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4. Fenster: Barbara, die sich weigert

die heilige barbara, jan van eyck

Barbara war nie “recht”. Das fing schon früh an. Ihr Vater, Dioscuros, konnte sich nicht mehr erinnern, wann, aber er wusste noch, dass sie ein wunderschönes und eigentlich verträgliches Baby gewesen war.

Schön anzusehen fand er sie sie auch mit neun, aber …

Barbara,  Pferde sind nichts für dich! Was schleichst du im Stall herum? Geh und hilf Mutter beim Kochen! Was heißt, du willst nicht? Ich habe es gesagt – und basta. Geh!

Eine Augenweide war sie auch mit elf, aber…

Barbara, was steckst du deine Nase schon wieder in die Bibliothek? Bücher sind nichts für dich. Davon bekommst du nur Falten… füll deinen hübschen Kopf mit Nützlichem. Nimm dein Stickzeug!

Wunderschön sah sie mit dreizehn aus, aber

Barbara, wo treibst du dich herum? Du hast nicht in die Stadt zu gehen? Was? Du diskutierst? Mit wem? Am Marktplatz? Hattest du jemanden mit? Nein? Bist du wahnsinnig? Du ruiniest meinen Ruf! Geh auf dein Zimmer! Zwei Wochen will ich dich nicht sehen!

Mit 15 war sie bereits die Schönste der Stadt, jeder junge Mann – und auch so mancher alte – renkte sich den Hals aus, als er ihr nachsah, wenn sie auf den Marktplatz lief, aber

Barbara, der Sohn des Apothekers hat um deine Hand angehalten. Was heißt, du willst nicht? Wann gedenkst du, unter die Haube zu kommen. Wir haben nicht ewig Zeit. Ich kann mir die Mühe sparen, einen Mann für dich zu suchen? Was, bitte, heißt das? Du heiratest und damit basta.

Heirat als Ausweg?

Mit 18 hatte sich nicht nur die Kunde von Babaras Schönheit über das ganze Land verbreitet, sondern auch ihr Ruf, alle Anträge abzulehnen. Was natürlich noch mehr junge und alte Männer in das Haus des Vaters trieb und noch mehr Streit brachte. Barbara ließ sich nicht erweichen.

Sie wolle nicht heiraten – nicht einen einzigen dieser Männer. Sie überlege sich, teilte sie eines Tages mit, Jesus zu heiraten.

Waaas? Ist das nicht der Jüngling am Holzkreuz? Diese Kreuz, das die Christen anbeten? Bist du völlig übergeschnappt? Was für Unsinn redet dir diese Sekte ein? Diese Verrückten, diese Gotteslästerer! Dorthin gehst du nicht mehr. Ich verbiete es!

Doch auch Väter lernen dazu. Da Dioscuros wusste, dass seine Tochter sein Verbot kaum einhalten würde, ließ er einen Turm – ohne Türe, mit nur zwei Fenstern – bauen und sperrte sie ein.

Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast!

Ein Keim, in der Kindheit gelegt, wächst stetig weiter

Barbara aber weigert sich zeitlebens, “vernünftig” zu sein – und darüber hinaus… Sie fand Wege, sich taufen zu lassen, dem Turm mit der Dreifaltigkeit beizukommen und zu fliehen. Ein Hirte verriet ihren Fluchtort – worauf ihr wahres Martyrium begann. Es dauerte an, bis Dioscuros höchstselbst seine Tochter enthauptete.

barbara 1500

Enthauptung Barbaras durch ihren Vater Dioscuros, Barbara-Altar von Jerg Ratgeb in der Stadtkirche Schwaigern, 1510. Foto von Peter Schmelzle.

Doch es blieb dabei: Barbara funktionierte auch weiterhin nicht “recht”. Zur Quälerei zum Beispiel schwieg sie ärgerlicherweise nicht:

  • Ein Kirschzweig, den sie berührt hatte, begann mitten im Winter zu blühen.
  • Den verräterischen Hirten fraßen Heuschrecken.
  • Den Vater tötete nach dem tödlichen Streich ein Blitz.
  • Schließlich beten seit Jahrhunderten Menschen zu ihr als Heilige.

Ja, sie schleicht sich sogar in den Volksmund, vor allem den süddeutschen:

Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.

 Barbarazweige: Zeichen der Rebellion

In der römisch-katholischen Kirche beäugten Historiker Barbara ebenfalls skeptisch. Sie passte eigentlich nicht unter die Heiligen.

Hatte sie tatsächlich gelebt?

Bekannt seien ja nur die Legenden, historisch nachweisen ließe sich nichts. So kritisierten die Heiligsprech-Experten den Status der rebellischen Barbara. Sie strichen deshalb im Zuge der Liturgiereformen des zweiten vatikanischen Konzils (1962-1964) die  heilige Barbara aus dem römischen Generalkalender.

Doch die Dame ist populär! Sie lässt sich nicht stillschweigend streichen. So beobachtet der Vorbeifahrende auch heute noch am 4. Dezember in manchen Regionen Vasen mit Zweigen im Fenster. Abends von einer Kerze beleuchtet.

Sie blieb die Schutzherrin der Architekten, der Glöckner, der Maurer, der Zimmerer – und all der anderen Bauarbeiter. Sie gewährt weiterhin als Patronin aller Berufe, die mit Feuer zu tun haben, ihren Schutz – auch der Artillerie.

Die Kirche wurde ihr nicht Herr!

Ihr Gedenktag blieb demnach in einigen Regionalkalendern erhalten: in Österreich zum Beispiel, in Polen, Portugal, Slowenien, Frankreich und Italien.

  • Warum aber wehrt sich Barbara so hartnäckig?
  • Warum lässt sie es nicht gut sein?
  • Warum kämpft sie immer noch an so vielen Fronten?

In Theorie… weil sie eine Andere ist, eine viel Ältere.

Es heißt, sie gehöre zu den keltischen Göttern. Sie sei Borbeth, eine der drei Bethen.

Die Römer hätten ihr einfach einen anderen Namen gegeben:

“Barbara” – die Ausländerin.

 Tipp für den 4. Dezember

Im Mühl- und auch im Waldviertel, Österreich, steht ab 4. Dezember nahezu in jedem Haus ein Strauch aus Barbarazweigerl. Er soll spätestens am Christtag zu blühen beginnen.

Früher schlossen die Bauern daraus, ob es eine gute Ernte geben wird. Barbara zeigt aber mit den blühenden Zweigen auch, wer von der Familie im nächsten Jahr Glück haben wird: Dafür stellt man einen Zweig pro Familienmitglied in die Vase und schmückt ihn mit einem Wollfaden – pro Familienmitglied mit einer anderen Farbe.

Macht euch heute also auch auf! Trotz Schnee und Wind – ein Waldspaziergang kann nichts schaden. Nehmt eine Gartenschere mit und schneidet ein paar Zweige. Weicht sie über Nacht in Wasser ein und stellt sie in eine Vase.

Wie man sie schneidet und was es sonst zu beachten gibt, seht ihr im folgenden Video:

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