Schnee der Frau Holle
Artikel
0 Kommentare

13. Fenster: Warum schneit es so wenig, Frau Holle?

Der Pfad zu Frau Holle fordert Überwindung. Auch ich musste springen – vom Brunnenrand in unbekannte, schwarze Tiefe.

Die alte Dame erklärte es mir: Würde ich mich weigern, könne ich das Interview vergessen. Ihr Zuhause sei eben unten! Sie käme selten nach oben und wenn, dann hätte sie Besseres zu tun als mit Journalisten zu sprechen. Besonders im Winter.

Die Rauhnächte kommen bald und ich weiß sowieso nicht, wo mir der Kopf steht.

Mir blieb also nichts Anderes übrig. Ich bin ins Unfaßbare gesprungen… und praktisch sofort in Ohnmacht gefallen.

Ihr wollt wissen, was mir bei meinem Sprung passiert ist?

Tut mir leid, so genau weiß ich es nicht. Mein Mikro rauscht zuerst eine Weile, danach zwitschern Vögel, summen Bienen und ich höre einen Plumps. Irgendwas ist auf eine weiche Unterlage gefallen, denn es plumpste gedämpft. Das war ich, vermute ich.

Bei Frau Holle in der Welt ganz unten

Denn als ich wach wurde, roch ich zuerst einen Hauch von Hyazinthen und Gras, gebackenes Brot und den feinen Duft eines blühenden Holunderstrauchs. Ich öffnete die Augen und sah sie sofort.

Frau Holle saß vor ihrem Haus auf der Sonnenbank und hielt einen Ast voller Holunderblüten in der Hand. Ich war erleichtert. Es war nur eine weißhaarige Frau mit roten Wangen und einem Zwinkern in den faltigen Augenwinkeln. Sie entsprach nicht einem einzigen der Schreckensbilder, die mir gezeichnet wurden: mit riesengroßen, spitzen Zähne zum Beispiel, wirrem Haar und mit strengem Geruch.

Vor mir lehnte jedoch eine adrette, alte Dame. Ihre Haare hatte sie aufgesteckt, der Kragen ihrer Bluse schien frisch gestärkt. Umstände machte Frau Holle jedoch keine.

Fangen wir gleich an, ich habe nicht viel Zeit!

Tja dann, Frau Holle – äh – bekannt sind Sie ja durch die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm geworden. Diese beiden Märchenforscher haben das Märchen Frau Holle in den Kinder- und Hausmärchen veröffentlicht. Wie leben Sie mit diesem Ruhm?

Hier herunten? Nicht anders als zuvor.

Hat sich gar nichts verändert?

Doch, wenn du so fragst! Ich kriege nicht mehr viel Besuch, eigentlich verirren sich höchstens Medien hierher. Hängt das mit diesem Buch zusammen?

Äh…

Wer glaubt noch an Märchen?

Ich fürchte, das muss an etwas Anderem liegen, Frau Holle. Das Buch war eher gute Publicity.

Was? Mit dieser alten Geschichte? Was ist mit dem Jungen, der mir auch geholfen hat? Jakob, ja Jakob vom Wanderzirkus. Von dem könnt ihr erzählen. Aber nein, ihr wiederholt diese Geschichte von den Grimms wieder und wieder, wie eine Schallplatte, die einen Kratzer hat. Ach nein, ich vergesse immer… heute hört keiner mehr Schallplatte, heute streamt ihr.

Über Jakob gibt es einen Film. Kennen Sie den noch nicht? Dadurch wurden Sie auch solchen Menschen bekannt, Frau Holle, die nicht lesen. Eigentlich müssten sie Ihnen die Bude einrennen. Schon allein für ein Selfie!

Selfies… Solche Menschen kommen mir nicht ins Haus!

Aber…

Betten machen bei Frau HolleIch sehe sie ständig. Kaum schüttele ich die Kissen, stürzen sie aus dem Haus, springen unter den Schneeflocken herum, knipsen, knipsen und knipsen. Vor diesem Baum, hinter jenem Strauch, unter dem Denkmal und auf dem Weihnachtsmarkt. Mit Mütze, Felljacke und in Schals gemummelt. Zehn Minuten vielleicht, höchstens! Danach gehen sie ins Haus.

Was stört Sie daran? Die Menschen freuen sich doch, Frau Holle!

Mir  ziehen sie den letzten Nerv. Ich mag nicht mehr. Die Kissen sind schwer, ich bin alt. Ich schüttele sie zwar, werde aber so schnell müde. Früher haben die Menschen Schneemänner gebaut, sind herumgetollt, Schi gefahren, Eis gelaufen, haben eine Schneeballschlacht gemacht – was weiß ich. Stundenlang! Das war Freude – die Freude, die mir Energie gab.

Vielleicht holen Sie sich doch wieder Hilfe, Frau Holle. Damit Sie Hilfe beim Betten machen haben.

Weißt du, wie Hilfe heute aussieht? Die wischt mehr im Handy herum als meinen Boden. Ganz zu schweigen von den Kissen. Wenn sich alle schon bei meinen Verschnaufpausen beschweren, dass es so wenig schneit! Nein, nein… kennst du vielleicht jemanden ohne Smartphone?

 Puh… Frau Holle, leider. Mir fällt niemand ein.

Und dann bin ich neben dem Brunnen aufgewacht. Neben mir das Handy, einen verkohlten Laib Brot und den Ast eines Hollunderbusches. Frau Holle hatte wirklich wenig Zeit.

Tipps für den 13. Dezember

1. Wie wäre es, wenn du heute Abend eine Schneeflocke zeichnest?

Oder hättest du lieber eine Vorlage für deine Kinder? Mit diesem Mandala haben sie sicherlich Spaß beim Ausmalen.

2. Mit kleineren Kinder, die sich schon so auf das Spielen im Schnee freuen: Bastle den Schnee einfach selber!

3. Zu Weihnachten spielt es wie jedes Jahr den Film Frau Holle im Fernsehen. Im ZDF am 23. 12. 2017 um 13.45 Uhr. Weitere Sendetermine gibt es hier.

 Leser dieses Artikels interessierten sich auch für:

9. Fenster: Märchen trifft Philosophie und Wahrheit

8. Fenster: Geschenke – wer bringt sie denn nu?

7. Fenster: Großmutter erzählt, nachts in der Stube

Hat dir das dreizehnte Fenster unseres Adventskalenders gefallen? Wenn ja, dann teile es doch mit deinen Freunden :)

Artikel
0 Kommentare

Sommerfrische am Mácha-See

Maca-See2Sie kam nur alle Nase mal ins Dorf. Meistens im Sommer an den Mácha-See, früher nannte man das „zur Sommerfrische“. Ihr erster Gang war stets zur Karasek. Der Frau, die in Staré Splavy drüben Zimmer vermietete und nebenbei noch bei Familien putzte. Das war natürlich nicht der Grund, warum sie hinging. Die Karasek war die Mutter ihres Mannes. Aber das trieb sie auch nicht hin. Auch der Garten nicht. Oder der Kaffee. Wichtiger war, dass die Karasek immer am Laufenden war. Sie wusste, was im letzten Jahr passiert war und das aus erster Hand; von anderen Ereignissen hatte sie mit Sicherheit „gehört“. Die Karasek gab Einblick, schuf das soziale Zuhause, das die Besucherin brauchte, wenn sie sich halbwegs sicher im Dorf bewegen wollte.

Die beiden Frauen setzten sich – bei Sonnenschein in den Garten, bei Regen in die Küche – tranken Kaffee und tratschten. Was man so tratschen nennt. In Wirklichkeit war es ein „Sich auf den Stand bringen.“ Da erzählt die eine der anderen, was im Ort passiert ist. Wem der Mann gestorben, was beim Essen mit dem Bürgermeister gesagt, wer ein Kind bekommen hat. Die Frauen nehmen sich Zeit. Es werden nicht nur die Fakten aufgezählt – es wird beschrieben, ausgeschmückt, geklärt, wer was gesagt, getan hat. Die Karasek malt ein Bild, setzt Farbpunkte, einen nach den anderen, ganz genau und ergänzt dann noch Details, wenn die Besucherin die richtigen Fragen stellt. Es entsteht das Portrait einer Familie, einer Person, den Rivalitäten, Lieben, Schicksalsschlägen. Eines nach dem anderen. Zusammengefügt ergab es eine Collage, die als Ganzes das Leben am See beschreibt. Die Karasek gibt Einblick in die regionale Kultur, besser als die Lokalnachrichten. Denn ihre Geschichten erzählen nicht nur vom See, sondern auch von den Leuten dort, den Gedanken, den Werten – schlicht von der Kultur.

Die Besucherin nimmt die Geschichten auf: Sie erfährt, wie Frauen und Männer sich verhalten. Was erwartet wird – von ihren Rollen im Leben. Wie man sich in Situationen verhalten kann; was dumm ist daran, was klug. Warum ist etwas wichtig, „falsch und richtig“? Sie erhält einen Fahrplan – wie sie sich bewegen kann unter den Leuten, den Leuten im Dorf. Und weil sie sich für die Menschen dort interessiert, weil sie wissen will, wägt sie ab: Wie würde sie selbst in der Situation reagieren? Wie sieht sie die Rollen von Frau und Mann? Was erwartet sie vom Leben? Was ist ihr wichtig, was findet sie falsch und was richtig? Sie sieht die Unterschiede: Sie kommt ja nicht aus der Region. Sie ist nur auf Besuch. Doch der Tratsch soll sie bereichern, ihr die Möglichkeit eröffnen, die Menschen am See kennen zu lernen. Deshalb ist jedes Jahr ihr erster Gang zur Karasek. Die sich freut. Da auch sie neugierig ist, gern vom Leben der anderen hört und lernt.

Die Apfelhexe in dem Märchen macht eigentlich nichts anderes: Sie versucht so viel wie möglich über die Region zwischen Reichenberg und Gablonz zu erfahren, um sich einen Überblick zu verschaffen, ein Orientierungssystem zuzulegen. Sie belohnt sogar gute Geschichten mit einem Apfel „der Erkenntnis“ und bestraft „schlechte“, die sie nicht weiterbringen. Als ihr das Gequatsche der Schneidermeisterin, mit ihren Geschichten ohne Essenz gar nichts mehr bringt, geht sie. Wohin? Dorthin, wo es vermutlich neue Geschichten gibt, interessantere; dorthin, wo sie weiter lernen kann.

beim_kaffeeklatsch_rudlf_erpSeit Generationen halten es die Frauen so, wenn sie sich informieren wollten: Tratsch und Klatsch wird das gerne genannt, aber eigentlich sind es mitunter fundierte Geschichten. Sie ermöglichen zu lernen, Erkenntnisse zu gewinnen. Sie handeln vom Leben unter und von Frauen und dessen Unwägbarkeiten. Männer in westlichen Kulturen äußern sich gern abschätzig darüber – nennen es auch Gewäsch und hören ab dem „Mannesalter“ den Erzählungen nicht mehr richtig zu. „Komm zum Punkt“, fordern sie gerne. „Schmück‘ das nicht so aus!“  Ein Fehler! Denn sie könnten vieles besser verstehen. Besonders Situationen, in denen ihnen ein Rätsel bleibt, warum jemand nicht so reagiert, wie sie es erwartet haben.

Soziale und interkulturelle Kompetenz, jene „soft skills“, die heute am Arbeitsmarkt so gefragt sind, entwickeln sich vor allem durch Zuhören: den Geschichten, die das Leben schrieb. Sie entstehen durch den Austausch, das Miteinander und aufmerksame Miterleben. Wenn Menschen aus anderen Kulturen bereit sind zu erzählen, sollten wir also zuhören. Einerseits, weil sie spannende Geschichten erzählen. Andererseits, weil sie von sich erzählen – von ihren Werten, Gefühlen, ihrer Sicht auf das Leben. So lernen wir sie und ihre Kultur – ihr Land – kennen. Und hoffentlich auch uns.

©SCommIntercultural