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Der bösen Schwiegermutter das Wort

Psyche: Schwiegrmutters Weh

Schwiegermutter: So beschimpfen mich manche. Böse sei ich, sagen sie, eifersüchtig wäre ich von Anfang an gewesen – neidisch auf die Schönheit einer der ihren, einer Sterblichen! Was die sich nicht alles seit Jahrhunderten zusammenreimen! ICH – wütend, weil manche Menschen damals behauptet hätten, das Mädchen Psyche wäre schöner als ich; ja es sogar einige unter ihnen gab, die deren Reinheit anbeteten; Psyche Blumen vor die Haustür streuten.

Was wissen diese Menschen denn? Nur, weil ihnen der Schreiberling Apuleius seine Version erzählte – dieser Dichter, der doch nur ein Sprachrohr meines größten Widersachers Apollon war –  ein Schwätzer, ein Lügenverbreiter.

Aber ihr glaubt ihm natürlich, ihr Sterblichen. Ihm und all seinen Nachfolgern. Ehrlich, was für eine armseelige Vorstellung ist das denn? Könnt ihr euch nichts Anderes ausdenken? So – und offenbar nur so – kennt ihr es. Von euch selbst. Ihr interpretiert Psyches Geschichte um, macht mich zur einzigen Ursache ihres Schicksals; passt ihr Leiden eurem schwachen Weltbild an. Wart ihr etwa dabei? Habt ihr gesehen, gefühlt, erfahren?

Nein!

Ihr kennt das Märchen von Amor und Psyche nur vom Hörensagen und seht offenbar keinen Grund das Lügengespinst zu hinterfragen. Ein Märchen war es damals, als Apuleius es aufschrieb, sonst nichts. Nicht einmal ein Märchen… ein Lügengeflecht… ein Propagandagedicht! Ihr habt vergessen, wer ich wirklich bin, wer Cupido, wer Apollon. Ihr habt uns sogar andere Namen gegeben: Venus, Amor, Apollo. Das Orakel von Delphi hat auch noch das seine dazu beigetragen. Aber… was tun die denn anderes, als Lügen zu verbreiten? Als  wüssten sie – gerade die! Sie wissen schon so lange nichts mehr. Schon seit damals, als Apollo meine Seherinnen umbringen ließ…

Als Schwiegermutter sage ich euch

Schönheit vergeht, gerade bei den Sterblichen! Und was bleibt? Charakter. Nur der. Wie sollte Psyche aber einen solchen entwickeln, wo sie doch den ganzen Tag in ihrer Kammer in Algier herumsaß und sich die Augen nach einem Geliebten leer weinte; sich sehnte, nach einem, der sie und nicht nur ihre Schönheit lieben sollte.

Ach geh…

Besser wäre gewesen, sie hätte sich die Augen nach einem ausgeweint, von dem sie glaubte, ihn selbst zu lieben. Das nämlich bildet!  Nichts bildet so sehr – den Charakter…

Sie hätte sich aufmachen sollen, zu lernen, sich selbst zu vertrauen. Doch dafür hätte sie einen besonderen Mann gebraucht; einen, der weder dem gängigen Schönheitsideal entspricht,  noch göttlich ist; einer, der durchschnittlich oder hässlich, männlich, aber nicht dumm ist, dessen Interessen nur eben fern von den ihren liegen.

Einen, auf den sie warten müsste, stundenlang, weil er vergessen hat, sie zu treffen, weil er zu arbeiten hat, weil er andere Frauen trifft; einen, der trinkt, dem Männerfreundschaften wichtiger sind als ein Abend mit ihr; einer, der sie schlägt, der achtlos ist, der lieber Sport macht oder Gefährte repariert. Ach, es gibt unzählige Spielarten!

Schlicht einen, der ihr die Augen öffnen konnte; ihr zeigen würde, wie wichtig es ist, unabhängig – bei sich selbst – zu sein und ihr eigenes Leben mit Freude zu füllen. Ihr Leben täglich mit allen Facetten zu genießen. Nur dann nämlich würde sie überhaupt den Mann finden können, der sie tatsächlich liebt – nicht nur ihre Schönheit!

Zu dieser Erfahrung wollte ich ihr verhelfen: Ich wollte, dass sie sieht, wovor sie sich hüten muss: Wahllos irgendjemandem ihr Leben zu schenken… schon gar nicht jemandem, der es nicht wert ist, weil er ihr Leben nicht achtet!  Das aber konnte sie nur durch einen Menschen erfahren, von dem sie glaubte, ihn zu lieben. Zu einem solchen sollte ihr mein Sohn verhelfen, damit sie sieht…

Was aber tat Amor?

Er verliebte sich selbst in sie – er, ein Gott, kein Sterblicher, kein normaler Mann, ein allwissender, göttlich-machtbesessener. Dann wollte er sie gleich auch noch besitzen; ohne ihre Zustimmung entführte er sie. Umgehend und ohne über Konsequenzen nachzudenken. Er war ja verliebt.

Als ob das irgendetwas entschuldigen würde!

Psyche lernte – entführt und entehrt – meinen Sohn zu lieben… ja, doch, was blieb ihr auch Anderes übrig? Amor versteht etwas davon, eine Frau die Nächte genießen zu lassen. Was diese unerfahrene Liebe allerdings für beide bedeuten würde, das konnten sie nicht vorhersehen: Das Techtelmechtel ging solange gut, bis Psyche Amor ins Gesicht sah. Ihn erkannte. Sah, was und wie mein Sohn tatsächlich ist. Das verträgt ein Gott nicht, das verletzt ihn. Das macht ihn zu menschlich. Wohin floh Amor damals vor diesem Blick? Zu Muttern! Aber nicht, dass er mir etwas erzählt hätte!

Ein Tropfen Kerzenwachs hätte ihn verletzt… also bitte! Eine schwächere Ausrede hätte ihm kaum noch einfallen können!

Er verkroch sich in sein Zimmer, schlich mit Leidensmiene herum… Er kam nur dann aus seinem Zimmer, wenn er was brauchte. Wenn ich fragte, was er hätte, bekam ich ein schmollendes „Nichts!“. Dass das „Nichts“ in meinem Haus die Stimmung verdarb, störte ihn nicht.

Psyche war wesentlich geschickter

Sie ahnte, dass ihr bei Liebeskummer nur eine Frau helfen konnte, eine erfahrene: Deshalb kam sie zu mir – der Schwiegermutter in spe. Sie bat um Hilfe. Sie liebe Amor, sagte sie, wolle ihn, wie er war. Sie dachte allerdings an eine Verbindung in Augenhöhe. Ich entdeckte den Keim zur doch noch möglichen Charakterbildung und war entschlossen, ihn zu nähren, ihn wachsen zu lassen: Psyche sollte sich selbst vertrauen lernen!

Ein Gott wie Amor brauchte eine Göttin als Partnerin; eine Unsterbliche, die ihm Grenzen setzen konnte. Eine, die mit ihrer Ewigkeit auch ohne ihn etwas anzufangen wusste – und nicht eine sterbliche Seele, deren Schönheit durch vergebliches Warten vergehen, die ohne Freude dahinsiechen und letztendlich sterben würde.

Das war dem Mädel natürlich noch nicht so ganz klar, aber sie murrte trotzdem nicht.

Drei Aufgaben stellte ich – nicht mehr

Drei, nicht vier, wie mir der Lügenbaron, Apuleius, später unterstellte:

  1. Psyche sollte binnen Tagesfrist einen Berg aus Gerste, Mohn, Hirse, Weizen und Erbsen verlesen. Sie holte Hilfe – das kluge Kind. Sie rief die Ameisen, die ihre Aufgabe erledigten. Korn und Samen nach Sorte getrennt auf Häufchen stapelten.
  2. Zur Locke der Schafe vom goldenen Vlies verhalf ihr der Fluss. Sie selbst betörte ihn mit ihrer Klug- und ihrer Schönheit.
  3. Was ich wegen dieses Tropfens aus der Quelle, die von einem Drachen bewacht wird, sagen möchte: Wenn selbst Götter vor diesem Drachen zurückschreckten… wie sehr wäre Psyche unter ihnen geachtet worden, hätte das Mädchen zum rechten Zeitpunkt begriffen…. hätte sie bloß Apollos Behauptung, ihr geholfen zu haben, von Anfang an zurückgewiesen! Denn geholfen hat er wahrlich nicht! Der Gott der Dichtkunst rührte nicht einen Finger, obwohl es seine Anhänger immer wieder behaupten. Psyche überlistete den Drachen selbst. Sie allein bat den Adler des Zeus, ihr zu helfen, sie zur Quelle zu bringen. Und der Adler half, weil es seine Natur war.

FreiheitDoch noch war das Mädchen zu jung, zu schwach. Sie konnte ihre eigene Leistung nicht erkennen! Zu zögerlich war sie, um ihr Können wert zu schätzen. Zu unerfahren mit göttlichem Werk! Und schon nutzten andere ihre Zweifel, ihre mangelndes Selbstvertrauen!

Apollo hätte auch hier geholfen. Ja klar, ausgerechnet… Als könnte der Gott der schönen Worte der Natur befehlen? Hah – diese Macht hat er nicht und wird er auch nicht bekommen, ewig nicht.  Er kann die Natur besingen, gern. Aber mehr ist nicht! Da nützt es ihm auch nicht, das Orakel von Delphi erobert und meine Priesterinnen getötet zu haben. Da können die Usurpatoren – seine Priester – erzählen, was sie wollen. Tatsache ist: Die Herrscherin der Natur bin und bleibe ich. Weiblich. Und Psyche gehört zu uns, ist eine Frau!

Die vierte Aufgabe

Die vierte Aufgabe war in Wahrheit überhaupt keine Aufgabe. Die Büchse mit Proserpinas Schönheit sollte nicht für mich sein. Was sollte ich mit Proserpinas Schönheit aus der Unterwelt? Ich bin ja schon die Göttin des Todes! Er ist Teil meiner unsterbliche Schönheit! Die Büchse war kein von mir geplanter Verrat! Ein Quentchen dieser Schönheit hätte Psyche unsterblich gemacht.

Ach, hätte das Mädchen ihre Neugier nur eine kleine Weile bezähmen können! Gerade so lange bis es wieder an der Oberwelt gelandet wäre! Ja, dann hätte Psyche ihre Göttlichkeit aus eigener Kraft geschafft. Leider war Diskretion nicht gerade ihre starke Seite! Das hatte sie ja schon bei Amors Bitte bewiesen, ihn niemals direkt anzusehen. Dass diese Sterblichen so furchtbar neugierig sind…

Ein Blick nur genügt – schon wandelt sich die ganze Geschichte.

Psyche versank in todesähnlichen Schlaf

Kaum glaubte mein Sohn, seine Geliebte auf ewig verloren, wurde er aktiv. Er flehte mich an, bettelte, bat und schmeichelte. Amor nämlich besitzt die Macht nicht, Leben zu schenken. Noch so eine Lüge der Orakelverdreher, Dichter und Poeten. Da braucht der Gott der Liebe schon Muttern dazu. Und ich gab nach.

Der nächste Schritt war ein Fehler. Diesen Schritt bereue ich bis heute! Oh, und wie ich ihn bereue… jeden Tag.

Ich erweckte das Mädchen, ohne dass ich selbst vor ihr erschien. Ja, ja… ich war zu faul, ich gebe es zu. Ich war Amors Gebettel leid, wollte meine Ruhe. Um keinen Preis wollte ich reisen… noch dazu an so ungastlichen Ort. Ich ahnte ja nicht, wie hoch der Preis tatsächlich sein würde! Ich kam nicht auf die Idee, dass Amor seiner Geliebten beim Aufwachen nicht die Wahrheit sagen, ihr einreden würde, sie verdanke ihm und Apollo alles.

Das I-Tüpfelchen setzte Zeus. Auch das hätte ich wissen müssen: Männer unterstützen sich gerne bei ihren Machtgelüsten – Götter sind da keine Ausnahme, da braucht man nur Hera zu fragen. Zeus machte das Mädchen zur Göttin von seinen Gnaden!

Was schlimm genug ist! Wo bleibt dabei das eigene, weiblich-göttliche Selbst!

Dann verheiratete er Psyche auch noch mit dem Lügenbeutel, meinem Sohn. Das Mädchen konnte gar nicht aus freien Stücken wählen. Sie hat in der Unterwelt vergessen, vergessen, was sie geleistet, wofür sie gekämpft und gestritten hatte. Für ihre Göttlichkeit, ihre Freiheit, ihre Lebenslust. Psyche gehorchte vor Zeus und den anderen – erduldet bis heute, weil sie sich abhängig glaubt.

Als Schwiegermutter aber weine ich täglich heiße Tränen…

Psyche vertraut sich nicht mehr!

  • Heute werkt sie in Amors Haus, gebiert ihm seine Kinder. Kocht, putzt, wäscht und wartet –  wartet Stunde um Stunde: mit dem Essen, mit dem Schlafen oder darauf, dass er sie in die Stadt mitnimmt… wartet sehnsüchtig darauf, dass Amor sie wieder schätzt, so aufmerksam ist wie früher. Sie vergeudet ihr Leben.
  • Manchmal findet sie sogar Arbeit, aber übt sie nur solange aus, solange Amors Bequemlichkeit nicht leiden muss.
  • Ohne Hidschab geht sie nie aus dem Haus. Ihre Schönheit, sagt sie, hebe sie auf – für meinen Sohn. Sie sei ihm so unendlich dankbar… dass er sie genommen, sie gerettet hat.

Amor, weiß ich, hat mittlerweile beides satt: Psyches Schönheit und ihre Abhängigkeit. Wie ich höre, vergnügt er sich in der Stadt.

Er denkt, sagt er, über eine zweite Frau nach. Eine, die Psyche ersetze, ihn herausfordere, ihr eigenes Leben lebe…

“Eine, die von mir unabhängig ist, Mama.”

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