Wo ist die Hexe im Apfelbaum?
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Was will die Hexe im Apfelbaum?

Heute erzähle ich euch von einer Hexe, jener Hexe, die es sich in einem Apfelbaum bequem gemacht hat. Wie lange ihr das gelingt? Tjaaaa… hört selbst:

Es war einmal auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz ein Apfelbaum. Der war alt und vertrocknet; er trug nur saure, verhutzelte Äpfel, an denen sich niemand die Zähne ausbeißen wollte.

In einem ganz besonderen Jahr reiften aber plötzlich saftige, rotbackige Äpfel heran. Sie leuchteten schon von weitem, so dass Euch das Wasser im Munde zusammengelaufen wäre, wenn Ihr nur damals schon auf der Welt und dort vorbeigekommen wäret. So aber staunte ein Tuchweber und schlich sich näher ran.

Wie die Hexe ihre Äpfel bewacht

 

Gustav Klimt Apfelbaum

Von Gustav Klimt

Ei wie sehr wollte er in einen Apfel hineinbeißen; den Saft so richtig vom Kinn tropfen lassen. Auf den unteren Ästen jedoch baumelten keine Äpfel – nur dort droben, ganz hoch.

Der Tuchweber entschied sich zu klettern.

Er schwang sich auf einen Ast, dann auf den nächsten und dann noch auf einen anderen. Schließlich griff sich einen besonders knackig aussehenden Apfel. Schon wollte er hineinbeißen, dachte an das saftige Fruchtfleisch –

Was fällt dir ein! Stiehlst mir meine Äpfel! Du Apfeldieb, du! Zinn Zinnoberrot!

Der Tuchweber schreckte sich, als er ein altes Weiblein aus der Krone des Baums steigen sah:

Die Apfelhexe!

hexe am flugSchnell versuchte er weg zu springen. Denn er hatte schon viel zu viel von ihr gehört:

  • Da war Hans, der Hundefänger, den sie drei Tage in einem Weidenkorb eingesperrt,
  • dann Theodor, der Taschendieb, dem sie die Diebesbeute gestohlen
  • und schließlich Käthe, die Kupplerin, der sie die Nase langgezogen hatte.

Kein Wunder, dass der Tuchweber sich so schnell wie möglich davonmachen wollte. Nur klappte es nicht. Er hing nämlich fest!

Die Apfelhexe kicherte.

So schnell kommst du mir nicht davon! Zuerst musst du mir die Zeit vertreiben. Erzähl‘ mir eine Geschichte!

Der Tuchweber wunderte sich, wie billig er davonkommen sollte. Er wusste viele Geschichten, war er doch als Handwerksbursch gereist.

Ihr wisst ja –  wer eine Reise tut…

Und deshalb wusste der Geschichten… Geschichten… zum Beispiel von der Nachbarin, die den Nagel immer auf den Kopf getroffen hatte. Wie sie dem Handwerksburschen des Tischlermeisters über Nacht gezeigt hat, wie man ein Boot baut. Mit dem sie dann fortsegelt.

Dieses Ende gefiel der Apfelhexe. Sie riss einen Apfel ab und gab ihn dem Tuchweber. Kaum hat er einen Bissen davon gekaut und runtergeschluckt, war der Hunger weg. Zum Essen blieb ihm ja auch keine Zeit.

Mach schon! Erzähl weiter!

Also erzählte er:

Von der gefräßigen Raupe, die den Obstgarten vertrocknen ließ. Sie entschied sich vor lauter Appetit dazu, sich nicht zu verpuppen und kein Schmetterling zu werden; sie wollte lieber einfach in Nachbarsgarten weiterfressen.

Diese Geschichte mochte die Hexe nicht so. Sie fuhr dem Tuchweber mit ihren scharfen Nägeln übers Gesicht. Das tat weh – doch schon musste er weiter erzählen, weiter und weiter: Den ganzen Tag über redete er. Alles erzählte er – von den Leuten im Dorf und den Dörfern ringsum – alles, was er wusste. Wenn es der Hexe gefiel, lobte sie und gab ihm einen Apfel. Aber wehe, wenn nicht. Dann setzte sie ihre Nägel ein.

Als es tiefe Nacht war, sagte sie:

Jetzt denk‘ nach! Morgen will ich Bess’res hören. Wenn nicht, ergeht es dir schlecht!

So grübelte der Tuchweber die ganze Nacht. Kein Auge hat er zugetan! Was nur, was, gab es noch, das der Hexe gefallen könnte? Er grübelte und grübelte… ja er dachte so lange nach, so dass er am Morgen ganz heiser und sein Kopf leer war. Völlig leer.

Dummer Tor!

Die Hexe schimpfte, als ihm nichts mehr einfiel, und warf ihn einfach vom Baum.

Der Tuchweber brach sich einen Arm und ein Bein dabei und humpelte davon. Froh, dass er so glimpflich entkommen war.

Die Wahl: 1 Geschichte oder gebrochene Beine

Kurz danach lief einem Fassbinder das Wasser im Munde zusammen. Er stieg in den Baum. Doch er war maulfaul. Das munkelte man schon lange im Dorf – und so flog er in einem so hohen Bogen aus dem Geäst, dass er alle seine Glieder zusammenklauben musste.

Der nächste war der Dorfpolizist. Auch er konnte den Äpfeln nicht widerstehen! Ihm fielen glücklicherweise gleich ein paar Geschichten ein:

  • von seiner Jagd auf einen Zirkusfloh zum Beispiel. Wie sich der im Hemd der Bürgermeisterin versteckt hat.
  • von der wandernden Vogelscheuche, die sich die Felder aussuchen konnte und daher sehr heikel war.
  • vom Taschendieb auf dem Jahrmarkt von Reichenberg. Der hatte einen Knopf in den Klingelbeutel geworfen.

Dann aber war Schluss. Der Dorfpolizist wusste nichts mehr. Sofort plumpste er vom Baum. Just in diesem Moment kam ein Heuwagen vorbei. Der ließ ihn weich fallen. Vielleicht deshalb, weil die Hexe bei allen seinen Geschichten lachen musste.

Hexe vs Schneidermeisterin: Wer gewinnt?

Der Schneider war der nächste. Er erzählte

  • von der dummen Augustine, die so gerne Königin werden wollte,
  • vom kleinen Ferkel, dem die fünfjährige Tine tanzen lehrte.,
  • von der Schustermeisterin, die Pferden Schuhe anpasste.

Am Ende jeder Geschichte wiegte er aber den Kopf, sehr nachdenklich:

So ist es wirklich passiert. So  hat es mir meine Frau, die Schneidermeisterin, erzählt.

Bei der dritten Geschichte wurde es der Apfelhexe schließlich zu bunt:

Alles hast du von deiner Frau gehört. Wie’s scheint, ist die viel klüger als du!

Was gibt es da zu sagen, wenn etwas wahr ist? So wahr.

Viel klüger! Die weiß alles, was landauf, landab vor sich geht!

Geh nach Haus und schick sie her! Auf dass sie mir die Zeit vertreibt!

Die Hexe ließ den Schneider vom Baum.

Als er aber nach Hause kam, ging sofort ein Donnerwetter auf ihn hernieder.

War das ein Gezänk und Geschrei, weil er so spät zum Abendessen eintraf. Erst nach einer Weile, in einer klitzekleinen Verschnaufpause seiner Frau, erzählte er vom Apfelbaum auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz.

Der trägt Früchte, die sind so süß und saftig, dass du dich nicht satt essen kannst!

eine Schüssel voll ÄpfelMehr brauchte die Schneidermeisterin nicht! Äpfel waren ihr Lieblingsobst – und sie wollte wieder einmal einen Altwiener Apfelstrudel backen. Sie forderte ihren Mann auf, ihr den Baum zu zeigen. Nachdem er sich ein bisschen geziert hat, ging der Schneider mit ihr zum Baum. Dort ließ er seiner Gattin den Vortritt.

Kaum war die Schneidermeisterin im Geäst, stürzte sie sich auf einen der rotbackigen Äpfel. Ihr wisst ja, wie das ausgeht: Die Hexe forderte ihre „schönen Geschichten“.

Mehr als wir alle anderen wusste die Schneidermeisterin aber auch nicht. Doch sie hatte das loseste Mundwerk zwischen dem Jeschken- und Isargebirge. Sie  klatschte d‘rauflos und hört auch heute noch nicht damit auf.

Die Hexe aber kletterte noch am Abend hurtigst vom Baum herunter. Sie suchte das Weite. Solch ein Gewäsch hatte sie noch nie vernommen – die Ohren klangen ihr noch wochenlang davon.

Im Apfelbaum droben blieb die Schneidermeisterin allein sitzen. Sie wartet auf jemanden, der sie da runterholt. Weil die Äpfel aber wieder verschrumpelt und ganz hart sind, kümmert sich keiner mehr um den Baum.

Wenn die Schneidermeisterin also noch nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute da oben.

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Rezept: Der einzig wahre, der echteste aller Apfelstrudel

Was in der kaiserlich, königlichen (k. und k.) Monarchie der Habsburger wirklich jeder wusste, heute aber gern verdrängt wird: Der Apfelstrudel kommt eigentlich nicht aus dem heutigen Österreich. Wie viele der als typisch österreichisch angesehenen Mehlspeisen! Der Apfelstrudel kommt von ganz woanders:

Damals, als Tschechien noch zur Habsburger Monarchie gehörte und die Amtssprache Deutsch war, zogen viele böhmische Frauen nach Wien, mit ihren Männern oder allein, um in der Hauptstadt Österreichs zu arbeiten. Sie verdingten sich dort als Köchinnen, Dienstmägde, Hausmädchen oder in den zahlreichen Fabriken der Stadt.

Das Erbe, das diese tüchtigen Frauen den Wienern hinterlassen haben, sind die zahlreichen Mehlspeisrezepte, für die die österreichischen Küche heute so berühmt ist.

Dazu gehört neben der Palatschinke auch der heute allseits bekannte – der Altwiener

Apfelstrudel aller Apfelstrudel

Auf eure Frage hin habe ich mich hingesetzt und notiert, was in Wien jeder weiß: Das Rezept des Altwiener Apfelstrudel für 6-8 Portionen. Damit ihr in Zukunft einen wahren, ja den echtesten aller Apfelstrudel klar erkennt. Probiert und genießt!

Zutaten für den selbstgezogenen Strudelteig

  • 200 g Mehl, glatt (Type 480)
  • 1/8 l Wasser, lauwarm
  • EL Öl
  • eventuell 1 Ei
  • Prise Salz
  • Mehl zum Stauben
  • Butter zum Bestreichen
  • Öl zum Bestreichen

Mehl kegelartig auf Arbeitsfläche häufen, oben einen Krater bilden.

Salz, Öl, (Ei) und nach und nach Wasser beigeben.

Alle Zutaten zu einem glatten Teig kneten. Teig dünn mit Öl bestreichen und zugedeckt ca. eine halbe Stunde rasten lassen.

Ein Tuch mit Mehl stauben, Teig ebenfalls mit Mehl anstauben und mit dem Nudelholz gleichmäßig ausrollen. Mit flüssiger Butter bestreichen, zugedeckt einige Minuten rasten lassen.

Den Teig mit dem Handrücken hauchdünn und gleichmäßig ausziehen, dabei beide Hände verwenden.

Zutaten für die Fülle

  • 1,5 kg säuerliche Äpfel z. B. Boskop, Golden Delicious (geschält und entkernt)
  • 20 g Sauerrahm (oder geschlagene Sahne)
  • 80 g gehackte Walnüsse
  • 150 g Kristallzucker
  • 150 g Semmelbrösel (Paniermehl)
  • 80 g Butter
  • 1 KL Zimt
  • 1 EL Vanillezucker
  • 2 EL Rum

Äpfel vierteln, in 3 mm dicke Scheiben schneiden.

Butter in Pfanne erhitzen, Semmelbrösel beigegeben, goldbraun rösten, kalt stellen.

Äpfel mit Kristall und Vanillezucker sowie Zimt, Rom und Rosinen vermengen.

Strudelteig anrollen, mit flüssiger Butter bestreichen, dünn auf bemehlten Tuch ausziehen, Ränder abschneiden. Strudelteig mit Bröselgemisch bestreuen, Äpfel darauf gruppieren, Walnüsse darüber streuen und mit Sauerrahm (Sahne) einstreichen.

Zum Schluss straff einrollen und die Enden schließen.

Auf ein gebuttertes des Backblech legen, nochmals kräftig mit flüssiger Butter bestreichen, im vorgeheizten Backofen braun backen (Backrohr Temperatur: 220 °C, Backdauer: ca. 40 min)

Mit Staubzucker bestreut, warm oder kalt servieren.

Tipp zum Ausziehen des Teigs:

1, 2, 3  – keine Hexerei: Am leichtesten lässt sich Strudelteig ausziehen, indem man ihn

  1. auf ein bemehltes Tuch mittels Nudelholz fingerdick  ausrollt,
  2. 5 min zugedeckt rasten lässt
  3. mit flüssiger Butter kräftig bestreicht

Anschließend lässt sich der Teig wunderbar ziehen.

Statt Äpfel lassen sich auch andere Obstsorten, zum Beispiel ihre Zwetschken, Trauben oder Birnen  verarbeiten. Ein Rhabarber-Strudel ist übrigens auch etwas ganz Besonderes. Ach – das Schlagobers, das sollte nicht fehlen!

Hinweis für Freunde der Vanillesoß': Fußbad kriegt der Strudel keins!!! 😉

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Schnee der Frau Holle
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Warum schneit es so wenig, Frau Holle?

Der Pfad zu Frau Holle fordert Überwindung. Auch ich musste springen – vom Brunnenrand in unbekannte, schwarze Tiefe.

Die alte Dame erklärte es mir: Würde ich mich weigern, könne ich das Interview vergessen. Ihr Zuhause sei eben unten! Sie käme selten nach oben und wenn, dann hätte sie Besseres zu tun als mit Journalisten zu sprechen. Besonders im Winter.

Die Rauhnächte kommen bald und ich weiß sowieso nicht, wo mir der Kopf steht.

Mir blieb also nichts Anderes übrig. Ich bin ins Unfaßbare gesprungen… und praktisch sofort in Ohnmacht gefallen.

Ihr wollt wissen, was mir bei meinem Sprung passiert ist?

Tut mir leid, so genau weiß ich es nicht. Mein Mikro rauscht zuerst eine Weile, danach zwitschern Vögel, summen Bienen und ich höre einen Plumps. Irgendwas ist auf eine weiche Unterlage gefallen, denn es plumpste gedämpft. Das war ich, vermute ich.

Bei Frau Holle in der Welt ganz unten

Denn als ich wach wurde, roch ich zuerst einen Hauch von Hyazinthen und Gras, gebackenes Brot und den feinen Duft eines blühenden Holunderstrauchs. Ich öffnete die Augen und sah sie sofort.

Frau Holle saß vor ihrem Haus auf der Sonnenbank und hielt einen Ast voller Holunderblüten in der Hand. Ich war erleichtert. Es war nur eine weißhaarige Frau mit roten Wangen und einem Zwinkern in den faltigen Augenwinkeln. Sie entsprach nicht einem einzigen der Schreckensbilder, die mir gezeichnet wurden: mit riesengroßen, spitzen Zähne zum Beispiel, wirrem Haar und mit strengem Geruch.

Vor mir lehnte jedoch eine adrette, alte Dame. Ihre Haare hatte sie aufgesteckt, der Kragen ihrer Bluse schien frisch gestärkt. Umstände machte Frau Holle jedoch keine.

Fangen wir gleich an, ich habe nicht viel Zeit!

Tja dann, Frau Holle – äh – bekannt sind Sie ja durch die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm geworden. Diese beiden Märchenforscher haben das Märchen Frau Holle in den Kinder- und Hausmärchen veröffentlicht. Wie leben Sie mit diesem Ruhm?

Hier herunten? Nicht anders als zuvor.

Hat sich gar nichts verändert?

Doch, wenn du so fragst! Ich kriege nicht mehr viel Besuch, eigentlich verirren sich höchstens Medien hierher. Hängt das mit diesem Buch zusammen?

Äh…

Wer glaubt noch an Märchen?

Ich fürchte, das muss an etwas Anderem liegen, Frau Holle. Das Buch war eher gute Publicity.

Was? Mit dieser alten Geschichte? Was ist mit dem Jungen, der mir auch geholfen hat? Jakob, ja Jakob vom Wanderzirkus. Von dem könnt ihr erzählen. Aber nein, ihr wiederholt diese Geschichte von den Grimms wieder und wieder, wie eine Schallplatte, die einen Kratzer hat. Ach nein, ich vergesse immer… heute hört keiner mehr Schallplatte, heute streamt ihr.

Über Jakob gibt es einen Film. Kennen Sie den noch nicht? Dadurch wurden Sie auch solchen Menschen bekannt, Frau Holle, die nicht lesen. Eigentlich müssten sie Ihnen die Bude einrennen. Schon allein für ein Selfie!

Selfies… Solche Menschen kommen mir nicht ins Haus!

Aber…

Betten machen bei Frau HolleIch sehe sie ständig. Kaum schüttele ich die Kissen, stürzen sie aus dem Haus, springen unter den Schneeflocken herum, knipsen, knipsen und knipsen. Vor diesem Baum, hinter jenem Strauch, unter dem Denkmal und auf dem Weihnachtsmarkt. Mit Mütze, Felljacke und in Schals gemummelt. Zehn Minuten vielleicht, höchstens! Danach gehen sie ins Haus.

Was stört Sie daran? Die Menschen freuen sich doch, Frau Holle!

Mir  ziehen sie den letzten Nerv. Ich mag nicht mehr. Die Kissen sind schwer, ich bin alt. Ich schüttele sie zwar, werde aber so schnell müde. Früher haben die Menschen Schneemänner gebaut, sind herumgetollt, Schi gefahren, Eis gelaufen, haben eine Schneeballschlacht gemacht – was weiß ich. Stundenlang! Das war Freude – die Freude, die mir Energie gab.

Vielleicht holen Sie sich doch wieder Hilfe, Frau Holle. Damit Sie Hilfe beim Betten machen haben.

Weißt du, wie Hilfe heute aussieht? Die wischt mehr im Handy herum als meinen Boden. Ganz zu schweigen von den Kissen. Wenn sich alle schon bei meinen Verschnaufpausen beschweren, dass es so wenig schneit! Nein, nein… kennst du vielleicht jemanden ohne Smartphone?

 Puh… Frau Holle, leider. Mir fällt niemand ein.

Und dann bin ich neben dem Brunnen aufgewacht. Neben mir das Handy, einen verkohlten Laib Brot und den Ast eines Hollunderbusches. Frau Holle hatte wirklich wenig Zeit.

Tipps zum kreativen Gestalten

1. Schneeflocken-Mandala

Oder hättest du lieber eine Vorlage für deine Kinder? Mit diesem Mandala haben sie sicherlich Spaß beim Ausmalen.

2. Mit kleineren Kinder, die sich schon so auf das Spielen im Schnee freuen: Bastle den Schnee einfach selber!

3. Zu Weihnachten spielt es wie jedes Jahr den Film Frau Holle im Fernsehen. Im ZDF am 23. 12. 2017 um 13.45 Uhr. Weitere Sendetermine gibt es hier.

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Küchentisch, nicht von Carrie Mae Weems
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Küchentisch-Serien: Carrie Mae Weems’ Blick ins Alltägliche

Carrie Mae Weems, Fotografin und Videokünstlerin – verewigt in der Blockbuster-Filmgeschichte:

Catwoman (Halle Berry)Was hat Carrie Mae Weems mit Catwoman zu tun? weiß nicht, wie sie mit den unzähligen Möglichkeiten eines Lebens umgehen soll.

Was werde ich mit meinem Leben anfangen?, fragt sie eine Freundin.

Du kannst immer noch eine Künstlerin werden wie Carrie Mae Weems.

Eine Zeile nur in einem Dialog: Sie ist Ermutigung für Frauen, vor allem für kreative Frauen. Diejenige, die wie Carrie Mae Weems durchs Leben geht, fehlen keine Ideen; sie hat eine eigene Stimme, findet im Alltäglichen das Besondere.

Was ein Küchentisch erzählt

Carrie Mae Weems’ Stärke ist ihr Blick.

Er verwandelt das, was jede Frau kennt. Etwas, das “gewöhnlich” ist, Teil ihres Alltags, bekommt eine eigene Geschichte, eine Existenz.

Wie oft sitzen wir am Küchentisch? Täglich, zwei, dreimal – mindestens. Wir sitzen oft und meistens auch gern in der Küche, dem gemütlichsten Platz unseres Zuhauses.

Wie oft aber denken wir tatsächlich an ihn, den Tisch? Überlegen wir uns jemals, was er im Laufe der Jahre erlebt? Welche Geschichten könnte er erzählen?

In den Küchentisch-Serien  (Kitchen Tables Series) lässt Carrie Mae Weems dem Tisch erzählen, was Zusammenleben mit den Jahren bedeutet. Carrie Mae Weems fotografiert, was täglich vorgeht, was auf ihm und um ihn herum geschieht.

Die Kitchen Tables Series sind Resultat eines Umzugs der Künstlerin in eine Kleinstadt.

Carrie Mae Weems: Ich habe damals viel darüber nachgedacht, was es bedeutet, eine eigene Stimme zu entwickeln.

Die Fotografien waren eine Art Antwort darauf, was ihrer Meinung nach eine Stimme ausmacht. Was braucht diese Stimme, um die eigene zu sein? Ihre Antwort: Sie darf nicht bloß eine Stimme für afroamerikanische Frauen sein.

Weems schaut bis heute allen Frauen ins Leben.

Carrie Mae Weems’ eigene Stimme

Mit acht Jahren ist den meisten Mädchen klar, dass ihre Stimme zählt. Sie wissen um ihre Pläne, ihre Vorlieben, ihre Zukunft. Sie vertrauen ihr, drücken mit ihr Meinung aus.

Leider vergessen die meisten Mädchen diese Stimme im Laufe der Pubertät wieder – andere Fragen verdrängen sie.

  • Was denken die Andere von mir?
  • Was kommt bei Jungs an?
  • Bin ich zu dick?
  • Esse ich das Richtige?
  • Wie falle ich nicht unangenehm auf?

Die eigene Stimme verschwindet oft mit all diesen Fragen. Um sie wieder zu finden, brauchen Frauen brauchen oft lange.

Carrie Mae Weems zeigt einen Weg, wie es schneller geht: Mit einem Blick auf das Besondere im Alltäglichen.

Dafür muss eine Frau nicht einmal weit gehen. Es reicht der Weg zum Küchentisch.

Mehr von Carrie Mae Weems im Internet:

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Die unterirdische Stadt von Buchhain

Beitragsbild von www.gratisography.com

Mara und Josef auf der Suche nach Herberge
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Was auf der Suche nach Herberge niemand erwähnt

Die Gasse liegt staubig im Dunkeln. Zwischen der dritten und der fünften Sur in Cholula, Mexiko, duckt sich das Nonnenhaus hinter einer hohen, mit Glasscherben besetzten Mauer. Herberge soll es sein für diesen Tag.

Ein einziges Fenster leuchtet.

Das Tor zum Haus jedoch ist festlich geschmückt. Ein Weihnachtsstern prangt in der Mitte eines Kranzes aus Reisig, in welchem Orangenscheiben, Zimtstangen, Anis und goldener Bänder gesteckt sind.

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite wartet der Nachbar vor einem mit Lichterketten behängten Tor. Er lauscht dem Krachen der Feuerwerkskörper, die Jung und Alt am zocalo – dem Hauptplatz der Stadt – zünden, sein Blick folgt den spritzenden Blüten am Himmel; Funken spiegeln sich in seinen Augen.

Jetzt müssten sie bald kommen…

Ein Pilgerzug bittet um Herberge

Tatsächlich biegen erste Pilger um die Ecke. Mehr und mehr Menschen folgen  – Nachbarn, Freunde und sogar ein paar Mitglieder der Kirchengemeinde, die eigentlich einige Straßen weiter weg wohnen. Sie haben sich dem Zug angeschlossen, haben sich bereit erklärt, heute im Nonnenhaus Herberge suchen.

Viele davon kommen aus Neugier.

In der Mitte des Pilgerzugs schlendern Kinder: ein Paar verkleidet als Maria und José, andere als Engel, Esel und Ochs. Sie tragen Kerzen. Hinter ihnen spielen Musikanten – mariachis – und verstummen erst, als die Gruppe vor dem Tor des rot gestrichenen Nonnenhaus stehen bleibt.

Die Kinder bilden eine Gasse – für José, der vortritt und am Tor fest klopft. Die Musikanten stimmen an:

  • Im Namen des Himmels bitte ich um Herberge – En el nombre del cielo, os pido posada
  • denn meine geliebte Frau kann nicht mehr weiter – Pues no puede andar mi esposa amada

Im Nonnenhaus geht Licht an, sogar vorne am Tor. Die Metalltür öffnet sich einen Spalt. Der Pilgerzug singt:

  • Hier ist keine Herberge, geht weiter – Aquí no es mesón, siguan adelante
  • Ich darf nicht öffnen, du könntest ein Gauner sein – yo no debo abrir, no sea algun tunante

Fast 500 Jahre altes mexikanisches Wissen

Im Nonnenhaus wohnen schon lange keine Nonnen mehr. Sie sind eines Tages plötzlich ausgezogen, ohne es der Gemeinde zuvor mitgeteilt zu haben. Das Haus stand danach eine Weile leer, bis vor fünf Jahren die Ausländer eingezogen waren.

Der Nachbar grinst, erinnert sich an die junge Frau, die eines Tages in seiner Schreinerwerkstatt stand und mit starkem Akzent darum bat, dass er ihren Tisch repariert. Er wollte damals zuerst sehen, ob sie überhaupt Geld mitgebracht hatte.

Sie war entsetzt. Wie konnte er an ihr zweifeln?

Er dagegen zuckte nur mit den Schultern.

Eroberung Mexikos

Diego Rivera: Mural im Palast von Hernán Cortés in Cuernavaca, Morelos

Gauner gibt es überall – das weiß in Mexiko jedes Kind. Auch dass sie selten auf den ersten Blick zu erkennen sind.

Gauner behaupten, was ihnen beliebt, sogar, dass sie etwas Besonderes sind, Götter zum Beispiel.

Sie schleichen sich unter dem Vorwand ein, Handel treiben zu wollen, bringen stählerne Waffen und Krankheiten mit und vernichten letzendlich Landstriche, Völker, ein riesiges Reich.

In nicht einmal 50 Jahren starben nach der Eroberung des Aztekenreichs im 16. Jahrhundert etwa 22, 5 Millionen Menschen – Mayas, Azteken,  Zapoteken, Mixteken, Huasteken und noch viele mehr, deren Namen heute kaum einer kennt. Ursache waren die Ausländer, Spanier – Hernán Cortés und alle, die ihm folgten.

Dieses Wissen steckt tief im mexikanischen Bewusstsein.

Gerüchte, die schneller fliegen als Tatsachen

  • Weißt du, wer von den Männern der Ehemann ist?
  • Womit verdienen die ihr Geld?
  • In der Kirche habe ich die noch nie gesehen.
  • Sie essen Tortillas. Ich hab’ den Jungen beim Einkaufen zugesehen.
  • Ist das der mit dem Gold im Haar?

Zuerst hatte der Nachbar von den neuen Bewohnern nur die Gerüchte gehört. Manche – Kinder wie Erwachsene – machten sich den Spaß, klingelten und fragten nach den Nonnen.

Hier gibt es keine Nonnen – Aquí no hay monchas

Das wussten die Nachbarn auch. Doch es klang so verrückt aus dem Mund der jungen Frau – völlig fremd. Dieses Vergnügen währte nur kurz; bald schon kam der Satz wie aus der Pistole geschossen, in der korrekten Aussprache und ohne Verlegenheit.

Es blieben der Straße also nur noch Gerüchte, Mutmaßungen, Vorurteile… Der Nachbar hörte eine Menge davon, hielt sich jedoch weiterhin vom Nonnenhaus fern und schwieg meistens, wenn die junge Frau kam. Sie war geduldig geblieben, kam täglich vor und nach der Arbeit und fragte, wann er denn endlich kommen könne.

Morgen – mañana

Drei Monate lang. Bis er sich schließlich aufmachte, den Tisch zu reparieren.

Moctezuma hieß Cortés willkommen

Der Herrscher des Aztekenreiches, Moctezuma II, erhielt Berichte über die Fremden, seit sie an der Küste von Vera Cruz (San Juan de Ulúa) gelandet waren. Er schickten Gesandte zu dem kleinen Haufen Spanier, mit Geschenken aus Gold und Edelsteinen, Kleidung und prächtigem Federschmuck.

Mit diesen großzügigen Gaben wollte er die Fremden besänftigen und dazu bewegen, das Land zu verlassen. Allerdings bewirkte er das Gegenteil. Jetzt war Cortés nämlich klar, dass in diesem Land etwas zu holen war.

Gleichzeitig ließ Moctezuma die Fremden auf Schritt und Tritt beobachten, versuchte herauszufinden, was das nun für welche waren.

Monatelang.

Tenochtitlan

Diego Rivera, La Gran Tenochtitlan via Wikimedia Commons

Schließlich lud er die Fremden zu sich ein, nach Tenochtitlán, einer der größten Stadt der Welt damals. Wie sich die Spanier fühlten, als die Azteken sie willkommen hießen, erzählte Bernal Diaz del Castillo – ein überaus parteiischer Berichterstatter – in seinem Buch: Die wahre Geschichte der Eroberung Mexikos.

Unser kleiner Haufen von vierhundertfünfzig Mann zog mitten durch dichte Menschenmassen, den Kopf noch voll der Warnungen unserer vielen indianischen Freunde. Der geneigte Leser muss sich einmal ganz in unsere Lage versetzen! Dann darf ich ihn nämlich fragen: hat es je Männer gegeben, die ein derart kühnes Wagnis auf sich genommen haben?

Das “kühne Wagnis” bestand darin, Moctezuma in Geiselhaft zu nehmen, die Herrschaft schließlich gänzlich an sich zu reißen und dem spanischen König und sich selbst zu unermesslichen Reichtum zu verhelfen. Wie die Geschichte ausging, wissen wir dank der spanischen Zeugnisse.

Wie sie aus der Sicht der Eroberten zu sehen ist, ist schwerer auszumachen. Denn die heute weitgehend bekannte Geschichte der Eroberung Mexikos ist die Geschichte der Herrschenden, nicht die der Untergegangenen.

Wenn ein Tisch zu reparieren ist

Der Tisch im Nonnenhaus war kein leichter Fall: Wackelig in den Beinen, aus dem Leim gehende Einlegearbeiten und eine an den Kanten stark abgenutze Tischplatte.

Der Schreiner schaute mehrere Tage vorbei und lernte das Leben im Haus kennen, Wohngemeinschaft nannte die Frau es.

Er verlor schnell den Überblick – stets waren Leute da. Ob sie als Besuch galten oder im Nonnenhaus zuhause waren, konnte er meistens nicht sagen. Die fremde Frau, der Junge mit den blonden Haaren und der Andalusier – die lebten bestimmt in dem Haus. Ein paar junge Deutsche, ein Schweizer, ein Texaner, eine Peruanerin… wer weiß?

Während er die Kanten schliff, die Einlegearbeiten ausbesserte und den Beinen das Wackeln austrieb, stand die Frau daneben und löcherte ihn mit Fragen:

  • Ob er schon einen Christbaum für Weihnachten hätte?
  • Was es am Weihnachtstag traditionell zu essen gebe?
  • Wie seine Familie Heiligabend feiere?

Natürlich hätte seine Frau schon eine Pinie geschmückt. Seit dem 1. Dezember stehe sie bereits im Haus. Später hätte sowieso niemand mehr Zeit dafür, später gehe man in Mexiko von Haus zu Haus. Konkret ab dem 16. Dezember.

  • Wir besuchen wir uns gegenseitig, neun Tage lang. Jeden Tag kommt ein anderer dran. Wir klopfen bei Freunden, Nachbarn oder Verwandten, suchen Herberge und wenn wir eingelassen werden, feiern wir.

Herrschende bestimmen Rituale

Im Troß der spanischen Eroberer reisten auch Missionare. Sie wollten die “Götzenanbeter” zum “wahren Glauben” bekehren. Die – wenig zimperlichen – Methoden, die sie einsetzten forderten nahezu ebenso viele Opfer wie die Krankheiten, die sie einschleppten.

Ihre wahre, klar definierte Missionsaufgabe: In zehn Jahren sollten sie die Heiden zu christlichen Arbeitern umerziehen.  Sie duldeten natürlich keine andere Religion neben dem Christentum. Das spirituelle Leben der Indianer war in ihren Augen sowieso keine Religion, sondern heidnischer Aberglaube und Hexerei.

Die Augustiner waren da keine Ausnahme. Der Bettelorden des Spätmittelalters, der im 16. Jahrhundert schon längst das “Bettel” verloren hatte, errichtete mit denjenigen, die sie bekehren wollten, das Kloster Alcolman nahe Mexiko Stadt.

Doch mit dem Bekehren klappte es anfangs nicht allzu gut. Die Azteken liebten ihre Feste und Feiern und sie hatten das ganze Jahr bereits verplant – ständig gab es heilige Feste zu Ehren ihrer Götter, auch wenn sie ihnen keine Menschen mehr opferten.

Sonnengott Huitzilopochtli

Kriegs- und Sonnengott Huitzilopochtli, aus dem Codex Telleriano-Remensis

Gewitzt wie sie waren, deuteten die Augustiner von Alcolman schließlich das mehrtägige Fest im Dezember für Huitzilopochtli um, den Kriegs- und Sonnengott, der auch als Schutzpatron von Tenochtitlan galt.

Zwei Dinge führten sie ein:

  1. La Posada – statt der Prozession zum Altar des Huitzilopochtli ließen sie Maria und Josef Herberge suchen.
  2. La Piñata – bunte, mit Früchten und Erdnüssen gefüllte Figuren aus Krepp bestimmten die anschließenden Feiern. Auf sie schlugen die Indianer mit Stöcken, bis die Köstlichkeiten herausfielen.

In der Gasse 11 Poniente

La Posada - das Fest kann beginnenZwischen der 3 und der 5 Sur stehen an jeder Staßenseite neun Häuser. Das sind genug Nachbarn, so dass jedes Haus eigentllich nur alle zwei Jahre Herberge für die Pilger spielen müsste.

Doch seitdem das Nonnenhaus leer stand, ging die Rechnung nicht mehr auf. Als die Fremden einzogen, hat auch niemand gefragt. Die Nachbarn haben nicht  angenommen, dass die Fremden überhaupt mitmachen würden. Niemand, bis zu jenem Tag, als der Nachbar den Tisch repariert übergab.

Da hat er gefragt.

Und jetzt sind wesentlich mehr Pilger gekommen, als üblich. Zufrieden mit sich, singt er die letzte Strophe mit, als die junge Frau vor die Türe trat:

  • Tretet ein, heilige Pilger, ihr bekomm diese Ecke – entren Santos Peregrinos, Peregrinos, reciben este rincón,
  • so ärmlich die Wohnung ist, gebe ich sie euch von Herzen – que aunque es pobre la morada, la morada os la doy de corazon

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Weihnachten in Australien ist eine ganz eigene Sache. Es findet im Sommer statt. Am Strand zum Beispiel, wo alle kurze Hosen tragen oder Tücher um ihre Taille geschlungen haben, vor sich hinschwitzen, surfen oder in der Sonne braten. Mancher Europäer hätte Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen, Santa Claus  – den Weihnachtsmann – willkommen zu heißen. Die meisten Australier plagen dagegen keine Bedenken. Außer die Aborigines.

Sie betrachten das weihnachtliche Theater skeptisch: Kurz gesagt, die Ureinwohner Australiens fangen herzlich wenig mit einem Mann auf einem fliegenden Schlitten an.

Von kulturellen Zusammenhängen

Vor allem, weil er zu den Briten gehörte, genau so wie er heute fester Bestandteil der Feiern der heute in Australien herrschenden Bevölkerungsgruppe ist. Der Gruppe, der viele Nomaden nach wie vor zurückhaltend gegenüber stehen. Kein Wunder: Einmal wurden die Aborigines durch die Briten fast ausgerottet. Wie alle indigenen Völker in der kolonisierten Welt starben sie wegen eingeschleppter Krankheiten und gewaltsamer Konflikte mit den fremden Siedlern. Zum zweiten ignorieren oder bevormunden die weißen Australier sie.

Heute gelten die Aborigines jedoch größtenteils als angepasst. Etwa drei Viertel leben in Städten und haben sich – so gut es ging – mit der seßhaften Lebensweise arrangiert. Jahrelang arbeiten sie, schaffen sich ein Heim,  Freunde und Beziehungen. Irgendwann, ganz plötzlich aber, verschwinden sie.

Er ist walkabout gegangen, schimpfen die zurückgebliebenen Kollegen im Job.

walkabout?

Ja, die verschwinden, die werden verrückt.

Ungläubig erzählen sie, wie der Verschwundene nach drei Jahren zurück kam und erwartete, dass seine Arbeit auf ihn gewartet hätte. Verrückt eben!

Die Aborigines sehen das naturgemäß anders. Fragt man einen von ihnen, bedeutet walkabout etwas  Anderes – es bedeutet einfach gehen.

Nach Hause gehen.

Ins Hinterland aufbrechen, um zeremonielle oder familiäre Dinge zu erledigen, heilige Stätten zu besuchen und mit Menschen, die einen verstehen, zusammen zu sein.

Ein lang anhaltendes Weihnachten halt!

Genau deshalb haben wir heute eine Geschichte der Aborigines für euch:

Was Aborigines über Känguru und Dingo erzählen

Lange wanderten die beiden Männer Kubabara und Buruk, bis sie den riesigen Felsen, Tor Rock, erreichten. Die Umgebung gefiel ihnen. Sie beschlossen, sich eine Weile dort niederzulassen.

Einige Zeit verbrachten sie damit, am Fuß des Felsens entlang zu wandern und entdeckten schließlich eine Höhle. Die Wände waren über und über mit Malereien bedeckt.

Schau Buruk, eine Schildkröte!

Und dort ein Emu… ich kann es deutlich erkennen. Auch die Menschen, die den Vogel jagen.

Es gab so viel zu sehen – die beiden verloren sich in den Träumen von Mensch und Tier. Die Sonne berührte fast den Boden, als Buruk vorschlug :

Komm, malen wir uns auch: Du malst mich und ich dich!

Doch dafür wurde es schon zu dunkel. So lagerten sie vor der Höhle.

Kubabara war das nicht geheuer. Sie hatten so lange mit den Zeichnungen verbracht, dass sie der Umgebung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten.

Was, wenn die Seelen der Tiere uns angreifen?

Buruk lachte.

Es sind es nur Seelen. Wir warten, dann können wir fragen, wie es ist, eine Seele zu sein.

Kubabara war nicht so leicht zu überzeugen. Er nahm beim Schlafen vorsichtshalber die Haltung eines Hasen ein: Bereit beim geringsten Geräusch aufzuspringen und zu fliehen. Buruk dagegen kauerte sich zusammen, bereit eine Seele zu beschnüffeln.

In der Nacht aber gab es nur die Geräusche, die es immer gab: die Geräusche des Landes.

Eine Idee setzt sich fest

Am nächsten Morgen wanderten die beiden weiter. Sie wollten auch noch die andere Seite des Felsens erkunden. Darob vergaßen sie die Zeichnungen. Aber nicht für lange Zeit, denn an den Felswänden eines kleinen Bergs fanden sie weitere Felszeichnungen. Kaum entdeckten sie diese, erinnerten sie sich. Doch auch diesmal verschoben die beiden Männer ihr Vorhaben, sich gegenseitig zu zeichnen.

Schließlich gelangten Kubabara und Buruk in eine Gegend, die ihnen außerordentlich gut gefiel. Sie richteten eine bleibende Lagerstätte ein.

In deren Nähe befand sich sogar eine Felswand. Eine, auf der noch niemand gezeichnet hatte. Zu ihr gingen die beiden eines Tages und setzten ihr Vorhaben um – sie zeichneten sich gegenseitig

Native Drawings (kangourou)

Foto von Triton (Eigenes Werk) , GFDL http://www.gnu.org/copyleft

Wie schön, rief Kubabara, als er Buruks Bildnis sah. Er wollte nur noch als dieses Känguru weiterleben.

Auch Buruk gefiel seiDingo444n Abbild – und verwandelte sich sofort in einen Dingo. Genau so wie Kubabara ihn dargestellt hatte.

In dieser Gestalt lebten die beiden noch eine ganze Weile. Nachts schlief das Känguru wie ein Hase auf der Flucht. Der Dingo aber wie ein Hund, der neugierig wartet.

Dies ging so bis zu jenem Tag, an dem Kubabara und Buruk zu ihren Felsbildern zurückkehrten.

An diesem Tag erfüllten sie ihre Felszeichnungen mit Leben. Als Menschen kehrten sie nie mehr zurück.

Beitragsbild: Kata-Tjuta am Morgen. Foto von Dimageau

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9. Fenster: Märchen trifft auf Philosophie und Wahrheit

Trifft das Märchen auf Philosophie, kommen Fragen auf – die richtig großen Fragen für besinnliche Abende.

Es dürften Fragen aufkommen, Fragen für besinnliche Abende, also für jene Abende, an denen du mit Freunden über Gott und die Welt und das Leben diskutierst. An Adventsabenden, vor Glühweinständen und am Weihnachtsmarkt.

Oder du kuschelst dich in deine Flauschdecke am Sofa. Ist sowieso zu kalt, zu nass und zu dunkel draußen.

Leg dein Smartphone zur Seite. Heute lesen wir ein Buch!

Märchen trifft auf Philosophie

Wer in den deutschsprachigen Landen Sagen und Märchen liebt, weiß um den Schriftsteller Michael Köhlmeier. Er ist DER Erzähler, auf den du dich beziehen kannst, wenn du etwas zu griechische Götter, Halbgötter und dem Olymp wissen willst.

Die Gründe:

In diesem Sagen- und Märchenumfeld bewegt sich dieser österreichische Autor und Erzähler. Gut.

Was hat Konrad Paul Lissmann dort verloren?

Der Villacher ist Universitätsprofessor für „Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik“ an der Universität Wien.

2014 hat er sich aufgemacht, die Praxis der Unbildung näher zu beleuchten. Da der streitbare Essayist auf einen ironischen Verstand baut, ist diese Streitschrift polemisch, klar und durchdacht. Er spricht aus, was er vom Bologner Prozess hält und bringt es auf den Punkt. Realität pur.

Mythen und Märchen, Magie, Götter… das alles kann man sich bei ihm eigentlich nicht vorstellen.

Wenn sich zwei treffen, freut sich der Dritte

Trotzdem haben sich die beiden zu einem gemütlichen Abend zusammen gefunden: Der Dialog zwischen ihnen ist zu diesem Buch geworden. Mythologisch-philosophische Verführungen nennen die Autoren es.

Eigentlich ist es aber ein Spaziergang. Wir flanieren mit Köhlmeier und Lissmann einen Abend lang durch die Themen eines Menschenlebens: Arbeit, Macht, Lust, Schönheit, Meisterschaft…

Köhlmeier erzählt, Lissmann interpretiert

“Märchen sind alte Geschichten, bestenfall tauglich für Kinder”, mögen die einen sagen, “unrealistisch, nur zur Unterhaltung da.”

Wir hören vielleicht an einem verschneiten Samstag Nachmittag zu, weil eine gut erzählte Geschichte eben “eine gute Geschichte” ist.

Wenn sich allerdings die Philosophie der Geschichten, der Märchen und Sagen annimmt und zeigt, was noch alles  in ihnen steckt – ja dann…

dann…

erfahren wir, was Märchen eigentlich sind:

  • Vorlagen zum Denken
  • Antwort auf Lebensfragen
  • Lebensfreude
  • Bewährte Erinnerungen
  • Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses
  • Interpretationsspielraum
  • Ein Eckchen Weisheit

Und wenn du jetzt ein klein wenig die Nase rümpfst, weil – so richtig ernst nehmen, kannst du das alles nicht –  und wenn das alles für dich bloß weihnachtlicher Zeitvertreib und eigentlich Unsinn ist:

Macht nix, du hörst trotzdem zu! :)

Denise Weyermann: Als das Märchen die Wahrheit trifft:

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Großmutter spinnt, während sie erzählt
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7. Fenster: Großmutter erzählt, nachts in der Stube

Dass eine Großmutter Märchen und Geschichten erzählt, gehört praktisch zum Berufsbild. Aber…

  • Woher kommt diese Idee?
  • Wie erzählt Großmutter
  • Was genau erwarten wir von ihr?

Vom Berufsbild der erzählenden Bäuerin

Winter ist’s, der Schnee liegt auf den Hängen und glitzert in der Dämmerung. In der Küche ist es warm, es ist gut geheizt. Die Öllampe spendet Licht. Kinder zausen Wolle, die Magd kämmt sie.

Drei Frauen sitzen an ihren Spinnrädern. Sogar die Altbäuerin hat ihres hervorgeholt. Sie bückt sich zum ersten Flachsbündel, reicht es der ersten Frau, streckt sich nach dem zweiten , gibt es der zweiten Frau, greift zum dritten und setzt sich auf einen dreibeinigen Schemel.

Die Bäuerin beginnt zu spinnen und die Frauen tun es ihr nach. Holzpantoffel klopfen dumpf auf den Boden, Spinnräder surren, Daumen und Zeigefinger ziehen den Faden…

Großmutter, bitte! Erzähl’ uns was!

Auch die Frauen nicken zustimmend. Sie sind nach dem Mittagessen vom Nachbarhof aufgebrochen; drei Stunden dauert es, um hierher zu kommen. Sie werden die Nacht im Hof verbringen, spinnen und zuhören. Sie sind gekommen, um Wissen zu sammeln: Überliefertes oder Erlebtes über Ehe, Geburt, Krankheit, Leben, Tod und — die Liebe.

Die alte Frau aber lächelt nur stumm, dreht das Rad und zwirbelt Flachs zum Faden. Es ist als hätte sie nicht gehört. Trotzdem verstummen die Kinder. Die Magd legt ein paar Scheite in den Ofen, die in der plötzlichen Hitze knacken und  knistern. Dann räuspert sich die Bäuerin müde. “Es war einmal…” — so fängt es an:

Großmutter erzählt

Vielleicht ist es ein Märchen, vielleicht eine Geschichte aus dem Dorf, vielleicht beides in einem. Großmutter hat sie eine Vorliebe für Märchen und Erzählstoffe, die mit ihren umtriebigen Händen Schritt halten.

Sie bevorzugt als Erzählzeit das Präteritum, verwendet gern die indirekte Rede und Wörter, die heute nicht mehr jede kennt. Während sich das Spinnrad dreht und ihre Hände beständig zwirbeln —

Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll

— spricht sie mit ruhiger, entspannter Stimme. Manchmal verweilt sie, übt sich in epischer Breite, wird monoton.

Wenn Großmutter erzählt, wird ihre Stimme manchmal brüchig. Man merkt ihr das Alter, den häufigen Gebrauch an. Doch solange es an diesem Abend Flachsbündel zu spinnen gibt, solange verstummt diese Stimme nicht.

Wie hört das Publikum zu?

Während Großmutter erzählt, sehen die Frauen und Kinder sie nie an. Sie sind in ihr Tun vertieft, spitzen jedoch ihre Ohren. Kein Wort darf ihnen entgehen! Je gebannter ihre Augen auf ihre Arbeit gerichtet sind, desto intensiver lebt ihr Geist in der Geschichte, die Großmutter erzählt.

Sie spüren die Furcht, das Erstaunen, die Liebe und Freude der Helden und Heldinnen in sich,  überlegen, inwieweit das Gesagte für sie wichtig ist. Doppelbödigkeiten und Sinnzusammenhänge wollen sie verstehen.

  • Was können sie aus der Geschichte lernen?
  • Wie sie weiter”spinnen”?

Was Großmutter weiß…

Die Altbäuerin verzichtet auf extreme Ausgestaltungen, denn diese würden ihre Zuhörerinnen zu stark in ihrer Eigentätigkeit beeinflussen. Diese sollen sich ihr eigenes Bild machen und daraus selbst erkennen, wie das Leben so spielt.

Ihre Mittel sind  indirekt: Sie erzählt die Geschichte genau so, wie Großmutter denkt, dass sie war. Und sie erwartet nicht, daß ihre Zuhörer aufhören zu arbeiten, um sich ihrer Geschichte hinzugeben.

Großmutter weiß aus Erfahrung, was Walter Benjamin in seinem Essay über das Erzählen berictet:

Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, daß ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selbst zufällt.

Bald nämlich wird eine andere erzählen: Weil die Altbäuerin erschöpft ist, weil sie bald nicht mehr sein wird.

Das ist ihr Ziel, ihre Aufgabe:

Die Geschichten sollen weiterleben, jenseits von Geburt und Tod.

Tipp zum 7. Dezember

Märchenerzähler sind so unterschiedlich wie Schneeflocken. Deshalb solltet ihr genau so viele hören, wie ihr finden könnt.

Im Advent erzählen sie übrigens überall: auf Märkten, in Schulen, beim Weihnachtsessen vom Betrieb.

Ihr habt bis jetzt noch keinen gesehen? Tja, da braucht ihr schon einen Blick dafür!

Macht euch in euren Regionalseiten schlau!

Gelegenheit zum Märchenhören in der Münchner Umgebung zum Beispiel gibt es von heute bis Sonntag in Schloß Blutenburg, Heimat der internationalen Jugendbibliothek. Besonders empfehlenswert ist das Lichterhäuschenfest am 8.Dezember, also morgen um 17. Uhr!

Beitragsfoto von JoJan

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die heilige barbara, jan van eyck
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4. Fenster: Barbara, die sich weigert

Barbara war nie “recht”. Das fing schon früh an. Ihr Vater, Dioscuros, konnte sich nicht mehr erinnern, wann, aber er wusste noch, dass sie ein wunderschönes und eigentlich verträgliches Baby gewesen war.

Schön anzusehen fand er sie sie auch mit neun, aber …

Barbara,  Pferde sind nichts für dich! Was schleichst du im Stall herum? Geh und hilf Mutter beim Kochen! Was heißt, du willst nicht? Ich habe es gesagt – und basta. Geh!

Eine Augenweide war sie auch mit elf, aber…

Barbara, was steckst du deine Nase schon wieder in die Bibliothek? Bücher sind nichts für dich. Davon bekommst du nur Falten… füll deinen hübschen Kopf mit Nützlichem. Nimm dein Stickzeug!

Wunderschön sah sie mit dreizehn aus, aber

Barbara, wo treibst du dich herum? Du hast nicht in die Stadt zu gehen? Was? Du diskutierst? Mit wem? Am Marktplatz? Hattest du jemanden mit? Nein? Bist du wahnsinnig? Du ruiniest meinen Ruf! Geh auf dein Zimmer! Zwei Wochen will ich dich nicht sehen!

Mit 15 war sie bereits die Schönste der Stadt, jeder junge Mann – und auch so mancher alte – renkte sich den Hals aus, als er ihr nachsah, wenn sie auf den Marktplatz lief, aber

Barbara, der Sohn des Apothekers hat um deine Hand angehalten. Was heißt, du willst nicht? Wann gedenkst du, unter die Haube zu kommen. Wir haben nicht ewig Zeit. Ich kann mir die Mühe sparen, einen Mann für dich zu suchen? Was, bitte, heißt das? Du heiratest und damit basta.

Heirat als Ausweg?

Mit 18 hatte sich nicht nur die Kunde von Babaras Schönheit über das ganze Land verbreitet, sondern auch ihr Ruf, alle Anträge abzulehnen. Was natürlich noch mehr junge und alte Männer in das Haus des Vaters trieb und noch mehr Streit brachte. Barbara ließ sich nicht erweichen.

Sie wolle nicht heiraten – nicht einen einzigen dieser Männer. Sie überlege sich, teilte sie eines Tages mit, Jesus zu heiraten.

Waaas? Ist das nicht der Jüngling am Holzkreuz? Diese Kreuz, das die Christen anbeten? Bist du völlig übergeschnappt? Was für Unsinn redet dir diese Sekte ein? Diese Verrückten, diese Gotteslästerer! Dorthin gehst du nicht mehr. Ich verbiete es!

Doch auch Väter lernen dazu. Da Dioscuros wusste, dass seine Tochter sein Verbot kaum einhalten würde, ließ er einen Turm – ohne Türe, mit nur zwei Fenstern – bauen und sperrte sie ein.

Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast!

Ein Keim, in der Kindheit gelegt, wächst stetig weiter

Barbara aber weigert sich zeitlebens, “vernünftig” zu sein – und darüber hinaus… Sie fand Wege, sich taufen zu lassen, dem Turm mit der Dreifaltigkeit beizukommen und zu fliehen. Ein Hirte verriet ihren Fluchtort – worauf ihr wahres Martyrium begann. Es dauerte an, bis Dioscuros höchstselbst seine Tochter enthauptete.

barbara 1500

Enthauptung Barbaras durch ihren Vater Dioscuros, Barbara-Altar von Jerg Ratgeb in der Stadtkirche Schwaigern, 1510. Foto von Peter Schmelzle.

Doch es blieb dabei: Barbara funktionierte auch weiterhin nicht “recht”. Zur Quälerei zum Beispiel schwieg sie ärgerlicherweise nicht:

  • Ein Kirschzweig, den sie berührt hatte, begann mitten im Winter zu blühen.
  • Den verräterischen Hirten fraßen Heuschrecken.
  • Den Vater tötete nach dem tödlichen Streich ein Blitz.
  • Schließlich beten seit Jahrhunderten Menschen zu ihr als Heilige.

Ja, sie schleicht sich sogar in den Volksmund, vor allem den süddeutschen:

Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.

 Barbarazweige: Zeichen der Rebellion

In der römisch-katholischen Kirche beäugten Historiker Barbara ebenfalls skeptisch. Sie passte eigentlich nicht unter die Heiligen.

Hatte sie tatsächlich gelebt?

Bekannt seien ja nur die Legenden, historisch nachweisen ließe sich nichts. So kritisierten die Heiligsprech-Experten den Status der rebellischen Barbara. Sie strichen deshalb im Zuge der Liturgiereformen des zweiten vatikanischen Konzils (1962-1964) die  heilige Barbara aus dem römischen Generalkalender.

Doch die Dame ist populär! Sie lässt sich nicht stillschweigend streichen. So beobachtet der Vorbeifahrende auch heute noch am 4. Dezember in manchen Regionen Vasen mit Zweigen im Fenster. Abends von einer Kerze beleuchtet.

Sie blieb die Schutzherrin der Architekten, der Glöckner, der Maurer, der Zimmerer – und all der anderen Bauarbeiter. Sie gewährt weiterhin als Patronin aller Berufe, die mit Feuer zu tun haben, ihren Schutz – auch der Artillerie.

Die Kirche wurde ihr nicht Herr!

Ihr Gedenktag blieb demnach in einigen Regionalkalendern erhalten: in Österreich zum Beispiel, in Polen, Portugal, Slowenien, Frankreich und Italien.

  • Warum aber wehrt sich Barbara so hartnäckig?
  • Warum lässt sie es nicht gut sein?
  • Warum kämpft sie immer noch an so vielen Fronten?

In Theorie… weil sie eine Andere ist, eine viel Ältere.

Es heißt, sie gehöre zu den keltischen Göttern. Sie sei Borbeth, eine der drei Bethen.

Die Römer hätten ihr einfach einen anderen Namen gegeben:

“Barbara” – die Ausländerin.

 Tipp für den 4. Dezember

Im Mühl- und auch im Waldviertel, Österreich, steht ab 4. Dezember nahezu in jedem Haus ein Strauch aus Barbarazweigerl. Er soll spätestens am Christtag zu blühen beginnen.

Früher schlossen die Bauern daraus, ob es eine gute Ernte geben wird. Barbara zeigt aber mit den blühenden Zweigen auch, wer von der Familie im nächsten Jahr Glück haben wird: Dafür stellt man einen Zweig pro Familienmitglied in die Vase und schmückt ihn mit einem Wollfaden – pro Familienmitglied mit einer anderen Farbe.

Macht euch heute also auch auf! Trotz Schnee und Wind – ein Waldspaziergang kann nichts schaden. Nehmt eine Gartenschere mit und schneidet ein paar Zweige. Weicht sie über Nacht in Wasser ein und stellt sie in eine Vase.

Wie man sie schneidet und was es sonst zu beachten gibt, seht ihr im folgenden Video:

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1. Fenster: Wie einer lernte, dass Wasser fließt

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Hase für den Kaufmann
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3. Fenster: Als der dumme Kaufmann wettete

Es lebte einmal ein dummer Kaufmann in Jaipur, Indien. Der war so dumm, dass ihm das Gold hinterherlaufen musste, damit es sich vermehren konnte.

Dieser Kaufmann beschloss eines Tages seine Frau heim zu holen. Geheiratet hatte er sie, als sie noch ein Kind war – vor sechs Jahren war das. Oder waren es acht? Es strengte ihn an, sich zu erinnern. Das Mädchen, das seine Frau war, lebte sowieso noch in Laslot bei ihrem Vater. Und das war bis jetzt gut gewesen… denn der Kaufmann konnte keine Änderungen vertragen und solche, die seinem Haushalt störten, schon gar nicht.

Aber nun war seine alte Amme gestorben. Die Frau, die alles von ihm gewusst, für ihn gesorgt und natürlich auch seine Dienerschaft dirigiert hatte. Plötzlich fand er, dass ihm die Gesellschaft seiner Frau doch gut tun würde – und es für sein Wohlbefinden unerlässlich sei, dass sie nach dem Rechten sähe.

So brach er auf und reiste nach Laslot.

Wie er seine Frau holte

Gib mir meine Frau! Ich will sie mit nach Hause nehmen, sprach er, kaum hatte er das Haus seines Schwiegervaters in Laslot betreten.

Sei doch nicht so ungeduldig. Setz dich, lass dich bewirten! Erzähl, wie ist es dir ergangen?

Keine Zeit, widersprach der dumme Kaufmann. Ich will nicht länger von zuhause weg bleiben als nötig. Zu erzählen habe ich nichts: Der Tag kommt, der Tag geht. Dazwischen passiert nicht viel.

Der Schwiegervater klatschte die Hände über dem Kopf zusammen. Der Kaufmann war sogar zu dumm zu erkennen, wann es Zeit war, höflich zu sein. Seufzend ließ er seine Tochter Namina holen.

Die ideale Frau für einen dummen Kaufmann

naminaNamina war zu einer hübschen jungen Frau heran gewachsen: Folgsam, tüchtig und nicht allzu klug.

Klüger zwar als es ihr Mann zu sein schien, fand der Vater, aber nicht so klug, um unfolgsam zu sein. Sie würde jedem eine gute Frau sein, auch für einen ganz anderen Mann als den dummen Kaufmann.

Und diese Frau hatte, kaum dass sie ihren Mann durch das Tor reiten sah, alles für die Abreise vorbereiten lassen. Ihre Kleider waren mittlerweile gepackt, Proviant aufgestockt und der Esel gesattelt. Namina war bereit, ihrem Mann nach Jaipur in ihr neues Heim zu folgen, als sie vor ihn trat.

Und das war gut so.

Ich hoffe, du bist fertig. Ich möchte keine Zeit verlieren.

So begrüßte sie ihr Mann. Namina ließ sich’s nicht verdrießen und nickte freundlich. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater. Dem allerdings war das Herz schwer. Weniger davon, dass er ein Kind ziehen lassen musste, als davon, mit welchem Mann es davonzog.

Die beiden machten sich unverzüglich auf den Weg. Die Rückreise schien dem Kaufmann ein bisschen angenehmer als die Hinreise: Namina bereitete das Mahl, wenn sie lagerten; sang, wenn sie Wasser schöpfte; teilte bereitwillig ihr Lager mit ihm und schwieg, wenn er ob des beschwerlichen Wegs jammerte oder auch nur seine Ruhe wollte. Es war, als würde sie die Wünsche ihres Mannes spüren, als wüsste sie, was er wollte noch ehe er selbst selbiges wusste.

Mit ihr kann ich meine Tage verbringen! dachte der dumme Kaufmann bald und beglückwünschte sich zu seiner guten Wahl.

Man wird ja wohl noch wetten dürfen

Kurz vor seiner Heimatstadt lag das Dorf Kanota, das sie durchqueren mussten.  Dort saß am Rande eines Feldes ein Mann. Der schien auf sie gewartet zu haben, denn als sie an ihm vorbei wollten, sprach er den dummen Kaufmann an:

Wohin des Weges, edler Herr?

Was geht dich das an?

Ehrwürdiger, verzeiht, dass ich Euch angesprochen habe! Aber ich brauche Euren Rat.

Nun, es kam nicht oft vor, dass jemand den dummen Kaufmann um Rat fragte, und so ehrerbietig schon gar nicht. So neigte er huldig sein Haupt.

  • Sprich!
  • Was meint Ihr? Lebt in diesem Sanddornstrauch ein Hase?
  • Ein Hase? Ich sehe keinen.
  • So meint Ihr, da gibt es keinen?
  • Ja, wenn man keinen sehen kann, gibt es keinen.
  • Würdet Ihr darauf wetten?

Just in diesem Moment zupfte Namina am Ärmel des Kaufmanns. Er schüttelte sie ärgerlich ab.

  • Natürlich würde ich darauf wetten! Was man nicht sehen kann, gibt es nicht!
  • Gut, dann wetten wir. Läuft ein Hase aus dem Busch, wenn ich schüttle, bekomme ich deine Frau.

Und der dumme Kaufmann schlug ein. Er hatte ja recht – Was konnte ihm schon passieren?

Es kam aber wie es kommen musste. Der Mann schüttelte den Busch, ein Hase flitzte entsetzt heraus und der Kaufmann war seine Frau los.

Was war das Gejammere groß

Da musste er Namina nun mit diesem Fremden ziehen lassen.

  • Seine Namina, die ihm das schmackhafte Mahl bereitete.
  • Seine Namina, die ihm Wasser schöpfte.
  • Seine Namina, die ihm mit ihrem Gesang unterhielt.
  • Seine Namina, die das Lager mit ihm teilte.
  • Seine Namina, die ihm seine Wünsche von den Augen ablas.

Namina war nun verloren! Das Entsetzen des dummen Kaufmanns war groß und wurde größer, je länger er darüber nachdenken konnte und je weiter der Fremde mit seiner Frau von ihm entfernte.

Hilfe für den KaufmannUnd weil der dumme Kaufmann nicht wusste, was er jetzt tun sollte, folgte er den beiden. Während er so hinter ihnen jammernd durch das Dorf Kanota kam, hörte ihn eine kluge Alte. Was denn los sei, wollte sie wissen, weil er so jammerte. Da erzählte er von seinem Schicksal.

Wer erzählt, wird aber auch gehört: Die Leute im Dorf versammelten sich um den dummen Kaufmann und hörten gemeinsam mit der Alten zu.

Und weil der Fremde mit Namina am Dorfplatz eine kleine Rast machte, dauerte es nicht lange und die Leute holten die beiden, um ihre Version der Geschichte zu hören.

Ja, bestätigte der Fremde. Ja, der Kaufmann hat die Wette verloren! Der Hase ist aus dem Sanddorn gesprungen. Wir haben es alle drei gesehen.

Was redest du da für einen Unsinn, rief die kluge Alte. Mir gehört das Feld neben dem Busch. Im Sanddorn lebt, wie ich sehr gut weiß, kein Hase, nur eine Häsin. Ihr habt eine Häsin aufgeschreckt!

Da sah der Fremde seinen Wettgewinn entschwinden. Er schaute auf die Stirnen der Dorfbewohner, die sich runzelten und wusste, dass er verloren hatte. Beschämt ging er davon.

So bekam der dumme Kaufmann seine Namina zurück.

Und als Draufgabe zog die kluge Alte mit ihnen nach Jaipur.

Allein lassen – fand sie – konnte man diesen Kaufmann nicht!

Tipp für den 3. Dezember

Vorausgesetzt euch läuft das Gold nicht hinterher… ihr könntet es auch drucken. Oder reicht euch selbstgemachtes Weihnachtspapier?

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