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Sommerfrische am Mácha-See

Maca-See2Sie kam nur alle Nase mal ins Dorf. Meistens im Sommer an den Mácha-See, früher nannte man das „zur Sommerfrische“. Ihr erster Gang war stets zur Karasek. Der Frau, die in Staré Splavy drüben Zimmer vermietete und nebenbei noch bei Familien putzte. Das war natürlich nicht der Grund, warum sie hinging. Die Karasek war die Mutter ihres Mannes. Aber das trieb sie auch nicht hin. Auch der Garten nicht. Oder der Kaffee. Wichtiger war, dass die Karasek immer am Laufenden war. Sie wusste, was im letzten Jahr passiert war und das aus erster Hand; von anderen Ereignissen hatte sie mit Sicherheit „gehört“. Die Karasek gab Einblick, schuf das soziale Zuhause, das die Besucherin brauchte, wenn sie sich halbwegs sicher im Dorf bewegen wollte.

Die beiden Frauen setzten sich – bei Sonnenschein in den Garten, bei Regen in die Küche – tranken Kaffee und tratschten. Was man so tratschen nennt. In Wirklichkeit war es ein „Sich auf den Stand bringen.“ Da erzählt die eine der anderen, was im Ort passiert ist. Wem der Mann gestorben, was beim Essen mit dem Bürgermeister gesagt, wer ein Kind bekommen hat. Die Frauen nehmen sich Zeit. Es werden nicht nur die Fakten aufgezählt – es wird beschrieben, ausgeschmückt, geklärt, wer was gesagt, getan hat. Die Karasek malt ein Bild, setzt Farbpunkte, einen nach den anderen, ganz genau und ergänzt dann noch Details, wenn die Besucherin die richtigen Fragen stellt. Es entsteht das Portrait einer Familie, einer Person, den Rivalitäten, Lieben, Schicksalsschlägen. Eines nach dem anderen. Zusammengefügt ergab es eine Collage, die als Ganzes das Leben am See beschreibt. Die Karasek gibt Einblick in die regionale Kultur, besser als die Lokalnachrichten. Denn ihre Geschichten erzählen nicht nur vom See, sondern auch von den Leuten dort, den Gedanken, den Werten – schlicht von der Kultur.

Die Besucherin nimmt die Geschichten auf: Sie erfährt, wie Frauen und Männer sich verhalten. Was erwartet wird – von ihren Rollen im Leben. Wie man sich in Situationen verhalten kann; was dumm ist daran, was klug. Warum ist etwas wichtig, „falsch und richtig“? Sie erhält einen Fahrplan – wie sie sich bewegen kann unter den Leuten, den Leuten im Dorf. Und weil sie sich für die Menschen dort interessiert, weil sie wissen will, wägt sie ab: Wie würde sie selbst in der Situation reagieren? Wie sieht sie die Rollen von Frau und Mann? Was erwartet sie vom Leben? Was ist ihr wichtig, was findet sie falsch und was richtig? Sie sieht die Unterschiede: Sie kommt ja nicht aus der Region. Sie ist nur auf Besuch. Doch der Tratsch soll sie bereichern, ihr die Möglichkeit eröffnen, die Menschen am See kennen zu lernen. Deshalb ist jedes Jahr ihr erster Gang zur Karasek. Die sich freut. Da auch sie neugierig ist, gern vom Leben der anderen hört und lernt.

Die Apfelhexe in dem Märchen macht eigentlich nichts anderes: Sie versucht so viel wie möglich über die Region zwischen Reichenberg und Gablonz zu erfahren, um sich einen Überblick zu verschaffen, ein Orientierungssystem zuzulegen. Sie belohnt sogar gute Geschichten mit einem Apfel „der Erkenntnis“ und bestraft „schlechte“, die sie nicht weiterbringen. Als ihr das Gequatsche der Schneidermeisterin, mit ihren Geschichten ohne Essenz gar nichts mehr bringt, geht sie. Wohin? Dorthin, wo es vermutlich neue Geschichten gibt, interessantere; dorthin, wo sie weiter lernen kann.

beim_kaffeeklatsch_rudlf_erpSeit Generationen halten es die Frauen so, wenn sie sich informieren wollten: Tratsch und Klatsch wird das gerne genannt, aber eigentlich sind es mitunter fundierte Geschichten. Sie ermöglichen zu lernen, Erkenntnisse zu gewinnen. Sie handeln vom Leben unter und von Frauen und dessen Unwägbarkeiten. Männer in westlichen Kulturen äußern sich gern abschätzig darüber – nennen es auch Gewäsch und hören ab dem „Mannesalter“ den Erzählungen nicht mehr richtig zu. „Komm zum Punkt“, fordern sie gerne. „Schmück‘ das nicht so aus!“  Ein Fehler! Denn sie könnten vieles besser verstehen. Besonders Situationen, in denen ihnen ein Rätsel bleibt, warum jemand nicht so reagiert, wie sie es erwartet haben.

Soziale und interkulturelle Kompetenz, jene „soft skills“, die heute am Arbeitsmarkt so gefragt sind, entwickeln sich vor allem durch Zuhören: den Geschichten, die das Leben schrieb. Sie entstehen durch den Austausch, das Miteinander und aufmerksame Miterleben. Wenn Menschen aus anderen Kulturen bereit sind zu erzählen, sollten wir also zuhören. Einerseits, weil sie spannende Geschichten erzählen. Andererseits, weil sie von sich erzählen – von ihren Werten, Gefühlen, ihrer Sicht auf das Leben. So lernen wir sie und ihre Kultur – ihr Land – kennen. Und hoffentlich auch uns.

©SCommIntercultural