Kaffeehauspersonal leider ohne Apfelstrudel
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Rezept: Der einzig wahre, der echteste aller Apfelstrudel

Was in der kaiserlich, königlichen (k. und k.) Monarchie der Habsburger wirklich jeder wusste, heute aber gern verdrängt wird: Der Apfelstrudel kommt eigentlich nicht aus dem heutigen Österreich. Wie viele der als typisch österreichisch angesehenen Mehlspeisen! Der Apfelstrudel kommt von ganz woanders:

Damals, als Tschechien noch zur Habsburger Monarchie gehörte und die Amtssprache Deutsch war, zogen viele böhmische Frauen nach Wien, mit ihren Männern oder allein, um in der Hauptstadt Österreichs zu arbeiten. Sie verdingten sich dort als Köchinnen, Dienstmägde, Hausmädchen oder in den zahlreichen Fabriken der Stadt.

Das Erbe, das diese tüchtigen Frauen den Wienern hinterlassen haben, sind die zahlreichen Mehlspeisrezepte, für die die österreichischen Küche heute so berühmt ist.

Dazu gehört neben der Palatschinke auch der heute allseits bekannte – der Altwiener

Apfelstrudel aller Apfelstrudel

Auf eure Frage hin habe ich mich hingesetzt und notiert, was in Wien jeder weiß: Das Rezept des Altwiener Apfelstrudel für 6-8 Portionen. Damit ihr in Zukunft einen wahren, ja den echtesten aller Apfelstrudel klar erkennt. Probiert und genießt!

Zutaten für den selbstgezogenen Strudelteig

  • 200 g Mehl, glatt (Type 480)
  • 1/8 l Wasser, lauwarm
  • EL Öl
  • eventuell 1 Ei
  • Prise Salz
  • Mehl zum Stauben
  • Butter zum Bestreichen
  • Öl zum Bestreichen

Mehl kegelartig auf Arbeitsfläche häufen, oben einen Krater bilden.

Salz, Öl, (Ei) und nach und nach Wasser beigeben.

Alle Zutaten zu einem glatten Teig kneten. Teig dünn mit Öl bestreichen und zugedeckt ca. eine halbe Stunde rasten lassen.

Ein Tuch mit Mehl stauben, Teig ebenfalls mit Mehl anstauben und mit dem Nudelholz gleichmäßig ausrollen. Mit flüssiger Butter bestreichen, zugedeckt einige Minuten rasten lassen.

Den Teig mit dem Handrücken hauchdünn und gleichmäßig ausziehen, dabei beide Hände verwenden.

Zutaten für die Fülle

  • 1,5 kg säuerliche Äpfel z. B. Boskop, Golden Delicious (geschält und entkernt)
  • 20 g Sauerrahm (oder geschlagene Sahne)
  • 80 g gehackte Walnüsse
  • 150 g Kristallzucker
  • 150 g Semmelbrösel (Paniermehl)
  • 80 g Butter
  • 1 KL Zimt
  • 1 EL Vanillezucker
  • 2 EL Rum

Äpfel vierteln, in 3 mm dicke Scheiben schneiden.

Butter in Pfanne erhitzen, Semmelbrösel beigegeben, goldbraun rösten, kalt stellen.

Äpfel mit Kristall und Vanillezucker sowie Zimt, Rom und Rosinen vermengen.

Strudelteig anrollen, mit flüssiger Butter bestreichen, dünn auf bemehlten Tuch ausziehen, Ränder abschneiden. Strudelteig mit Bröselgemisch bestreuen, Äpfel darauf gruppieren, Walnüsse darüber streuen und mit Sauerrahm (Sahne) einstreichen.

Zum Schluss straff einrollen und die Enden schließen.

Auf ein gebuttertes des Backblech legen, nochmals kräftig mit flüssiger Butter bestreichen, im vorgeheizten Backofen braun backen (Backrohr Temperatur: 220 °C, Backdauer: ca. 40 min)

Mit Staubzucker bestreut, warm oder kalt servieren.

Tipp zum Ausziehen des Teigs:

1, 2, 3  – keine Hexerei: Am leichtesten lässt sich Strudelteig ausziehen, indem man ihn

  1. auf ein bemehltes Tuch mittels Nudelholz fingerdick  ausrollt,
  2. 5 min zugedeckt rasten lässt
  3. mit flüssiger Butter kräftig bestreicht

Anschließend lässt sich der Teig wunderbar ziehen.

Statt Äpfel lassen sich auch andere Obstsorten, zum Beispiel ihre Zwetschken, Trauben oder Birnen  verarbeiten. Ein Rhabarber-Strudel ist übrigens auch etwas ganz Besonderes. Ach – das Schlagobers, das sollte nicht fehlen!

Hinweis für Freunde der Vanillesoß': Fußbad kriegt der Strudel keins!!! 😉

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Mara und Josef auf der Suche nach Herberge
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Was auf der Suche nach Herberge niemand erwähnt

Die Gasse liegt staubig im Dunkeln. Zwischen der dritten und der fünften Sur in Cholula, Mexiko, duckt sich das Nonnenhaus hinter einer hohen, mit Glasscherben besetzten Mauer. Herberge soll es sein für diesen Tag.

Ein einziges Fenster leuchtet.

Das Tor zum Haus jedoch ist festlich geschmückt. Ein Weihnachtsstern prangt in der Mitte eines Kranzes aus Reisig, in welchem Orangenscheiben, Zimtstangen, Anis und goldener Bänder gesteckt sind.

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite wartet der Nachbar vor einem mit Lichterketten behängten Tor. Er lauscht dem Krachen der Feuerwerkskörper, die Jung und Alt am zocalo – dem Hauptplatz der Stadt – zünden, sein Blick folgt den spritzenden Blüten am Himmel; Funken spiegeln sich in seinen Augen.

Jetzt müssten sie bald kommen…

Ein Pilgerzug bittet um Herberge

Tatsächlich biegen erste Pilger um die Ecke. Mehr und mehr Menschen folgen  – Nachbarn, Freunde und sogar ein paar Mitglieder der Kirchengemeinde, die eigentlich einige Straßen weiter weg wohnen. Sie haben sich dem Zug angeschlossen, haben sich bereit erklärt, heute im Nonnenhaus Herberge suchen.

Viele davon kommen aus Neugier.

In der Mitte des Pilgerzugs schlendern Kinder: ein Paar verkleidet als Maria und José, andere als Engel, Esel und Ochs. Sie tragen Kerzen. Hinter ihnen spielen Musikanten – mariachis – und verstummen erst, als die Gruppe vor dem Tor des rot gestrichenen Nonnenhaus stehen bleibt.

Die Kinder bilden eine Gasse – für José, der vortritt und am Tor fest klopft. Die Musikanten stimmen an:

  • Im Namen des Himmels bitte ich um Herberge – En el nombre del cielo, os pido posada
  • denn meine geliebte Frau kann nicht mehr weiter – Pues no puede andar mi esposa amada

Im Nonnenhaus geht Licht an, sogar vorne am Tor. Die Metalltür öffnet sich einen Spalt. Der Pilgerzug singt:

  • Hier ist keine Herberge, geht weiter – Aquí no es mesón, siguan adelante
  • Ich darf nicht öffnen, du könntest ein Gauner sein – yo no debo abrir, no sea algun tunante

Fast 500 Jahre altes mexikanisches Wissen

Im Nonnenhaus wohnen schon lange keine Nonnen mehr. Sie sind eines Tages plötzlich ausgezogen, ohne es der Gemeinde zuvor mitgeteilt zu haben. Das Haus stand danach eine Weile leer, bis vor fünf Jahren die Ausländer eingezogen waren.

Der Nachbar grinst, erinnert sich an die junge Frau, die eines Tages in seiner Schreinerwerkstatt stand und mit starkem Akzent darum bat, dass er ihren Tisch repariert. Er wollte damals zuerst sehen, ob sie überhaupt Geld mitgebracht hatte.

Sie war entsetzt. Wie konnte er an ihr zweifeln?

Er dagegen zuckte nur mit den Schultern.

Eroberung Mexikos

Diego Rivera: Mural im Palast von Hernán Cortés in Cuernavaca, Morelos

Gauner gibt es überall – das weiß in Mexiko jedes Kind. Auch dass sie selten auf den ersten Blick zu erkennen sind.

Gauner behaupten, was ihnen beliebt, sogar, dass sie etwas Besonderes sind, Götter zum Beispiel.

Sie schleichen sich unter dem Vorwand ein, Handel treiben zu wollen, bringen stählerne Waffen und Krankheiten mit und vernichten letzendlich Landstriche, Völker, ein riesiges Reich.

In nicht einmal 50 Jahren starben nach der Eroberung des Aztekenreichs im 16. Jahrhundert etwa 22, 5 Millionen Menschen – Mayas, Azteken,  Zapoteken, Mixteken, Huasteken und noch viele mehr, deren Namen heute kaum einer kennt. Ursache waren die Ausländer, Spanier – Hernán Cortés und alle, die ihm folgten.

Dieses Wissen steckt tief im mexikanischen Bewusstsein.

Gerüchte, die schneller fliegen als Tatsachen

  • Weißt du, wer von den Männern der Ehemann ist?
  • Womit verdienen die ihr Geld?
  • In der Kirche habe ich die noch nie gesehen.
  • Sie essen Tortillas. Ich hab’ den Jungen beim Einkaufen zugesehen.
  • Ist das der mit dem Gold im Haar?

Zuerst hatte der Nachbar von den neuen Bewohnern nur die Gerüchte gehört. Manche – Kinder wie Erwachsene – machten sich den Spaß, klingelten und fragten nach den Nonnen.

Hier gibt es keine Nonnen – Aquí no hay monchas

Das wussten die Nachbarn auch. Doch es klang so verrückt aus dem Mund der jungen Frau – völlig fremd. Dieses Vergnügen währte nur kurz; bald schon kam der Satz wie aus der Pistole geschossen, in der korrekten Aussprache und ohne Verlegenheit.

Es blieben der Straße also nur noch Gerüchte, Mutmaßungen, Vorurteile… Der Nachbar hörte eine Menge davon, hielt sich jedoch weiterhin vom Nonnenhaus fern und schwieg meistens, wenn die junge Frau kam. Sie war geduldig geblieben, kam täglich vor und nach der Arbeit und fragte, wann er denn endlich kommen könne.

Morgen – mañana

Drei Monate lang. Bis er sich schließlich aufmachte, den Tisch zu reparieren.

Moctezuma hieß Cortés willkommen

Der Herrscher des Aztekenreiches, Moctezuma II, erhielt Berichte über die Fremden, seit sie an der Küste von Vera Cruz (San Juan de Ulúa) gelandet waren. Er schickten Gesandte zu dem kleinen Haufen Spanier, mit Geschenken aus Gold und Edelsteinen, Kleidung und prächtigem Federschmuck.

Mit diesen großzügigen Gaben wollte er die Fremden besänftigen und dazu bewegen, das Land zu verlassen. Allerdings bewirkte er das Gegenteil. Jetzt war Cortés nämlich klar, dass in diesem Land etwas zu holen war.

Gleichzeitig ließ Moctezuma die Fremden auf Schritt und Tritt beobachten, versuchte herauszufinden, was das nun für welche waren.

Monatelang.

Tenochtitlan

Diego Rivera, La Gran Tenochtitlan via Wikimedia Commons

Schließlich lud er die Fremden zu sich ein, nach Tenochtitlán, einer der größten Stadt der Welt damals. Wie sich die Spanier fühlten, als die Azteken sie willkommen hießen, erzählte Bernal Diaz del Castillo – ein überaus parteiischer Berichterstatter – in seinem Buch: Die wahre Geschichte der Eroberung Mexikos.

Unser kleiner Haufen von vierhundertfünfzig Mann zog mitten durch dichte Menschenmassen, den Kopf noch voll der Warnungen unserer vielen indianischen Freunde. Der geneigte Leser muss sich einmal ganz in unsere Lage versetzen! Dann darf ich ihn nämlich fragen: hat es je Männer gegeben, die ein derart kühnes Wagnis auf sich genommen haben?

Das “kühne Wagnis” bestand darin, Moctezuma in Geiselhaft zu nehmen, die Herrschaft schließlich gänzlich an sich zu reißen und dem spanischen König und sich selbst zu unermesslichen Reichtum zu verhelfen. Wie die Geschichte ausging, wissen wir dank der spanischen Zeugnisse.

Wie sie aus der Sicht der Eroberten zu sehen ist, ist schwerer auszumachen. Denn die heute weitgehend bekannte Geschichte der Eroberung Mexikos ist die Geschichte der Herrschenden, nicht die der Untergegangenen.

Wenn ein Tisch zu reparieren ist

Der Tisch im Nonnenhaus war kein leichter Fall: Wackelig in den Beinen, aus dem Leim gehende Einlegearbeiten und eine an den Kanten stark abgenutze Tischplatte.

Der Schreiner schaute mehrere Tage vorbei und lernte das Leben im Haus kennen, Wohngemeinschaft nannte die Frau es.

Er verlor schnell den Überblick – stets waren Leute da. Ob sie als Besuch galten oder im Nonnenhaus zuhause waren, konnte er meistens nicht sagen. Die fremde Frau, der Junge mit den blonden Haaren und der Andalusier – die lebten bestimmt in dem Haus. Ein paar junge Deutsche, ein Schweizer, ein Texaner, eine Peruanerin… wer weiß?

Während er die Kanten schliff, die Einlegearbeiten ausbesserte und den Beinen das Wackeln austrieb, stand die Frau daneben und löcherte ihn mit Fragen:

  • Ob er schon einen Christbaum für Weihnachten hätte?
  • Was es am Weihnachtstag traditionell zu essen gebe?
  • Wie seine Familie Heiligabend feiere?

Natürlich hätte seine Frau schon eine Pinie geschmückt. Seit dem 1. Dezember stehe sie bereits im Haus. Später hätte sowieso niemand mehr Zeit dafür, später gehe man in Mexiko von Haus zu Haus. Konkret ab dem 16. Dezember.

  • Wir besuchen wir uns gegenseitig, neun Tage lang. Jeden Tag kommt ein anderer dran. Wir klopfen bei Freunden, Nachbarn oder Verwandten, suchen Herberge und wenn wir eingelassen werden, feiern wir.

Herrschende bestimmen Rituale

Im Troß der spanischen Eroberer reisten auch Missionare. Sie wollten die “Götzenanbeter” zum “wahren Glauben” bekehren. Die – wenig zimperlichen – Methoden, die sie einsetzten forderten nahezu ebenso viele Opfer wie die Krankheiten, die sie einschleppten.

Ihre wahre, klar definierte Missionsaufgabe: In zehn Jahren sollten sie die Heiden zu christlichen Arbeitern umerziehen.  Sie duldeten natürlich keine andere Religion neben dem Christentum. Das spirituelle Leben der Indianer war in ihren Augen sowieso keine Religion, sondern heidnischer Aberglaube und Hexerei.

Die Augustiner waren da keine Ausnahme. Der Bettelorden des Spätmittelalters, der im 16. Jahrhundert schon längst das “Bettel” verloren hatte, errichtete mit denjenigen, die sie bekehren wollten, das Kloster Alcolman nahe Mexiko Stadt.

Doch mit dem Bekehren klappte es anfangs nicht allzu gut. Die Azteken liebten ihre Feste und Feiern und sie hatten das ganze Jahr bereits verplant – ständig gab es heilige Feste zu Ehren ihrer Götter, auch wenn sie ihnen keine Menschen mehr opferten.

Sonnengott Huitzilopochtli

Kriegs- und Sonnengott Huitzilopochtli, aus dem Codex Telleriano-Remensis

Gewitzt wie sie waren, deuteten die Augustiner von Alcolman schließlich das mehrtägige Fest im Dezember für Huitzilopochtli um, den Kriegs- und Sonnengott, der auch als Schutzpatron von Tenochtitlan galt.

Zwei Dinge führten sie ein:

  1. La Posada – statt der Prozession zum Altar des Huitzilopochtli ließen sie Maria und Josef Herberge suchen.
  2. La Piñata – bunte, mit Früchten und Erdnüssen gefüllte Figuren aus Krepp bestimmten die anschließenden Feiern. Auf sie schlugen die Indianer mit Stöcken, bis die Köstlichkeiten herausfielen.

In der Gasse 11 Poniente

La Posada - das Fest kann beginnenZwischen der 3 und der 5 Sur stehen an jeder Staßenseite neun Häuser. Das sind genug Nachbarn, so dass jedes Haus eigentllich nur alle zwei Jahre Herberge für die Pilger spielen müsste.

Doch seitdem das Nonnenhaus leer stand, ging die Rechnung nicht mehr auf. Als die Fremden einzogen, hat auch niemand gefragt. Die Nachbarn haben nicht  angenommen, dass die Fremden überhaupt mitmachen würden. Niemand, bis zu jenem Tag, als der Nachbar den Tisch repariert übergab.

Da hat er gefragt.

Und jetzt sind wesentlich mehr Pilger gekommen, als üblich. Zufrieden mit sich, singt er die letzte Strophe mit, als die junge Frau vor die Türe trat:

  • Tretet ein, heilige Pilger, ihr bekomm diese Ecke – entren Santos Peregrinos, Peregrinos, reciben este rincón,
  • so ärmlich die Wohnung ist, gebe ich sie euch von Herzen – que aunque es pobre la morada, la morada os la doy de corazon

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Geschenke
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8. Fenster: Geschenke – Wer bringt sie denn nu?

Ach Weihnachten! Stille, erholsame Zeit. Tage der Geschenke und der Nostalgie! Wir wissen alle, wie sie sein sollen…

  • Schnee fällt; im Kamin prasselt Holz; daneben steht eine Tanne, mit Glaskugeln und Bienenwachskerzen geschmückt. Über dem Kamin hängen Socken – naja, eher wollene Kniestrümpfe, aber sei’s drum – und auf dem Tischchen steht ein Teller mit Plätzchen für den Weihnachtsmann…
  • Weihnachtsmann? Seit wann bringt ein Weihnachtsmann Geschenke? Lieferant ist doch das Christkind. Es fliegt an Heiligabend vorbei, arrangiert die mitgebrachten Gaben und den Baum. Wenn alles fertig ist, läutet es ein goldenes Glöckchen und verschwindet. Manche Kinder erhaschen vielleicht noch einen Schimmer der Flügel.
  • Christkind? Jesus liegt zu Weihnachten in der Krippe und ist ein Baby. Wie soll er Geschenke tragen? Außerdem ist er das Kind, zu dem die Heiligen Drei Könige pilgern und das sie mit Weihrauch, Myrre und Gold beschenken. Da ist es nur logisch, dass die auch die Kinder der Welt…

Weltweit reden im Dezember  Leute von „Weihnachten“ und haben ein genaues Bild vor Augen. Die meisten setzen alles daran, dass es genauso aussieht wie zu ihrer Kinderzeit! Als besonders eifrig erweisen sich diejenigen, die selbst Kinder haben. Doch: Wenn der eine von Weihnachten spricht, muss der andere noch lange nicht verstehen, was er genau damit gemeint hat.

Das sorgt für eine gehörige Portion Wirrwarr.

Die fünf wichtigsten Gabenbringer

Je nach Land oder Region bringt nämlich eine andere Figur die Geschenke, ja selbst die Tage variieren, an denen sie  welche verteilen sollen: Kinder können am 5., 6., 13. am 24. und 25. Dezember Geschenke kriegen oder eben erst am 6. Januar. Historisch gesehen hatte sich das Datum mehrmals geändert. Es gibt Generationen, bei denen war der Gabentag in der Kindheit ein anderer, als in der Jugendzeit.

Wir von Märchen für Globetrotter haben uns die Mühe gemacht, Buch zu führen. Damit in diesem Jahr niemand den Überblick verliert – hier sind also die fünf wichtigsten Gestalten, die an Weihnachten Geschenke bringen:

Väterchen Frost:

Väterchen Frost bringt Geschenke

Väterchen Frost von Ivan Bilibin (1932)

In den slawischen Ländern, vor allem in Russland, existiert diese Märchenfigur schon lange. Eigentlich ist es Herr Winter – jener altehrwürdige Eisbringer, der vor allem in Sibirien seine Kräfte spielen lässt.

Väterchen Frost nennt einen langen, dicken und weißen Bart sein eigen und führt ein magisches Zepter. Was er mit dessen Spitze berührt, gefriert. Er wohnt übrigens tief im Nadelwald des Nordens und fährt am Neujahrstag einen von drei Schimmeln gezogenen Schlitten voller Geschenke aus. Post können ihm Kinder auch schicken. Obwohl…

Generell macht er eher einen eisigen Eindruck. Vermutlich wegen seines grauen, mit Blautönen durchwebten Pelzmantels. Allerdings färbt der sich mit zunehmenden westlichen Einfluss langsam rot.

Die Hexe Befana

Hexe Befana verteilt die Geschenke

Die Hexe Befana von ho visto nina volare

Diese Figur stellt angeblich eine Parallelgestalt zur alpenländischen Perchta dar, ist ein Überbleibsel der  keltischen Bethen (Perchten), die speziell am Ende der Rauhnächte – nämlich in der Nacht zum und der Tag des 6. Januar – auftreten. Die Bethen segneten Haus, Hof, Mensch und Vieh und als Zeichen, dass sie da gewesen waren, hinterließen sie drei Kreuze an den Türen.

In Abwandlung geht die Geschichte der Befana so: Als Schönpercht – gute Hexe – sucht sie in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar eigentlich das Jesukind, muss aber von Haus zu Haus fliegen, weil sie den Stern verpasste, der die Heiligen Drei Könige leitet. Dabei bringt sie Geschenke – und manchmal straft sie. Je nachdem, wie brav die Kinder das Jahr über waren.

Christkind

Christkind im Struwwelpeter -1845

Christkind von Heinrich Hoffmann aus Der Struwwelpeter (1845)

Tja – eigentlich ist das Christkind ja evangelisch. Das muss jetzt mal gesagt werden, auch wenn es unter den Katholiken weit verbreitet ist.

Dass das Christkind an Heiligabend die Gaben vorbeibringt, war ein Einfall Martin Luthers. Dem Reformator  war die vorher auch in seinem Hause übliche Bescherung am Nikolaustag ein Dorn im Auge. Dieser Brauch widersprach seiner Ablehnung der Heiligenverehrung.  Deshalb verlegte er den Tag für die Geschenke auf Heiligabend. Ursprünglich war sein Gabenbringer der „Heilige Christ“, wie Luther das Jesuskind nannte.

Offenbar war den Leuten diese Vorstellung etwas zu theoretisch. Sie wollten “Handfesteres” – einen weiblichen Engel zum Beispiel. Im 17. Jahrhundert setzte sich diese Vorstellung  durch: In weihnachtlichen Umzugsbräuchen ziehen Maria, Josef und das Jesuskind durch die Straßen, begleitet von weiß gekleideten Mädchen mit offenem Haar als Engel, angeführt vom Christkind.

Deswegen legt in manchen Ländern ein weiblicher Engel die Geschenke ab, in anderen kommen sie dagegen mit dem Kind in der Krippe.

Hl. Nikolaus oder Sinterklaas

Sinterklaas und der Zwarte Piet von Daan Hoeksema (1879–1935)

Sinterklaas und der Zwarte Piet von Daan Hoeksema (1879–1935)

Endlich mal einer zum Anfassen! Sprich, es gibt ein paar historische Tatsachen – der Mann hat offenbar wirklich gelebt. Nikolaus von Myra wurde zwischen 270 und 286 n. Ch. in einer Stadt Lykien geboren, gestorben ist er am 6. Dezember 326. Als Abt und Bischof nahm man ihn 310 im Zuge der Christenverfolgungen gefangen und folterte ihn. Aufgrund seines Martyriums sprach ihn die katholische Kirche später heilig.

Um ihn ranken sich natürlich auch einige Legenden. Eine davon ist die, dass er sein ererbtes Vermögen unter den Armen verteilt, eine andere, dass er in einer bitterkalten Winternacht seinen Mantel einem Bettler gab. Dass solches Verhalten so ziemlich jedem Bischof der Zeit zugeschrieben wurde, spielte keine Rolle, als man ihn heilig sprach.

Die Legende vom geteilten Mantel hatte zudem einen Vorteil: Sie machte ihn zum geeigneten Mann, der den Armen und Kindern im Winter Geschenke bringt.

In den Niederlanden heißt der heilige Nikolaus “Sinterklaas” und landet am letzten Samstag im November mit seinem Reisegefährten, Zwarter Piet, in den Hafenstädten Hollands. Das ist jedes Mal ein Fest, wenn er mit seinem Schimmel an Land reitet. Die Kinder stellen Schuhe vor die Türe, in denen ihr Wunschzettel liegt

Am Abend des 5. bringt Sinterklaas die Geschenke, die er noch mit einem Gedicht versehen hat. Und weil Sinterklaas auch noch Humor hat, gibt’s für die Familien viel zu lachen.

Die Heiligen drei Könige

Die heiligen drei Könige Ravenna

Mosaik in der Basilica di Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna: “I tre Re Magi”. Foto von Nina Aldin Thune

In Spanien zum Beispiel kommen traditionell die Heiligen Drei Könige (Reyes Magos) und bringen ihre Geschenke. Auch sie entstammen der Legende: In der Bibel folgen Sterndeuter dem Leitstern – von Königen ist genauso wenig die Rede wie von ihrer Zahl.  Trotzdem haben sie sich als Gabenbringer durchgesetzt. Ihr Nachteil ist, dass die Kinder bis zum 6. Januar warten müssen, bis sie beschenkt werden. Ärgerlicherweise harren die Kleinen manchmal sogar vergeblich: Unartige Kinder bekommen statt der Geschenke nur Kohlestücke.

Die drei Könige kommen in Spanien schon auch einmal auf Kamelen angeritten und sind offenbar ausgehungert. Die Kinder müssen Wasser und Brot für sie vor die Tür stellen und finden dafür am Morgen des 6. Januars die Geschenke vor.

Mit diesen fünf Gabenbringern behalten alle den Überblick. Diese Figuren haben sich über den Erdball in leicht abgewandelter Form verbreitet. Der Weihnachtsmann ist auch eine Variante: Er ist ein Sammelsurium aus verschiedensten Elementen des  Heiligen Nikolaus und Väterchen Frost.

Für die Kinder sollten wir uns aber für eine Gestalt einigen – und an einem Strang ziehen. Nur so zur Vorsorge…

Sonst antwortet die nächste Generation auf die Frage: “Wer bringt die Geschenke?”

Klar! Amazon.

 

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Liebeskummer ruft
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So still kann Liebeskummer sein

Eine Geschichte über Liebeskummer? Ist das erzählenswert? Die Zeit heilt ja alle Wunden und der Wald ist bekanntlich voller Bäume… Wenn Familie und Freunde raten, sind solche Sätze leicht gesagt.

Doch es gibt Liebeskummer, der klebt an der Seele wie Kaugummi. Er zieht Fäden, selbst wenn der Grund dafür schon lange vergangen ist.

Der Zug teilt die Dämmerung

Er steht mitten in der verschneiten Landschaft. Leichte Schneeflocken umwirbeln ihn: Sie bleiben nicht am Boden haften.

Zoom –  die Kamera zieht die beleuchteten Fenster näher. Wir sehen hinein: Reisende schlafen, lesen, wischen eine Seite nach der anderen in ihrem iPad.

Die Tochter schmiegt ihre türkis besockten Füße an die Oberschenkel der ihr gegenüber sitzenden Mutter. Halb verschwindet sie im blauen Überzug der Sitze, gemütlich gekuschelt, Quartettkarten in der Hand. Sie mustert diese aufmerksam, wobei sie leicht mit der Zungenspitze zwischen den Lippen hin und her wandert.

“Ich habe 2.480 Kubikzentimeter Hubraum”, sagt die Mutter und blickt auf die oberste Karte ihres Stapels.

Sie schickt einen auffordernden Blick hinüber zu ihrem Kind; ihre linke Augenbraue hebt sich kurz; die rechte Hand streckt sie fordernd aus.

“Gemein”, hört sie aus der gegenüberliegenden Ecke, grinst zufrieden und packt das Kartenpärchen, das sie gewonnen hat, zur Seite auf den kleinen Tisch unter dem Fenster.

Mit einem Blick auf die nächste Karte ruft sie: “24.600 Euro Neupreis!”

“Hah”, kontert die Tochter, “58.650 Euro. Die gehört mir!”

Jetzt winkt das Kind erwartend, nimmt die Karte entgegen und legt sie gemeinsam mit ihrer auch auf einen Stapel neben sich. Verglichen mit dem ihrer Mutter ist dieser höher.

PING

Die Mutter wendet den Kopf, kurz nur, kontrolliert jedoch gleich wieder ihre Karten.

PING

Zweimal hintereinander? Grund genug, die Karte mit dem Deckblatt nach oben auf den Tisch zu legen. Sie kramt im Leinenrucksack neben ihr. Ein Duft von Wurst und Käse zieht zu den mitreisenden Nachbarn.

Sie hangelt ein rosa Smartphone heraus, tippt auf das Display.

“Nina”, erklärt sie ihrem Kind und liest:

Liebeskummer!

Er versteht mich nicht.

Das Kind scheint sie nicht gehört zu haben:

“7,2 Sekunden Beschleunigung”, sagt es und stupst die Mutter mit ihren Zehen.

“Warte mal, ich muss antworten.”

Die beiden Daumen rasen übers Display:

Warum verstehen, sollte er dich nicht bloß lieben?

Schließlich legt sie das Smartphone auf den geöffneten Rucksack, aber so, dass sie es im Blick behalten kann. Leicht streicht sie über die Zehen des Kindes und wendet sich wieder den Karten zu; wiegt den Kopf.

“Hmm, hast du meine Karte angeschaut?”, fragt sie misstrauisch.

“Natürlich nicht! Mach schon, Mama!”

“4,6 Sek…”

PING

Ich will doch nur…

Die Mutter schielt verstohlen zum Handy hinüber.

“Was ist jetzt wieder?” stöhnt das Mädchen. “Mama!”

PING

…, dass er mich so liebt, wie ich ihn

“4, 6 Sekunden”, beendet die Mutter ihren Satz. Irgendwie lustlos. Sie schielt zum Smartphone. Abwesend reicht sie dem Kind die Karte, während sie das Gerät mit der anderen Hand hochhebt. Sie tippt:

😮

Wenn eine zu viel ist

“423 PS…” – Stille – “Mama!”

Ungeduldig klopfen Zehen auf die Oberschenkel der Mutter, bis schließlich die Fußsohlen treten.

“Bin ja eh schon da!”

Die Mutter reißt ihre Augen vom Display los.

“Lass mich nachsehen…”, sagt sie, “ja, 226 PS!”

Die Tochter nimmt die Karte wieder entgegen, legt sie zur anderen und überlegt gerade, welche Eigenschaft sie nehmen soll…

PING

Das Kind verdreht die Augen.

Hey, nimm mich ernst, bitte. Ich bin ein Desaster!!!!!!

“Weißt du was?”, entscheidet die Mutter. “Wir machen Schluß. Sagen wir, du hast gewonnen! Dein Stapel ist sowieso höher.”

Entschlossen schiebt sie den Kartenstapel vom Tisch unter denjenigen in ihrer Hand und stopft alles in die Plastikschachtel des Quartetts.

“Och”, murmelt das Kind noch – ungehört.

Was ist passiert?

Er trifft seine Kumpels.

Ja und? – Oh, ich verstehe. Er hat ein Leben.

Aber eines ohne mich!!!!

Langsam zieht das Mädchen die türkis besockten Füße zurück. Es setzt sich gerade.

Ein leichter Geruch von Zimt und Vanille weht zur gegenüberliegenden Seite, von Omas Keksen von heute morgen. Die Mutter merkt nichts, ist vertieft in ihr Gespräch.

Als der Zug endlich doch noch anfährt, fischt das Kind sein Smartphone aus der Hosentasche.  Lustlos sucht es ein anderes Spiel.

Apps gibt es ja genug.

Tipp für den 5. Dezember

adventAm  heutigen Feierabend – bei Kerzenlicht, mit Glühwein und Keksen:

Vergiß dein Handy einfach! Irgendwo…

Stell es aber vorher noch stumm! 😉

Auch andere Geräte kommen heute am besten nicht mehr zum Einsatz.

  • Wer Kinder und/oder Freunde zu Besuch hat , könnte die Lücke mit einem Tischspiel füllen. Vielleicht packt ihr sogar das Lieblingsspiel aus! Wann hast du das letzte Mal Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt – Halma oder Mühle?
  • Du sitzt heute allein auf dem Sofa? Macht nix, nimm Stift und Papier und zeichne, wem du aller was schenken möchtest. Musik hören ist erlaubt, ohne Kopfhörer!

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Adventkalender
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Welcher Adventskalender passt zu uns?

Adventskalender…

Oh nein! Adventkalender… so ist es richtig.

Nie und nimmer!

Und das ist erst der Anfang. Wir haben noch nicht einmal die Angebote für den diesjährigen Redaktions-Adventskalender angeschaut, schon sind wir – die Redaktion, Nebiga und ich – mitten in der Diskussion. Beide Wörter bescheren uns bei näherer Recherche eine Riesenauswahl in der Suchmaschine, aber die Tendenz neigt sich gen Adventskalender mit Fugen-s. Gemeint ist das kleine s in der Mitte.

Der Grund: “Adventskalender” nennen Deutsche wie Schweizer jenen Kalender, an dem im Advent täglich ein Fenster/Türchen geöffnet werden darf. Nur die Österreicher fügen zwischen t und k kein s ein.

Niemals?

Na ja, bei Christkindl jedenfalls auch nicht.

Eigentlich zwängt Homo Austriacus das s immer gern dazwischen: Bei der Zugsverspätung genauso wie beim Schweinsbraten…

  • nur beim Adventkalender – da nicht.

Wie der Adventskalender sich durchsetzte

AdventskalenderWir vermuten, das hängt damit zusammen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg zum ersten Mal einen Adventskalender druckte. Und damit, dass der Münchner Verleger, Gerhard Lang, mit seinem 1903 gedruckten Kalender Im Lande des Christkinds als der Begründer des Adventskalenders gilt. Ein Jahr später veröffentlichte dann die Stuttgarter Zeitung einen Adventskalender – und schuf auf diese Weise ein saisonales Phänomen für den Massenmarkt.

Der Brauch, bebilderte oder später sogar mit Schokolade gefüllte Druckprodukte in den Räumen aufzuhängen, kommt demnach aus Deutschland. Er eroberte in konzentrischen Kreisen die deutschsprachigen Länder. Wer seine sprachliche Eigenständigkeit also bewahren wollte, musste den Brauch umbenamsen. Auch wenn es bedeutet, ein s weglassen zu müssen.

Zählhilfe in der Fastenzeit

Die protestantischen Haushalte waren diejenigen, die begannen, die Tage bis Weihnachten mithilfe einer Art Kalender zu zählen. Zunächst hängten die Lutheraner 24 Bilder nach einander an die Wand oder bastelten ihren Kindern Papierschächtelchen, die sie mit Plätzchen füllten.

Ein Schächtelchen, ein Plätzchen pro Tag – aber sonst mussten die Kinder in der Adventszeit genauso fasten wie die Erwachsenen.

Andere malten 24 Kreidestriche an die Tür. Die Kinder durften  täglich einen davon wegwischen.

Strohhalme dagegen waren der Katholiken Ding: Sie legten 24 Halme in die Krippe; abgezählt, damit sie täglich einen entfernen konnten. Das war etwas Besonderes, denn die Tage zur Vorweihnachtszeit waren ausgefüllt: Man schuftete sowieso von morgens bis abends, doch im Advent kam noch die Vorbereitung dazu.

Das Zählen der Tage war daher oft das einzige kurze Innehalten des Tages. Ein Moment der Vorfreude. Kinder wie Erwachsen dachten daran, wofür sie all die Mehrarbeit auf sich nahmen.

Christi Geburt – ja.

Aber in ihren Köpfen entstanden auch die Bilder von Gänsebraten, Rotkraut, von Kuchen, Klößen, Knödeln und Kekserl/Plätzchen.

Schuld waren natürlich ihre vom Fasten darbenden Bäuche. Die Gläubigen träumten wegen ihnen  davon, in sich hineinstopfen zu können, was sie die Tage schlachteten, schnitten, rührten, kochten, brieten, backten und verzierten.

Warum hält sich der Brauch heute noch?

Na ja, so alt ist er jetzt auch wieder nicht.

Das nicht, aber hast du schon mal gepinterestet? Oder bei Amazon nachgeschaut? Adventskalender sind überall! Es gibt kein Entkommen!

Bei Amazon zum Beispiel findet der Suchende die Adventskalender sogar in Rubriken eingeordnet, weil man sonst den Überblick verliert:

  • Schokolade und Süßigkeiten, einmal für Kinder und einmal für Erwachsene;
  • Beauty, natürlch mit Schönheitsprodukten für SIE und IHN,
  • Tee und Getränke
  • Gewürz- und Schlemmerkalender
  • Geschichten und Bilder für Groß und Klein
  • Erotik
  • Schmuck
  • Spielzeug
  • Alkoholische Getränke
  • Knabberkalender
  • Zum Selbstbefüllen
  • für Heimwerker

100 Jahre und wir können Adventskalender mit allem befüllt kriegen, was es so gibt.

adventskalender selbst gebastelt

Und für die Selbstbastler (Pinterest) gibt’s die Utensilien als Fülle noch in extra Rubriken dazu.

Adventskalender sind so hipp wie eh und je! Wir wollen nicht darauf verzichten, genauso wenig wie auf Weihnachten, auch wenn man selbst vielleicht gar nicht gläubig ist.

Das liegt an der Nostalgie. Wir wünschen die Harmonie herbei.

A geh! Die gibt’s eh nicht! Am meisten wird zu Weihnachten g’stritten!

Heißt es zumindest. Aber nicht im Advent, im Advent nicht! Da ist noch Ruhe.

Jeder Tag ein Erlebnis

Bei Gerhard Lang – damals – bestand der Adventskalender noch aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Damit den Kinder die Zeit bis zum Weihnachtsabend nicht so lang wird, sollten sie jeweils ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben.

Und wenn sie schon dabei waren, konnten sie gleich

  • die Strohsterne basteln, die noch fehlten.
  • die Großmutter anbetteln, dass sie noch eine Geschichte erzählte.
  • den Apfelnikolo und den Zwetschenkrampus basteln.
  • die Bilder malen, die sie schenken wollten.
  • die Kekse verzieren, die Muttern buk.

Jedes Fenster, jedes Türchen barg eine Reihe von Möglichkeiten, von Erlebnissen und von Erinnerungen, die der Familie blieben. Sie waren nicht bloß Schokolade.

Sie waren gemeinsam verbrachte Zeit.

Ein Adventskalender mit Schokolade kommt für die Redaktion also nicht infrage?

Nee.

Genauso wenig wie der Pfeffer- und Salz-Kalender für Gourmets nehm’ ich an – und auch nicht der Nagellack-Adventskalender mit 24 Trendfarben.

Richtig. Wenn du mich fragst… wir können uns eh nicht für einen gekauften entscheiden. Am besten wir machen uns den Kalender selbst!

Und wie?

Das siehst du am 1. Dezember! Hier im Blog.

Schau rein!

smiley

 

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Fest mit einem Freund Huaquetchula
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Am Tag der Toten tanze mit Freunden!

Warum ich lieber den Tag der Toten feiere als Allerheiligen? Die Ursache liegt in Huaquechula, auf dem Friedhof eines Städtchens  im Bundesstaat Puebla, Zentralmexiko. Seit 2015.

Im April 2015 ist ein Freund gestorben. Seine Familie bestattete ihn auf dem Friedhof in Huaquechula. Wir – seine Freunde – waren nicht dabei: Deshalb trafen wir uns an einem frühen Sonntagmorgen im Eisenbahnmuseum der Stadt Puebla; aßen Tamales mit Anis – das Gericht für Begräbnisse – und tranken Kaffee zu Mariachi-Klängen.

Wir feierten, wie der Freund es gewünscht hatte. Jeder verabschiedete sich von ihm auf seine Weise: Einige weinten, andere sprachen ein paar Worte. Als die Sonne die Dächer der alten Lokomotiven zum Glitzern brachte, trennten wir uns.

Wie oft danach dachte ich noch an ihn?

Manchmal – wie beim Streik der Lokomotivführer – huschte der Freund durch meine Gedanken. Züge haben ihn fasziniert, obwohl er aus einem Land kam, das nur noch wenige besaß.

Einmal tauchte ein Foto auf, eines, das in meinem Chaos zwischen die Papiere gerutscht war.

Für sein Kreuzworträtsel, das posthum publiziert wurde, konnte ein Gewinner ausgelost werden.

Sonst aber dachte ich kaum an ihn: Alltag lässt nicht viel Zeit zum Trauern. Manchmal zuckte ich zusammen, war mir plötzlich bewusst, dass ich ihn vermisse. Doch ich hielt kaum inne, machte lieber dort weiter, wo ich mich selbst unterbrochen hatte…

Ein Freund entschwindet im Nebel, entfernt sich mehr und mehr von den Beschäftigten, den Lebenden. Und ich sah untätig dabei zu, wie er seinen Platz in meinem Leben zu verlieren begann. Schritt für Schritt, Tag für Tag.

Bis im Oktober die Einladung kam.

Aus Huaquechula, der kleinen Stadt im Osten des Bundesstaates Puebla.

Ein Städtchen harrt der Touristen

Huaquechula ist eigentlich noch immer ein Dorf; eines, das sich durch wenig auszeichnet: Der Bürgermeister erwähnt hauptsächlich Landwirtschaft, etwas Kunsthandwerk und übers Jahr hindurch eher wenig Tourismus. Das Beeindruckenste ist das Kloster aus dem 16. Jahrhundert und die dazugehörige Kirche. Ein paar Fundstücke des aztekischen Kalenders ziehen zusätzlich noch ein paar Touristen an.

Die meisten Häuser sind lehmverputzt und schlicht. Meist gibt es kein fließendes Wasser und nur eine „gute Stube“. Um diese herum zwängen sich ein oder zwei kleinere Räume zum Schlafen für oft fünf, zehn und mehr Bewohner. Dahinter liegt ein betonierter Hof, vollgestellt mit  Geräten und Müll.

Die kleinen Holztüren schließen nicht gut, bleiben deshalb Tag und Nacht geöffnet.

Die Nachbarn besuchen sich, tauschen Neuigkeiten aus, handeln um den Preis der jitomates und Händler bringen Brot, Milch, Butter, Gas, Wasser und Melonen zum Haus – je nach Bedarf.

Huaquechula unterscheidet sich in wenig von den Nachbardörfern. Wie in diesen verklebt im Dezember der staubige Wind die Augen und im August ächzen die Achsen der Autos, wenn sie in den von den Regengüssen ausgewaschenen Löchern der Straßen einbrechen. Wenn es denn Straßen sind und nicht überschwemmte Erdwege.

Trotzdem pilgern vom 28. Oktober bis zum 2. November jedes Jahr Tausende in die kleine Stadt – Touristen genauso wie Mexikaner. Sie kommen zum Día de los Muertos, dem Tag der Toten.

Nach altmexikanischem Glauben kommen die Toten zum Ende der Erntezeit zu Besuch und feiern gemeinsam mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen – mit Musik, Tanz und gutem Essen. Dafür ist Mexiko weltberühmt: Es ist das Land, wo die Verstorbenen ein Fest mit den Lebenden feiern. Der Tod mitten im Leben steht.

Überall schmücken bunte Altäre die Städte: mit catrines zum Beispiel, Skeletten – Frauen und Männer, die auch Berufe haben können – Schuster, Mariachis, Scherenschleifern, mit Blumen und Opfergaben.

Tag der Toten Altar 2017

Foto von Cornelia D. Cohrs 2017

Das besondere Fest am Tag der Toten

“In Huaquechula”, erzählte Ramon (36), der jüngste Bruder meines Freundes, “gibt es noch eine zusätzliche Tradition: Im Jahr des Todes richten die Familien am día de los muertos ein besonderes Fest für den Verstorbenen aus.”

Ramon bittet alle zum Fest, alle die dem Freund verbunden waren. Sogar Passanten seien herzlich willkommen mitzubeten, zu feiern und zu schmausen.

„Fahr bitte früh los“, bat er noch, „wir brauchen dich zum Vorbereiten!“

So folgte ich bereits am ersten November um 5.30 Uhr morgens der schnurgeraden Straße mitten auf den zocalo, den Hauptplatz des Dorfes.

Die ersten Dorfbewohner bauten Marktstände auf. Sie schichteten gebeizte, hauchdünne Scheiben Rindfleisch (cecina) zu Türmen, spannten Plastikplanen, um sich und die Besucher vor der Sonne zu schützen, reihten Totenköpfe aus Zucker (calavera) aneinander und heizten Öfchen, kochten Mais und rührten Saucen. Man erwartete den alljährlichen Ansturm gelassen. Gewillt, alles zu bieten, was das mexikanische Herz begehrt.

Blumenpfad für einen Freund

cempachulil als WegDie Straße, wo Ramons Haus steht, hat keinen Namen, aber ich sollte in die zweite Gasse hinter dem zocalo nach links abbiegen, dort drei Bremsschwellen – kurz topes – passieren, dann wäre ich schon vor dem Haus.

Ein Weg aus Blumen führte zur Tür. Schloss war keines zu sehen.

Ich trat ein – und prallte fast in Ines, die Mutter meines Freundes.

Sie kam mir in ihrer Schürze entgegen, hielt einen großen Tontopf in Händen. Wortlos lächelnd deutete sie mit dem Kinn auf einen der beiden gigantischen Henkel und gemeinsam trugen wir den Topf in den Hinterhof.

Dort schoben zwei Jungen die Tische zurecht, mehrere Frauen warteten mit den Plastiktischtüchern, um sie auflegen zu können. Drei Reihen Tische zu je zehn Stühlen hatte die Familie zusammengeschnorrt.

Ines und ich stellten schweigend den Topf auf den Gasherd, um die Schokoladesauce – die in der Region so beliebte mole Poblano aufzuwärmen; wir legten gekochte Hühnerstücke dazu und ließen alles bei kleinster Flamme vor sich hin brodeln.

Daneben stand schon ein riesiger Topf mit rotem Reis.

“Schön, dass du da bist”, sagte Ines und umarmte mich endlich.

Sie ließ sich aber nicht viel Zeit, scheuchte mich in den zentralen Raum des Hauses, in das Wohnzimmer. „Hilf drinnen“, sagte sie, „es gibt noch viel zu tun.“

Hausaltar: Wo Tote sich laben

Blumen auf Huaquechulas AltarNichts hatte mich auf das Folgende vorbereitet: Der Gabentisch für den Freund bedeckte eine komplette Wand. Drei  Tische unterschiedlicher Größe hatten die Brüder übereinander gestellt. Wochenlang hatten die Frauen gebastelt, Stoffe ausgesucht und schließlich alles mit weissem Organza kunstvoll verkleidet.

Ein Altar.

Keine Taufe, keine Hochzeit! Erinnerung an einen toten Freund.

In Mexiko dominieren am Totentag üblicherweise die Farben Schwarz, Violett und Orange. Nicht so in Huaquechula: Dicke weiße Gladiolensträuße geben die Farbe vor – damit wird nicht experimentiert!

So will es die Tradition.

Ramon stand auf einem Stuhl. Er balancierte einen Engel vorsichtig auf die rechte Seite des Gabentischs. Es war nicht der erste Engel und sollte auch nicht der letzte sein. Aus den Kartons in der Mitte des Raumes packte eine der Schwägerinnen noch zwei weitere aus. Die drei Kinder reichten ihrem Vater die Tonengeln.

Danach auch die nach Anis duftenden Totenbrote.

Alle Gaben waren übereinander aufgereiht, strebten auf die Spitze der Pyramide zu, hin zum Kruzifix.

Darum herum wirbelten helfende Hände, dekorierten diesen Mittelpunkt, der für die Woche im Haus bestimmen sollte: mit Kerzenständern auf dem Boden, Blumenschmuck auf jeder Seite, kleinen Schüsseln mit dem Lieblingsessen des Verstorbenen.

Die Ränder der Tische umrahmten sie mit Scherenschnitt-Papier.

Ich starrte auf die beiden Fotos meines Freundes und staunte stumm.

Was hätte er dazu gesagt?

“Was für ein Tamtam” – wahrscheinlich.

Einmal noch richtig verwöhnen…

„Das Wohlergehen einer Kultur wird daran gemessen, wie man mit seinen Toten umgeht.”

Dieser Satz stammt von Constantin von Barloewen, Professor für Anthropologie und vergleichende Kulturwissenschaft.

“Das Wohlergehen hängt davon ab, wie sehr der Tod im Leben der Menschen integriert ist.”

In der abendländischen Kultur sei der Tod verdrängt, eine „absurde Figur“, kritisiert der Forscher. Hier würden die Menschen dem Tod mit Gleichgültigkeit und sozialer Kälte begegnen.

In Mexiko kämpft día de los muertos gegen zwei Konkurrenzveranstaltungen: Gegen den Brauch des Halloween aus USA und Allerheiligen. Das Fest zum Tag der Toten wurde allerdings 2008 zum Weltkulturerbe ernannt. Ein Anreiz dem aztekischen Brauch zu folgen, die Toten in das Leben zu integrieren?

Für von Barloewen jedenfalls zeigt der Brauch eine durchaus gesunde Einstellung zum Leben: Was nämlich verdrängt wird, kehrt in einer anderen Form wieder, trifft den Verdrängenden härter.

Besser also der Tote hat seinen Platz mitten im Leben.

Zur Trauer gehöre es, Zeit, Gedanken und Erinnerungen mit dem Toten zu teilen, ihm Raum im Leben zu geben. “Wer diese Tatsache ignoriert”, so der Anthropologe, “muss irgendwann erkennen, dass sich der Tod nicht leugnen lässt.”

„Ohne Tod gibt es kein Leben und ohne Leben keinen Tod“, betont er mit der ganzen Überzeugungskraft des Wissenschafters.

Ines braucht weniger Worte:

„Unsere Ahnen haben die Altäre schon so dekoriert und wir folgen ihnen.“ Sie stellt Weihrauch und Kobalt neben eines der Fotos ihres verstorbenen Sohnes.

„Ausserdem gefällt mir der Gedanke, ihn so richtig zu verwöhnen.“

Mitfeiern kannst du nur tot

diadelosmuertos-057“Kümmere dich doch um die calaveras,” wies mich Ramon an.

Totenköpfe aus Zucker stapelten sich in einer Schachtel vor mir – in allen Größen und mit bunten Verzierungen. Ich schichtete sie nach Anweisung auf einen der kleinen Nebentische.

„Schreib auch deinen Namen auf einen!“

calaveras symbolisieren die Lebenden beim Totenfest: “Nur wenn ein Schädel deinen Namen auf der Stirn  trägt, kannst du mitfeiern,”

Tatsächlich hätte das Fest schon zum Frühstück beginnen können: An Zuckerstirnen prangten bereits die Namen aller – von Freunden, von Ines, Ramon, den Kindern und anderen Familienmitgliedern.

Die Kartons waren weggeräumt; vor dem Altar prangte ein großes Kreuz aus den Blütenblättern der cempasuchitl, der intensiv duftenden Totenblume.

Eines der Kinder streute noch mehr Blütenblätter auf die Straße. Sie dienten als Wegweiser. Tote riechen besser, als sie sehen können. Am Friedhofstor ließen sie den Blumenpfad beginnen.

Der Freund musste ja auch zu dem für ihn ausgerichteten Fest finden.

Alles war bereit, mussten wir mit dem Feiern bis zum Abend warten.

Die Familie war pausenlos damit beschäftigt, für Besucher Tortillas zu backen und aufzutragen, mole Poblano zu verteilen und den Touristen vom Freund zu erzählen.

Ines hatte die Schürze aus und ihr bestes Kleid angezogen und sprach von ihrem Sohn. Auch wenn einige Touristen nur deshalb kamen, weil es gratis Essen gab. Sie waren dem Blumenweg vom Friedhof aus gefolgt und zogen gelabt weiter zum nächsten Trauerhaus.

Nur Freunde und Familie blieben lange, halfen, erinnerten sich, lachten – dachten daran, wie der Freund…

Wir tauschten Geschichten aus. Geschichten, die neu waren. Geschichten, die mir den Freund zeigten, wie ich ihn nie erlebt hatte. Geschichten, in denen ich ihn trotzdem gleich erkannte.

Ines bat mich zu erzählen. Vom Tag, als ich den Freund kennenlernte, welche Artikel er schrieb, wie er unterrichtete und von seiner Liebe zu Lokomotiven. Von dieser wusste sie nämlich nichts.

Abends begann Ramon mit seiner Frau zu tanzen, sein Cousin schenkte Brandy ein, die Stereoanlage dröhnte ohrenbetäubend.

Das Fest zum Tag der Toten, das Fest mit den Toten konnte beginnen!

Lange nach Mitternacht ließ die Familie mich schließlich gehen – erschöpft fuhr ich heim.

Und der Freund? Den nahm ich in Erinnerung mit.

Bis zum nächsten Jahr!

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Buchtipp: Lesereise nach Bulgarien

Manchmal genügt eine Lesereise und du glaubst, mit den Menschen in einem Land völlig vertraut zu sein. Wem das passiert, ist an einen Autor geraten, der das Land und seine Leute liebt. Bulgarien hat zwei wunderbare Fürsprecher in der deutschsprachigen Autorenzunft. Einer davon ist Thomas Magosch. Er schickt uns auf eine Lesereise, die den alltäglichen Absurditäten Bulgariens Stimme und Gesicht verleiht.

Wenigstens eine Lesereise nach Bulgarien

Ganz am Rand Europas gelegen, war es immer schon ein Reiseland. Das hat sich nicht geändert. Nach Bulgarien im Sommer an das Schwarze Meer zu fahren, heißt sich mit tausenden Touristen den Strand zu teilen. Party, Bier und Liebeständeleien auch. Russisch, Deutsch und Englisch – alles sprudelt durcheinander. Bulgarisch bekommt man an den Goldstränden weniger zu hören. Braucht es ja auch nicht – mit der Schrift hat der ein bis zwei Wochen bleibende Tourist eh genug zu tun. Wer kann schon kyrillisch entziffern?

Wem es zuzuhören lohnt

Thomas Magosch aber hat im Herzland des Balkan ein paar Jahre verbracht. Mit seiner Familie und allein bereiste er Bulgarien, fuhr nicht nur an den Goldstrand, sondern auch nach Targowischte, Kowatschewitza, Melnik, Sofia und Verniko Tarnowo. Auf seinen Reisen sprach er mit Musikern, Taxifahrern, Mönchen, Hausmeistern und Wahrsagern; mit Menschen, die etwas Geschichten, Legenden zu erzählen und auch sonst einiges zu sagen haben. Magosch porträtiert, fragt nach, hört zu und zeichnet das Miteinander.

Lesen, lauschen, kennenlernen

Drei Frauen läuten die Glocken der Nemski-Kathedrale in Sofia, hoch oben im Turm. Unter ihnen die wahrscheinlich älteste Glöcknerin der Welt. Ihr Blick ist einer von vielen. Einer, der nichts beschönigt, nichts verheimlicht und nichts mehr allzu wichtig nimmt. Nur eines…

Alles beginnt und endet mit den Glocken!

sagt sie, und trotzdem trägt sie keine Uhr. Auf eine Minute mehr oder weniger kommt es nicht an.

Mein Tipp: Thomas Magosch: Bulgarien: Das gebrauchte Zepter am goldenen Sandstrand  

 

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Warum Baba Jaga Alpträume hat

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Warum Baba Jaga Albträume hat

Gut, dass Baba Jaga so zurückgezogen lebt! Schon vor langem ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen noch tiefer zwischen die Bäume hineingetrieben hat. Dorthin, wo der Wald so dicht und dunkel ist, dass man die Hand vor den Augen und die Füße auf dem Weg nicht sieht.

Hätte sie nicht so früh Maߟnahmen ergriffen, müsste sich Baba Jaga jetzt gegen Anhänger wehren. Gegen “Fäns” oder “Followers”, die in Bussen zu ihr pilgern; sie zwecks tiefsinniger Prophezeiungen löchern und Heilsalben von ihr fordern.

Sie müsste tagtäglich Menschen riechen, besonders aber an den Wochenenden. Diese stünden Schlange, um “Großmütterchen” zu sehen.

Großmütterchen, ha!

Und Baba dürfte keinen fressen; müsste die vom verlockendem Menschenduft geblähten Nasenlöcher freundlich kräuseln und sich den Fragen widmen. Den Nerv tötenden Fragen über die Zukunft der Welt, das Liebesglück einzelner oder die Anzahl der Jahre ihrer armseligen Leben.

Als interessierten die weise Alte Nichtigkeiten wie diese… Wie ein Krieg ausgeht zum Beispiel, ob das eine Land mehr Recht hat zu siegen als das andere, wer die kommende Wahl gewinnt und wie lange voraussichtlich jemand an der Macht bleibt.

Schwesterchen Wanda aus Petrich, Bulgarien

Baba-VangaIn Petrich, Bulgarien, zum Beispiel war eine ihrer zwei Schwestern, eine der drei Babas in der Welt, tatsächlich mit der Frage nach Spielergebnissen der Nationalmannschaft konfrontiert worden: Ein Schnauben war das einzige gewesen, was der Wahrsagerin solche Dummheit wert war.

Danach hatte es gleich geheiߟen, zwei Mannschaften mit B würden es ins Finale der Weltmeisterschaft 1994 schaffen. Dass die Bulgaren dann im Viertelfinale gegen Italien verloren, entäuschte die hohen Erwartungen.

Sterbliche interpretieren, manipulieren und machen auch nicht vor Mythen und uraltem Wissen halt. Wenn aber nicht hält, was sie sich versprochen haben, fühlen sie sich von der Wahrsagerin verraten anstatt von ihren Schlussfolgerungen.

Das erwartet heute eine gute Hexe

Baba und ihr neues Haus

  • Heute hätte Baba Jaga Umsatzsteuer auszuweisen, einen eigenen Registereintrag und eine Website.
  • Vor ihrem Haus, einem, das extra für sie gebaut worden wäre, würde eine Frau Heilsalben, natürliche Kosmetikas und Fläschchen mit Kräutertinktur an Touristen und Ratsuchenden verkaufen. Diese Frau säße Tag für Tag auf der Stufe, ohne im Geringsten zu ahnen, wie ihr Menschenduft den Appetit der ach so liebenswürdigen, harmlosen, alten Kräutersammlerin im Haus anregt.

Liebenswürdig? Harmlos? Blind sind sie, die Menschen! Viel blinder als die Babas selbst.

Die meisten Menschen erkennen nicht, wer Baba Jaga tatsächlich ist, bemerken die Totenschädel mit den glühenden Augen in ihrem Garten nicht, obwohl diese Tag und Nacht leuchten.

Ach, die Ahnungslosen!

  • Auf Youtube-Videos würden Vorhersagen, die angeblich von ihr stammen, im Wortlaut weiterverbreitet, kommentiert und zur Auslegung der vielgerühmten Schwarmintelligenz vorgelegt.
  • Sie müsste ungezählten Selfies beiwohnen, die dann mithilfe von Suchmaschinen weltweit aufzufinden sind.
  • Ihre Lebensgeschichte hätten geschäftstüchtige Männer verfilmt. Im Fernsehen würden Politiker mit ihr auftreten. Hitler war angeblich bei Baba Wanda gewesen – und Todor Schivkov, lange Jahre Diktator Bulgariens, zählte zu den “Stammkunden”.

Aufdringlicher, hinterlistiger, verbissener Mann!

Kein Wunder, dass Schwesterchen Wanda sich zum Sterben hingelegt und ihre Seele lieber nach Frankreich geschickt hatte. Sie wußte, dort würde einmal ein Kind geboren, blind, wissend, eigenartig – eine alte Seele.

Wer Baba Jaga heute sucht…

Baba Jagas NachtWer 2017 Baba Jaga um Rat fragen will, muss in die Stille gehen. Das Smartphone ausschalten. Es kann den Weg sowieso nicht leuchten.

Wer sie sucht, muss sich jeden Schritt in Dunkelheit ertasten. Die Weise hat sich rar gemacht, dreht ihr Hüttchen nur noch, wenn es dreimal klopft: von der Liebe, von der Seele – und vom Tod. Der Weg zu Baba Jaga ist also beschwerlich, sie duldet keine Ablenkung.

Und es ist der Alten egal, ob es gefällt oder nicht. Bei ihr gibt es sowieso keinen Empfang.

Titelbild von Viktor Vasnetsov

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Auf der Suche nach Wahrheit
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Wer sich heute auf die Suche begibt…

Die Suche nach Wahrheit? Wer sucht heute noch nach Wahrheit?

In den Tagen von #Fakenews weiß keiner mehr, was wahr ist: Derjenige, der am lautesten schreit, bekommt Recht. Derjenige, der mächtig ist und seine Interessen mit allen Mitteln – auch mit Lügen – durchsetzen will, bestimmt.

Dieser Mechanismus funktioniert zurzeit in Ungarn, in der Türkei, in Syrien, in den USA… überall dort, wo sich totalitäres Denken durchzusetzen beginnt.

Plötzlich tauchen Begriffe auf wie “postfaktisch”, wie “alternative Perspektiven” oder “Tatsachen mit Spielraum”.

Wahrheit… die eine Wahrheit gibt es nicht, sagen die Leute. Es kommt eben auf die Perspektive an, aus der man etwas sieht. Es gibt so viele verschiedene Sichtweisen… wer kann schon wissen, was wirklich wahr ist? Wozu also sollte ich mir die Mühe machen, es herauszufinden.

Jeder, der so argumentiert, vergisst diejenigen, die sich tatsächlich auf die Suche nach einer möglichst allgemein gültigen Wahrheit begeben. Menschen, die ihr Leben dafür geben. Für etwas, das bloß ein Konstrukt ist – aber eben ein gültiges – Menschen, die sich auf die Suche nach Wahrheit machen.

Und sie bezahlen teuer, damit wir diese Wahrheit bekommen.

Wieviel Angst kostet Wahrheit?

Als sich die Lifttüre öffnete, entdeckte die Nachbarin ihre Leiche. Zwei Kugeln steckten in der Brust, eine in der Schulter und eine im Kopf.

Anna Politkovskaja rechnete mit ihrer Ermordung. Sie hatte Angst, lebte ständig mit ihr.

2005 sagte sie auf einer Konferenz zur Pressefreiheit:

Manchmal zahlen Menschen mit ihrem Leben, wenn sie laut sagen, was sie denken; manchmal sogar, wenn sie mir Informationen weitergeben. Ich bin nicht die einzige, die in Gefahr ist.

2001 floh sie zum ersten Mal aus Angst nach Wien: Ein Polizeibeamter wollte Rache nehmen. Politkovskaja hatte ihn beschuldigt, für Gewalttaten in Tschetschenien verantwortlich zu sein.

Lange hielt es sie jedoch nicht; sie kehrte wenige Monate später wieder nach Moskau zurück.

Trotz der Bedrohung… trotz der Angst um ihr Leben. Trotz der Anschläge, die sie überlebt hatte.

Ihre Freunde sprechen von mindestens neun.

Sie hätte sich ihr Leben leichter machen können: Als US-amerikanische Staatsbürgerin hätte sie sich eigentlich nicht darum kümmern müssen, wie Russlands Wahrheit aussieht.

  • Was also trieb sie zurück?
  • Was ließ sie im Gegensatz zu vielen anderen keine “Wahrheit”  akzeptieren, die einem Großteil der Betroffenen die Stimme nimmt?

Wie Demokratie erlischt

In ihrem posthum erschienen Russischen Tagebuch macht Politkovskaja den Anfang vom Ende an einem Ereignis fest. Ihr gilt es als das Ende der Demokratie in Russland: Die Geiselnahme von Beslan.

beslanb_2007_09_01Am 1. September 2004 um 9:30 Uhr stürmte eine Gruppe von Geiselnehmern die Mittelschule Nr. 1, in der Schüler im Alter von sieben bis 18 Jahren unterrichtet wurden.

Der 1. September ist in ganz Russland Schulbeginn, an dem die Erstklässler in Anwesenheit der Eltern und zukünftigen Mitschüler feierlich begrüßt werden. Oft kommen ganze Familien, um der Zeremonie beizuwohnen.

Drei Tage später beendeten russische Einsatzkräfte die Geiselnahme, indem sie das Gebäude stürmten. Dabei starben Kinder wie Erwachsene. Soweit lässt sich sagen, dass sich die Darstellungen gleichen.

Dann aber begann ein mühsames Ringen, um das, was wa(h)r.

Politkovskaja machte sich auf, Hintergründe zu erfahren. Sie wollte zeigen, was bevorsteht, wenn sich autokratische Machtmenschen politisch durchzusetzen verstehen.

Nur eine gründliche Suche zählt

Der Journalistin war bewusst: Sie würde nicht annähernd an die Wahrheit herankommen, wenn sie in ihrem Moskauer Büro blieb und offiziellen Kundmachungen lauschte.

Sie brach auf – mit drei harten Broten, drei Wanderstecken und drei Paar eisernen Schuhen, wie es in einem der beliebtesten russischen Märchen heißt, dem Märchen Das Federchen des Finist Hellfalke. In ihm sucht das schöne Mädchen ihren Geliebten Finist – den Phönix, der alle 500 Jahre aus der Asche wiedergeboren wird.

Für Politkovskaja bedeutete diese Suche vor allem Recherchearbeit vor Ort:  Jedes noch so kleine Stückchen Information offizieller Stellen musste überprüft werden.

  • Waren es nun 130 (offiziell) oder doch über 1000 Geiseln, wie Zeugen berichteten?
  • Die Anzahl der Geiselnehmer schwankte erheblich, man einigte sich schließlich auf mindestens 32.
  • Waren tatsächlich Araber unter ihnen, wie Armee und OMON-Spezialeinheiten durchsickern ließen?
  • Oder waren es ausschließlich Tschetschenen, wie die Betroffenen behaupteten.
  • Sogar die Zahl der Toten war umstritten: 331 nannten die Behörden, 394 wurden allein in einem Krankenhaus gezählt, 900 vermuteten Hilfsorganisationen.

Politkovskajas Ohr galt dem Erlebten

Was Politkovskaja für all jene, die behaupteten, die Wahrheit zu kennen, so gefährlich machte, war ihr Wissen darum, dass diese behauptete Wahrheit ohne die Stimme der Betroffenen gar nicht wahr sein kann; dass behauptete Tatsachen auch das Skelett für ein anderes Konstrukt – der Propaganda – bilden können.

Sie hörte Müttern zu, die ihre Kinder verloren hatten, Vätern, die mit diesen weinten; spürte die Trauer, die Angst und die Wut über die Verdunkelungstaktik der zuständigen Behörden. Diese Eltern wollten wissen, wie ihre Kinder gestorben waren. Doch die Behörden speisten sie mit Worthülsen ab.

Die Wahrheit stand auch für Politkovskaja nicht unveränderlich und absolut da.

Aber es gehörten Fixpunkte dazu, die nicht beiseite gewischt werden konnten: Geschehnisse in Russland, die zur Geiselnahme geführt haben. Verantwortlichkeiten. Zusammenhänge und auch aufgestaute Gefühle. In Tschetschenien, im ganzen Land.

All das versuchte die Journalistin zu benennen, in Worte zu fassen, um ihre Wahrheit möglichst wahr werden zu lassen. Wohl wissend, dass wir, die Leser, dem Gesagten nur vertrauen können, wenn sie ihre Arbeit gut machte. Ihr Phönix sollte nicht so schnell wieder sterben!

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Kuschelsamstag ist: Kalt, grau und regnerisch. Das richtige Wetter für Champurrado – den schokoladigen Maisdrink, dem ich nie widerstehen kann – und Gorditas de Nata. Gut, dass ich eine Ausrede habe, mein Zimmer zu hüten: Recherche!

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