint Ihr? Lebt in diesem Sanddornstrauch ein Hase?
  • Ein Hase? Ich sehe keinen.
  • So meint Ihr, da gibt es keinen?
  • Ja, wenn man keinen sehen kann, gibt es keinen.
  • Würdet Ihr darauf wetten?

Just in diesem Moment zupfte Namina am Ärmel des Kaufmanns. Er schüttelte sie ärgerlich ab.

  • Natürlich würde ich darauf wetten! Was man nicht sehen kann, gibt es nicht!
  • Gut, dann wetten wir. Läuft ein Hase aus dem Busch, wenn ich schüttle, bekomme ich deine Frau.

Und der dumme Kaufmann schlug ein. Er hatte ja recht – Was konnte ihm schon passieren?

Es kam aber wie es kommen musste. Der Mann schüttelte den Busch, ein Hase flitzte entsetzt heraus und der Kaufmann war seine Frau los.

Was war das Gejammere groß

Da musste er Namina nun mit diesem Fremden ziehen lassen.

  • Seine Namina, die ihm das schmackhafte Mahl bereitete.
  • Seine Namina, die ihm Wasser schöpfte.
  • Seine Namina, die ihm mit ihrem Gesang unterhielt.
  • Seine Namina, die das Lager mit ihm teilte.
  • Seine Namina, die ihm seine Wünsche von den Augen ablas.

Namina war nun verloren! Das Entsetzen des dummen Kaufmanns war groß und wurde größer, je länger er darüber nachdenken konnte und je weiter der Fremde mit seiner Frau von ihm entfernte.

Hilfe für den KaufmannUnd weil der dumme Kaufmann nicht wusste, was er jetzt tun sollte, folgte er den beiden. Während er so hinter ihnen jammernd durch das Dorf Kanota kam, hörte ihn eine kluge Alte. Was denn los sei, wollte sie wissen, weil er so jammerte. Da erzählte er von seinem Schicksal.

Wer erzählt, wird aber auch gehört: Die Leute im Dorf versammelten sich um den dummen Kaufmann und hörten gemeinsam mit der Alten zu.

Und weil der Fremde mit Namina am Dorfplatz eine kleine Rast machte, dauerte es nicht lange und die Leute holten die beiden, um ihre Version der Geschichte zu hören.

Ja, bestätigte der Fremde. Ja, der Kaufmann hat die Wette verloren! Der Hase ist aus dem Sanddorn gesprungen. Wir haben es alle drei gesehen.

Was redest du da für einen Unsinn, rief die kluge Alte. Mir gehört das Feld neben dem Busch. Im Sanddorn lebt, wie ich sehr gut weiß, kein Hase, nur eine Häsin. Ihr habt eine Häsin aufgeschreckt!

Da sah der Fremde seinen Wettgewinn entschwinden. Er schaute auf die Stirnen der Dorfbewohner, die sich runzelten und wusste, dass er verloren hatte. Beschämt ging er davon.

So bekam der dumme Kaufmann seine Namina zurück.

Und als Draufgabe zog die kluge Alte mit ihnen nach Jaipur.

Allein lassen – fand sie – konnte man diesen Kaufmann nicht!

Tipp für den 3. Dezember

Vorausgesetzt euch läuft das Gold nicht hinterher… ihr könntet es auch drucken. Oder reicht euch selbstgemachtes Weihnachtspapier?

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