Kata Tjuta - Land der Aborigines
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Als zwei Aborigines einander zeichneten

Weihnachten in Australien ist eine ganz eigene Sache. Es findet im Sommer statt. Am Strand zum Beispiel, wo alle kurze Hosen tragen oder Tücher um ihre Taille geschlungen haben, vor sich hinschwitzen, surfen oder in der Sonne braten. So mancher Europäer hätte Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen, Santa Claus  – den Weihnachtsmann – willkommen zu heißen. Die meisten Australier plagen dagegen keine Bedenken. Außer den Aborigines.

Sie betrachten das weihnachtliche Theater durchaus skeptisch: Die Ureinwohner Australiens fangen herzlich wenig mit einem Mann auf einem fliegenden Schlitten an.

Von kulturellen Zusammenhängen

Er gehörte zu den Briten genau so wie zu der heute herrschenden Bevölkerungsgruppe, der viele Aborigines nach wie vor höchst zurückhaltend gegenüber stehen. Kein Wunder: Sie wurden durch die Briten nahezu ausgerottet. Wie überall in der kolonisierten Welt, starben sie wegen eingeschleppter Krankheiten und gewaltsamer Konflikte mit den Siedlern.

Heute gelten Aborigines im Allgemeinen als angepasst. Etwa drei Viertel leben in Städten und haben sich – so gut es ging – mit der modernen Lebensweise arrangiert. Jahrelang arbeiten sie, schaffen sich Freunde und Beziehungen. Irgendwann, ganz plötzlich aber, verschwinden sie.

Er ist walkabout gegangen, schimpfen die zurückgebliebenen Kollegen im Job.

walkabout?

Ja, die verschwinden, die werden verrückt.

Ungläubig erzählen sie, wie der Verschwunden nach drei Jahren zurück kam und seine Arbeit wieder wollte. Verrückt!

Fragst du hingegen einen Aborigine, bedeutet walkabout etwas  Anderes – einfach gehen.

Nach Hause gehen.

Ins Hinterland aufbrechen, um zeremonielle oder familiäre Dinge zu erledigen, heilige Stätten zu besuchen und mit Menschen, die einen verstehen, zusammen zu sein.

Ein lang anhaltendes Weihnachten halt!

Deshalb gibt es heute eine Geschichte der Aborigines:

Was Aborigines über Känguru und Dingo erzählen

Lange wanderten die beiden Männer Kubabara und Buruk, bis sie den riesigen Felsen, Tor Rock, erreichten. Die Umgebung gefiel ihnen. Sie beschlossen, sich eine Weile dort niederzulassen.

Einige Zeit verbrachten sie damit, am Fuß des Felsens entlang zu wandern und entdeckten schließlich eine Höhle. Die Wände waren über und über mit Malereien bedeckt.

Schau Buruk, eine Schildkröte!

Und dort ein Emu… ich kann es deutlich erkennen. Auch die Menschen, die den Vogel jagen.

Es gab so viel zu sehen – die beiden verloren sich in den Träumen von Mensch und Tier. Die Sonne berührte fast den Boden, da schlug Buruk vor:

Komm, malen wir uns auch: Du malst mich und ich dich!

Doch dafür wurde es schon zu dunkel. So lagerten sie vor der Höhle.

Kubabara war das nicht geheuer. Sie hatten so lange mit den Zeichnungen verbracht, dass sie der Umgebung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten.

Was, wenn die Seelen der Tiere herauskommen?

Buruk lachte.

Es sind es nur Seelen. Wir können fragen, wie es ist, eine Seele zu sein.

Kubabara war nicht überzeugt. Er nahm beim Schlafen vorsichtshalber die Haltung eines Hasen ein: Bereit beim geringsten Geräusch aufzuspringen und zu fliehen. Buruk dagegen kauerte sich zusammen, bereit eine Seele zu beschnüffeln.

Doch in dieser Nacht geschah nichts.

Eine Idee setzt sich fest

So wanderten die beiden am nächsten Morgen weiter. Sie wollten die andere Seite des Felsens erkunden. An den Felswänden eines kleinen Bergs fanden sie weitere Felszeichnungen. Kaum sahen sie diese, erinnerten sie sich. Doch auch diesmal verschoben die beiden Männer ihr Vorhaben, sich gegenseitig zu zeichnen.

Schließlich gelangten Kubabara und Buruk in eine Gegend, die ihnen außerordentlich gut gefiel. Deshalb richteten sie eine bleibende Lagerstätte ein.

In ihrer Nähe befand sich sogar eine Felswand, auf ihr hatte noch niemand gezeichnet. Zu ihr gingen die beiden eines Tages und zeichneten sich gegenseitig

Native Drawings (kangourou)

Foto von Triton (Eigenes Werk) , GFDL http://www.gnu.org/copyleft

Wie schön, rief Kubabara, als er Buruks Bildnis sah. Er wollte nur noch als dieses Känguru weiterleben.

Auch Buruk gefiel seiDingo444n Abbild – und verwandelte sich sofort in einen Dingo. Genau so wie Kubabara ihn dargestellt hatte:

In dieser Gestalt lebten die beiden noch eine ganze Weile. Nachts schlief das Känguru wie ein Hase auf der Flucht. Der Dingo aber wie ein Hund, der neugierig wartet.

Dies ging so bis zu jenem Tag, an dem Kubabara und Buruk zu ihren Felsbildern zurückkehrten.

An diesem Tag gingen sie in ihre Felszeichnungen ein.

Beitragsbild: Kata-Tjuta am Morgen. Foto von Dimageau

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9. Fenster: Märchen trifft auf Philosophie und Wahrheit

Trifft das Märchen auf Philosophie, kommen Fragen auf – die richtig großen Fragen für besinnliche Abende.

Es dürften Fragen aufkommen, Fragen für besinnliche Abende, also für jene Abende, an denen du mit Freunden über Gott und die Welt und das Leben diskutierst. An Adventsabenden, vor Glühweinständen und am Weihnachtsmarkt.

Oder du kuschelst dich in deine Flauschdecke am Sofa. Ist sowieso zu kalt, zu nass und zu dunkel draußen.

Leg dein Smartphone zur Seite. Heute lesen wir ein Buch!

Märchen trifft auf Philosophie

Wer in den deutschsprachigen Landen Sagen und Märchen liebt, weiß um den Schriftsteller Michael Köhlmeier. Er ist DER Erzähler, auf den du dich beziehen kannst, wenn du etwas zu griechische Götter, Halbgötter und dem Olymp wissen willst.

Die Gründe:

In diesem Sagen- und Märchenumfeld bewegt sich dieser österreichische Autor und Erzähler. Gut.

Was hat Konrad Paul Lissmann dort verloren?

Der Villacher ist Universitätsprofessor für „Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik“ an der Universität Wien.

2014 hat er sich aufgemacht, die Praxis der Unbildung näher zu beleuchten. Da der streitbare Essayist auf einen ironischen Verstand baut, ist diese Streitschrift polemisch, klar und durchdacht. Er spricht aus, was er vom Bologner Prozess hält und bringt es auf den Punkt. Realität pur.

Mythen und Märchen, Magie, Götter… das alles kann man sich bei ihm eigentlich nicht vorstellen.

Wenn sich zwei treffen, freut sich der Dritte

Trotzdem haben sich die beiden zu einem gemütlichen Abend zusammen gefunden: Der Dialog zwischen ihnen ist zu diesem Buch geworden. Mythologisch-philosophische Verführungen nennen die Autoren es.

Eigentlich ist es aber ein Spaziergang. Wir flanieren mit Köhlmeier und Lissmann einen Abend lang durch die Themen eines Menschenlebens: Arbeit, Macht, Lust, Schönheit, Meisterschaft…

Köhlmeier erzählt, Lissmann interpretiert

“Märchen sind alte Geschichten, bestenfall tauglich für Kinder”, mögen die einen sagen, “unrealistisch, nur zur Unterhaltung da.”

Wir hören vielleicht an einem verschneiten Samstag Nachmittag zu, weil eine gut erzählte Geschichte eben “eine gute Geschichte” ist.

Wenn sich allerdings die Philosophie der Geschichten, der Märchen und Sagen annimmt und zeigt, was noch alles  in ihnen steckt – ja dann…

dann…

erfahren wir, was Märchen eigentlich sind:

  • Vorlagen zum Denken
  • Antwort auf Lebensfragen
  • Lebensfreude
  • Bewährte Erinnerungen
  • Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses
  • Interpretationsspielraum
  • Ein Eckchen Weisheit

Und wenn du jetzt ein klein wenig die Nase rümpfst, weil – so richtig ernst nehmen, kannst du das alles nicht –  und wenn das alles für dich bloß weihnachtlicher Zeitvertreib und eigentlich Unsinn ist:

Macht nix, du hörst trotzdem zu! :)

Denise Weyermann: Als das Märchen die Wahrheit trifft:

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Großmutter spinnt, während sie erzählt
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7. Fenster: Großmutter erzählt, nachts in der Stube

Dass eine Großmutter Märchen und Geschichten erzählt, gehört praktisch zum Berufsbild. Aber…

  • Woher kommt diese Idee?
  • Wie erzählt Großmutter
  • Was genau erwarten wir von ihr?

Vom Berufsbild der erzählenden Bäuerin

Winter ist’s, der Schnee liegt auf den Hängen und glitzert in der Dämmerung. In der Küche ist es warm, es ist gut geheizt. Die Öllampe spendet Licht. Kinder zausen Wolle, die Magd kämmt sie.

Drei Frauen sitzen an ihren Spinnrädern. Sogar die Altbäuerin hat ihres hervorgeholt. Sie bückt sich zum ersten Flachsbündel, reicht es der ersten Frau, streckt sich nach dem zweiten , gibt es der zweiten Frau, greift zum dritten und setzt sich auf einen dreibeinigen Schemel.

Die Bäuerin beginnt zu spinnen und die Frauen tun es ihr nach. Holzpantoffel klopfen dumpf auf den Boden, Spinnräder surren, Daumen und Zeigefinger ziehen den Faden…

Großmutter, bitte! Erzähl’ uns was!

Auch die Frauen nicken zustimmend. Sie sind nach dem Mittagessen vom Nachbarhof aufgebrochen; drei Stunden dauert es, um hierher zu kommen. Sie werden die Nacht im Hof verbringen, spinnen und zuhören. Sie sind gekommen, um Wissen zu sammeln: Überliefertes oder Erlebtes über Ehe, Geburt, Krankheit, Leben, Tod und — die Liebe.

Die alte Frau aber lächelt nur stumm, dreht das Rad und zwirbelt Flachs zum Faden. Es ist als hätte sie nicht gehört. Trotzdem verstummen die Kinder. Die Magd legt ein paar Scheite in den Ofen, die in der plötzlichen Hitze knacken und  knistern. Dann räuspert sich die Bäuerin müde. “Es war einmal…” — so fängt es an:

Großmutter erzählt

Vielleicht ist es ein Märchen, vielleicht eine Geschichte aus dem Dorf, vielleicht beides in einem. Großmutter hat sie eine Vorliebe für Märchen und Erzählstoffe, die mit ihren umtriebigen Händen Schritt halten.

Sie bevorzugt als Erzählzeit das Präteritum, verwendet gern die indirekte Rede und Wörter, die heute nicht mehr jede kennt. Während sich das Spinnrad dreht und ihre Hände beständig zwirbeln —

Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll

— spricht sie mit ruhiger, entspannter Stimme. Manchmal verweilt sie, übt sich in epischer Breite, wird monoton.

Wenn Großmutter erzählt, wird ihre Stimme manchmal brüchig. Man merkt ihr das Alter, den häufigen Gebrauch an. Doch solange es an diesem Abend Flachsbündel zu spinnen gibt, solange verstummt diese Stimme nicht.

Wie hört das Publikum zu?

Während Großmutter erzählt, sehen die Frauen und Kinder sie nie an. Sie sind in ihr Tun vertieft, spitzen jedoch ihre Ohren. Kein Wort darf ihnen entgehen! Je gebannter ihre Augen auf ihre Arbeit gerichtet sind, desto intensiver lebt ihr Geist in der Geschichte, die Großmutter erzählt.

Sie spüren die Furcht, das Erstaunen, die Liebe und Freude der Helden und Heldinnen in sich,  überlegen, inwieweit das Gesagte für sie wichtig ist. Doppelbödigkeiten und Sinnzusammenhänge wollen sie verstehen.

  • Was können sie aus der Geschichte lernen?
  • Wie sie weiter”spinnen”?

Was Großmutter weiß…

Die Altbäuerin verzichtet auf extreme Ausgestaltungen, denn diese würden ihre Zuhörerinnen zu stark in ihrer Eigentätigkeit beeinflussen. Diese sollen sich ihr eigenes Bild machen und daraus selbst erkennen, wie das Leben so spielt.

Ihre Mittel sind  indirekt: Sie erzählt die Geschichte genau so, wie Großmutter denkt, dass sie war. Und sie erwartet nicht, daß ihre Zuhörer aufhören zu arbeiten, um sich ihrer Geschichte hinzugeben.

Großmutter weiß aus Erfahrung, was Walter Benjamin in seinem Essay über das Erzählen berictet:

Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, daß ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selbst zufällt.

Bald nämlich wird eine andere erzählen: Weil die Altbäuerin erschöpft ist, weil sie bald nicht mehr sein wird.

Das ist ihr Ziel, ihre Aufgabe:

Die Geschichten sollen weiterleben, jenseits von Geburt und Tod.

Tipp zum 7. Dezember

Märchenerzähler sind so unterschiedlich wie Schneeflocken. Deshalb solltet ihr genau so viele hören, wie ihr finden könnt.

Im Advent erzählen sie übrigens überall: auf Märkten, in Schulen, beim Weihnachtsessen vom Betrieb.

Ihr habt bis jetzt noch keinen gesehen? Tja, da braucht ihr schon einen Blick dafür!

Macht euch in euren Regionalseiten schlau!

Gelegenheit zum Märchenhören in der Münchner Umgebung zum Beispiel gibt es von heute bis Sonntag in Schloß Blutenburg, Heimat der internationalen Jugendbibliothek. Besonders empfehlenswert ist das Lichterhäuschenfest am 8.Dezember, also morgen um 17. Uhr!

Beitragsfoto von JoJan

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die heilige barbara, jan van eyck
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4. Fenster: Barbara, die sich weigert

Barbara war nie “recht”. Das fing schon früh an. Ihr Vater, Dioscuros, konnte sich nicht mehr erinnern, wann, aber er wusste noch, dass sie ein wunderschönes und eigentlich verträgliches Baby gewesen war.

Schön anzusehen fand er sie sie auch mit neun, aber …

Barbara,  Pferde sind nichts für dich! Was schleichst du im Stall herum? Geh und hilf Mutter beim Kochen! Was heißt, du willst nicht? Ich habe es gesagt – und basta. Geh!

Eine Augenweide war sie auch mit elf, aber…

Barbara, was steckst du deine Nase schon wieder in die Bibliothek? Bücher sind nichts für dich. Davon bekommst du nur Falten… füll deinen hübschen Kopf mit Nützlichem. Nimm dein Stickzeug!

Wunderschön sah sie mit dreizehn aus, aber

Barbara, wo treibst du dich herum? Du hast nicht in die Stadt zu gehen? Was? Du diskutierst? Mit wem? Am Marktplatz? Hattest du jemanden mit? Nein? Bist du wahnsinnig? Du ruiniest meinen Ruf! Geh auf dein Zimmer! Zwei Wochen will ich dich nicht sehen!

Mit 15 war sie bereits die Schönste der Stadt, jeder junge Mann – und auch so mancher alte – renkte sich den Hals aus, als er ihr nachsah, wenn sie auf den Marktplatz lief, aber

Barbara, der Sohn des Apothekers hat um deine Hand angehalten. Was heißt, du willst nicht? Wann gedenkst du, unter die Haube zu kommen. Wir haben nicht ewig Zeit. Ich kann mir die Mühe sparen, einen Mann für dich zu suchen? Was, bitte, heißt das? Du heiratest und damit basta.

Heirat als Ausweg?

Mit 18 hatte sich nicht nur die Kunde von Babaras Schönheit über das ganze Land verbreitet, sondern auch ihr Ruf, alle Anträge abzulehnen. Was natürlich noch mehr junge und alte Männer in das Haus des Vaters trieb und noch mehr Streit brachte. Barbara ließ sich nicht erweichen.

Sie wolle nicht heiraten – nicht einen einzigen dieser Männer. Sie überlege sich, teilte sie eines Tages mit, Jesus zu heiraten.

Waaas? Ist das nicht der Jüngling am Holzkreuz? Diese Kreuz, das die Christen anbeten? Bist du völlig übergeschnappt? Was für Unsinn redet dir diese Sekte ein? Diese Verrückten, diese Gotteslästerer! Dorthin gehst du nicht mehr. Ich verbiete es!

Doch auch Väter lernen dazu. Da Dioscuros wusste, dass seine Tochter sein Verbot kaum einhalten würde, ließ er einen Turm – ohne Türe, mit nur zwei Fenstern – bauen und sperrte sie ein.

Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast!

Ein Keim, in der Kindheit gelegt, wächst stetig weiter

Barbara aber weigert sich zeitlebens, “vernünftig” zu sein – und darüber hinaus… Sie fand Wege, sich taufen zu lassen, dem Turm mit der Dreifaltigkeit beizukommen und zu fliehen. Ein Hirte verriet ihren Fluchtort – worauf ihr wahres Martyrium begann. Es dauerte an, bis Dioscuros höchstselbst seine Tochter enthauptete.

barbara 1500

Enthauptung Barbaras durch ihren Vater Dioscuros, Barbara-Altar von Jerg Ratgeb in der Stadtkirche Schwaigern, 1510. Foto von Peter Schmelzle.

Doch es blieb dabei: Barbara funktionierte auch weiterhin nicht “recht”. Zur Quälerei zum Beispiel schwieg sie ärgerlicherweise nicht:

  • Ein Kirschzweig, den sie berührt hatte, begann mitten im Winter zu blühen.
  • Den verräterischen Hirten fraßen Heuschrecken.
  • Den Vater tötete nach dem tödlichen Streich ein Blitz.
  • Schließlich beten seit Jahrhunderten Menschen zu ihr als Heilige.

Ja, sie schleicht sich sogar in den Volksmund, vor allem den süddeutschen:

Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.

 Barbarazweige: Zeichen der Rebellion

In der römisch-katholischen Kirche beäugten Historiker Barbara ebenfalls skeptisch. Sie passte eigentlich nicht unter die Heiligen.

Hatte sie tatsächlich gelebt?

Bekannt seien ja nur die Legenden, historisch nachweisen ließe sich nichts. So kritisierten die Heiligsprech-Experten den Status der rebellischen Barbara. Sie strichen deshalb im Zuge der Liturgiereformen des zweiten vatikanischen Konzils (1962-1964) die  heilige Barbara aus dem römischen Generalkalender.

Doch die Dame ist populär! Sie lässt sich nicht stillschweigend streichen. So beobachtet der Vorbeifahrende auch heute noch am 4. Dezember in manchen Regionen Vasen mit Zweigen im Fenster. Abends von einer Kerze beleuchtet.

Sie blieb die Schutzherrin der Architekten, der Glöckner, der Maurer, der Zimmerer – und all der anderen Bauarbeiter. Sie gewährt weiterhin als Patronin aller Berufe, die mit Feuer zu tun haben, ihren Schutz – auch der Artillerie.

Die Kirche wurde ihr nicht Herr!

Ihr Gedenktag blieb demnach in einigen Regionalkalendern erhalten: in Österreich zum Beispiel, in Polen, Portugal, Slowenien, Frankreich und Italien.

  • Warum aber wehrt sich Barbara so hartnäckig?
  • Warum lässt sie es nicht gut sein?
  • Warum kämpft sie immer noch an so vielen Fronten?

In Theorie… weil sie eine Andere ist, eine viel Ältere.

Es heißt, sie gehöre zu den keltischen Göttern. Sie sei Borbeth, eine der drei Bethen.

Die Römer hätten ihr einfach einen anderen Namen gegeben:

“Barbara” – die Ausländerin.

 Tipp für den 4. Dezember

Im Mühl- und auch im Waldviertel, Österreich, steht ab 4. Dezember nahezu in jedem Haus ein Strauch aus Barbarazweigerl. Er soll spätestens am Christtag zu blühen beginnen.

Früher schlossen die Bauern daraus, ob es eine gute Ernte geben wird. Barbara zeigt aber mit den blühenden Zweigen auch, wer von der Familie im nächsten Jahr Glück haben wird: Dafür stellt man einen Zweig pro Familienmitglied in die Vase und schmückt ihn mit einem Wollfaden – pro Familienmitglied mit einer anderen Farbe.

Macht euch heute also auch auf! Trotz Schnee und Wind – ein Waldspaziergang kann nichts schaden. Nehmt eine Gartenschere mit und schneidet ein paar Zweige. Weicht sie über Nacht in Wasser ein und stellt sie in eine Vase.

Wie man sie schneidet und was es sonst zu beachten gibt, seht ihr im folgenden Video:

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Hase für den Kaufmann
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3. Fenster: Als der dumme Kaufmann wettete

Es lebte einmal ein dummer Kaufmann in Jaipur, Indien. Der war so dumm, dass ihm das Gold hinterherlaufen musste, damit es sich vermehren konnte.

Dieser Kaufmann beschloss eines Tages seine Frau heim zu holen. Geheiratet hatte er sie, als sie noch ein Kind war – vor sechs Jahren war das. Oder waren es acht? Es strengte ihn an, sich zu erinnern. Das Mädchen, das seine Frau war, lebte sowieso noch in Laslot bei ihrem Vater. Und das war bis jetzt gut gewesen… denn der Kaufmann konnte keine Änderungen vertragen und solche, die seinem Haushalt störten, schon gar nicht.

Aber nun war seine alte Amme gestorben. Die Frau, die alles von ihm gewusst, für ihn gesorgt und natürlich auch seine Dienerschaft dirigiert hatte. Plötzlich fand er, dass ihm die Gesellschaft seiner Frau doch gut tun würde – und es für sein Wohlbefinden unerlässlich sei, dass sie nach dem Rechten sähe.

So brach er auf und reiste nach Laslot.

Wie er seine Frau holte

Gib mir meine Frau! Ich will sie mit nach Hause nehmen, sprach er, kaum hatte er das Haus seines Schwiegervaters in Laslot betreten.

Sei doch nicht so ungeduldig. Setz dich, lass dich bewirten! Erzähl, wie ist es dir ergangen?

Keine Zeit, widersprach der dumme Kaufmann. Ich will nicht länger von zuhause weg bleiben als nötig. Zu erzählen habe ich nichts: Der Tag kommt, der Tag geht. Dazwischen passiert nicht viel.

Der Schwiegervater klatschte die Hände über dem Kopf zusammen. Der Kaufmann war sogar zu dumm zu erkennen, wann es Zeit war, höflich zu sein. Seufzend ließ er seine Tochter Namina holen.

Die ideale Frau für einen dummen Kaufmann

naminaNamina war zu einer hübschen jungen Frau heran gewachsen: Folgsam, tüchtig und nicht allzu klug.

Klüger zwar als es ihr Mann zu sein schien, fand der Vater, aber nicht so klug, um unfolgsam zu sein. Sie würde jedem eine gute Frau sein, auch für einen ganz anderen Mann als den dummen Kaufmann.

Und diese Frau hatte, kaum dass sie ihren Mann durch das Tor reiten sah, alles für die Abreise vorbereiten lassen. Ihre Kleider waren mittlerweile gepackt, Proviant aufgestockt und der Esel gesattelt. Namina war bereit, ihrem Mann nach Jaipur in ihr neues Heim zu folgen, als sie vor ihn trat.

Und das war gut so.

Ich hoffe, du bist fertig. Ich möchte keine Zeit verlieren.

So begrüßte sie ihr Mann. Namina ließ sich’s nicht verdrießen und nickte freundlich. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater. Dem allerdings war das Herz schwer. Weniger davon, dass er ein Kind ziehen lassen musste, als davon, mit welchem Mann es davonzog.

Die beiden machten sich unverzüglich auf den Weg. Die Rückreise schien dem Kaufmann ein bisschen angenehmer als die Hinreise: Namina bereitete das Mahl, wenn sie lagerten; sang, wenn sie Wasser schöpfte; teilte bereitwillig ihr Lager mit ihm und schwieg, wenn er ob des beschwerlichen Wegs jammerte oder auch nur seine Ruhe wollte. Es war, als würde sie die Wünsche ihres Mannes spüren, als wüsste sie, was er wollte noch ehe er selbst selbiges wusste.

Mit ihr kann ich meine Tage verbringen! dachte der dumme Kaufmann bald und beglückwünschte sich zu seiner guten Wahl.

Man wird ja wohl noch wetten dürfen

Kurz vor seiner Heimatstadt lag das Dorf Kanota, das sie durchqueren mussten.  Dort saß am Rande eines Feldes ein Mann. Der schien auf sie gewartet zu haben, denn als sie an ihm vorbei wollten, sprach er den dummen Kaufmann an:

Wohin des Weges, edler Herr?

Was geht dich das an?

Ehrwürdiger, verzeiht, dass ich Euch angesprochen habe! Aber ich brauche Euren Rat.

Nun, es kam nicht oft vor, dass jemand den dummen Kaufmann um Rat fragte, und so ehrerbietig schon gar nicht. So neigte er huldig sein Haupt.

  • Sprich!
  • Was meint Ihr? Lebt in diesem Sanddornstrauch ein Hase?
  • Ein Hase? Ich sehe keinen.
  • So meint Ihr, da gibt es keinen?
  • Ja, wenn man keinen sehen kann, gibt es keinen.
  • Würdet Ihr darauf wetten?

Just in diesem Moment zupfte Namina am Ärmel des Kaufmanns. Er schüttelte sie ärgerlich ab.

  • Natürlich würde ich darauf wetten! Was man nicht sehen kann, gibt es nicht!
  • Gut, dann wetten wir. Läuft ein Hase aus dem Busch, wenn ich schüttle, bekomme ich deine Frau.

Und der dumme Kaufmann schlug ein. Er hatte ja recht – Was konnte ihm schon passieren?

Es kam aber wie es kommen musste. Der Mann schüttelte den Busch, ein Hase flitzte entsetzt heraus und der Kaufmann war seine Frau los.

Was war das Gejammere groß

Da musste er Namina nun mit diesem Fremden ziehen lassen.

  • Seine Namina, die ihm das schmackhafte Mahl bereitete.
  • Seine Namina, die ihm Wasser schöpfte.
  • Seine Namina, die ihm mit ihrem Gesang unterhielt.
  • Seine Namina, die das Lager mit ihm teilte.
  • Seine Namina, die ihm seine Wünsche von den Augen ablas.

Namina war nun verloren! Das Entsetzen des dummen Kaufmanns war groß und wurde größer, je länger er darüber nachdenken konnte und je weiter der Fremde mit seiner Frau von ihm entfernte.

Hilfe für den KaufmannUnd weil der dumme Kaufmann nicht wusste, was er jetzt tun sollte, folgte er den beiden. Während er so hinter ihnen jammernd durch das Dorf Kanota kam, hörte ihn eine kluge Alte. Was denn los sei, wollte sie wissen, weil er so jammerte. Da erzählte er von seinem Schicksal.

Wer erzählt, wird aber auch gehört: Die Leute im Dorf versammelten sich um den dummen Kaufmann und hörten gemeinsam mit der Alten zu.

Und weil der Fremde mit Namina am Dorfplatz eine kleine Rast machte, dauerte es nicht lange und die Leute holten die beiden, um ihre Version der Geschichte zu hören.

Ja, bestätigte der Fremde. Ja, der Kaufmann hat die Wette verloren! Der Hase ist aus dem Sanddorn gesprungen. Wir haben es alle drei gesehen.

Was redest du da für einen Unsinn, rief die kluge Alte. Mir gehört das Feld neben dem Busch. Im Sanddorn lebt, wie ich sehr gut weiß, kein Hase, nur eine Häsin. Ihr habt eine Häsin aufgeschreckt!

Da sah der Fremde seinen Wettgewinn entschwinden. Er schaute auf die Stirnen der Dorfbewohner, die sich runzelten und wusste, dass er verloren hatte. Beschämt ging er davon.

So bekam der dumme Kaufmann seine Namina zurück.

Und als Draufgabe zog die kluge Alte mit ihnen nach Jaipur.

Allein lassen – fand sie – konnte man diesen Kaufmann nicht!

Tipp für den 3. Dezember

Vorausgesetzt euch läuft das Gold nicht hinterher… ihr könntet es auch drucken. Oder reicht euch selbstgemachtes Weihnachtspapier?

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Goldmund Erzählfest Schlüssel
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2. Fenster: Kunde vom Goldmund Erzählfest

Die Zutaten sind denkbar einfach: Sechs Erzähler, sieben Geschichten, ein Publikum. Etwas Musik kommt noch dazu und eine kahle Bühne mit einem grün-weichem Teppich. Einem, der nachgibt, wenn man darauf steht, geht und erzählt. Ach ja, bevor ich die Gewürze vergesse: und viele, viele Schlüssel. Daraus rührt die Goldmund Erzählakademie ihr Goldmund Erzählfest.

Goldmund Erzählfest

Wenn einer was erzählen kann… dann hören wir ihm zu. Sind still, lauschen, staunen, zweifeln, zaudern, lachen, weinen, schämen und fürchten uns mit der Geschichte. Wir schippern in der Nordsee, versuchen eine goldene Schraube loszuwerden, verstecken einen Silberlöffel im losen Brett des Bodens, lieben Emma und Fritz soooo sehr. Wir wundern uns, wer den besten Platz im Himmel bekommt und fragen, wo die eine, bestimmte Eiche steht. Wir leben mit – mit den Geschichten, die uns einer erzählt. Manche Geschichten öffnen Herzen…

Bei Erwachsenen ist das nicht anders als bei Kindern. Nur bei Kindern lächeln wir, wie still es plötzlich wird, wenn die Kindergärtnerin im Erzählkreis eine Geschichte erzählt. Wie Kinder, die sonst eher zurückgezogen sind, mitmachen und nachfragen oder solche, die gewöhnlich herumtoben, darauf warten, wie es weiter geht. Doch die Erwachsenen warten auch: auf die Pointe, auf die nächste Wendung, den verblüffenden Ausgang.

Das macht das Goldmund Erzählfest zum Fest! Es ist ein Reigen für unsere Sinne, jede Geschichte ein Tanz, jeder Erzähler ein Freund oder eben jemand, dem wir gerne lauschen.

Aber auch ein Erzählwettstreit

Erzählwettbewerb deshalb, weil die Geschichten um die Gunst des Publikums werben.  Unter PoetrySlams schlich sich das schon in der Antike bekannte Format in die heutige Gedicht- und Liederszene. Das zweimal im Jahr stattfindende Goldmund Erzählfest wirft wie damals aber keine Gedichte in die Menge, sondern eben in Bilder gemalte Geschichten.

Wer das Goldmund Erzählfest besucht, erhält zwei kleine Schlüsselchen. Die Schlüsselchen zu ihrem/seinen Herzen. Die beiden Erzähler, die sie/ihn mit ihren Geschichten am meisten berührt haben, bekommen diese dann in der Pause. Wer am meisten Schlüsselchen erhält, erzählt die Gute-Nacht-Geschichte!

Gestern im Stemmerhof

Das dieswinterliche Goldmund Erzählfest läutete gestern ganz pünktlich den Advent ein:  Jetzt ist ja traditionell die Zeit für Geschichten- und Märchen. Aber ganz ehrlich…

Wie sehr spielt das Erzählen von Geschichten heute noch eine Rolle?

Am besten du fragst das gestrige Publikum! Warte – wart”… kommst du nicht zu Wort?

Tja… nichts ist so anregend, wie auf dem Nachhauseweg zu erzählen, was so berührend, so beeindruckend, befremdlich oder aufregend war. An diesen Geschichten.

Welchen?

Na also, da war einmal…

Tipps für den 2. Dezember

Der Erzählwettstreit – hausgemacht: Heute lade spontan Freunde ein! Sicherlich gibt es bei dir irgendwo ein Märchenbuch: Grimms Kinder- und Hausmärchen zum Beispiel oder die Kunstmärchen von Hans Christian Andersen. Wenn nicht, weil die Bücher in deinem Haus gerade erst im Kaffee ertrunken oder gar ausgewandert sind, bediene dich hier. Such dir eines aus und gib allen davon eine Kopie. Jede/r bekommt zehn Minuten, dann erzählt ihr es reihum. Vorgabe: Nicht länger als 7 Minuten stehen dafür zur Verfügung. Wenn alle durch sind, prämiert ihr den Erzähler, der euer Herz erwärmt hat. Dazu gibt es Kekse und Glühwein- und viel Gesprächsstoff!

  1. Variante: Lege Papier, Stifte und Malutensilien bereit. Du erzählst bzw. liest ein noch nicht so bekanntes Märchen vor. Jede/r wählt danach eine Szene, eine Figur aus und malt sie in maximal 15 Minuten. Danach präsentiert sie/er sein Bild und begründet, warum sie/er gerade diese Szene, diese Figur ausgesucht hat. Auch hier wählt ihr den Schlüssel zu eurem Herzen. Zum Malen vergiss die Musik nicht!
  2. Variante: Spielt Scharade! Die Vorgabe: Die Wörter dürfen nur aus der Märchenwelt stammen. Sind nur Erwachsene in der Runde und kennen sie ihre Märchen, gilt es, nicht nur die Wörter zu erraten, sondern auch das Märchen, aus dem es stammt.

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1. Fenster: Wie einer lernte, dass Wasser fließt

Gut, reden wir über Flüchtlinge

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reines Wasser
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1. Fenster: Wie einer lernte, dass Wasser fließt

Wo Wasser fließt, ist Leben, heißt es. Für ein Inselvolk bedeutet das Fließen scheinbar aber noch mehr:  Japan ist umgeben von Wasser. Salzigem Wasser. Doch die Japaner danken jedes Jahr der Wassergöttin und ihren Wesen: den Schildkröten, Schlangen, Fischen – und ganz besonders ihren Lieblingen, den Drachen. Sie danken jeder Quelle, jedem Reis-Kanal, jedem Fluss und jedem Tank – für Wasser, das fließt; für Wasser, das sie trinken können.

Suijin Matsuri heißt das Fest. Einmal feiern sie es im Juni, einmal im Dezember – genauer gesagt am 1. Dezember. Heute also. Und deshalb ist hinter dem ersten Fenster ein japanisches Märchen versteckt:

Vom Fischer, der einem Wasserwesen half

Urashima Taro befreit die SchildkröteDer gutaussehende Fischer, Urashima Tarō, ging eines Abends den Strand entlang nach Hause. Da sah er eine Gruppe von Kindern, die eine Schildkröte drangsalierten und vor sich hertrieben.

Hey, hört sofort auf damit. Niemand sollte Tiere quälen, rief er, sobald er erkennen konnte, was die Kinder da machten.

Was willst du, alter Mann? Kümmere dich um deine Angelegenheiten, kam es zurück.

Weil Urashima Tarō sah, dass die Kinder die Schildkröte weiter mit Stöcken schlugen, entschloss er sich, das Tier zu kaufen. Darauf gingen die Kinder sofort ein, schnappten das Geld und liefen davon. Urashima Tarō aber trug die Schildkröte zum Meer und ließ sie frei. Er blickte ihr nach, bis sie hinter dem Horizont verschwunden war.

Zufrieden wanderte er nach Hause.

Vom Dank einer Schildkröte

Drei Tage später fuhr er wieder aufs Meer hinaus, um zu fischen.  Als er in seinem Boot saß, das Netz ausgelegt hatte und wartete, hörte er eine Stimme:

Urashima Tarō! Urashima Tarō! Hörst du mich?

Schscht, du verscheuchst mir die Fische.

Urashima Tarō! Urashima Tarō! Sieh her?

Schscht, siehst du nicht, wie sie ins Netz schwimmen wollen?

Urashima Tarō! Urashima Tarō! Hör doch zu!

Oh,,, jetzt haben sie es sich überlegt…

Bedauernd beobachtete der Fischer, wie ein der Schwarm Meeresbrassen das Weite suchte.

Er wandte sich um, der Stimme zu –

Sag schon: Was willst du?

und entdeckte die Schildkröte, die neben seinem Boot schwamm. War es etwa die, die er gerettet hatte?

So dankst du mir? Verscheuchst einfach die Fische!

Setz dich auf meinen Rücken. Mein Dank soll der Dank von meinem Herrn, Watatsumi, sein. Ich bringe dich zu ihm.

Matsuki Heikichi(1899)-Urashima-p09.jpg
By Matsuki Heikichi, aka Matsuki Tōkō (松木東江 1836 – 1 Jul 1891 – Matsuki, Heikichi (松木平吉) (1899) 教育昔話. 浦島太郎[1], Matsuki Heikichi, Public Domain, Link

Da Urashima Tarō nicht nur gutaussehend, sondern auch neugierig war, stieg er auf den Rücken des Tieres. Flugs ging es durch das Wasser, bis die Schildkröte untertauchte und den Fischer bis zur Mitte des Meeresbodens, direkt zum Drachenpalast brachte – dem Heim des Drachenkönigs Watatsumi.

Vom Leben im Drachenpalast

Dort empfing ihn nicht nur der König persönlich, nein, auch alle anderen Bewohner des Palastes. Unter ihnen lugte neugierig Watatsumis wunderschöne Tochter, die Drachenprinzessin Otohime, auf den Fremdling. Ein Blick nur und Urashima Tarō verliebte sich in sie.  Der König gewährte ihm die Hand des Mädchens, weil er ja ein Retter war.

Das Paar lebte drei Jahre lang ein glückliches, schönes und sorgloses Leben.

im DrachenpalastIn diesen drei Jahren sah Urashima Tarō, dass er sehr zufrieden war. Er genoß jeden Tag zuerst die östliche Seite des Palastes, wo Frühling, dann die südliche Seite, wo Sommer und die westliche Seite, wo Herbst und schließlich die nördliche Seite, wo Winter herrschte. Er erfreute sich an den Delfinen, an den Schildkröten, an fallendem Laub und dem Glitzern der Schneeflocken. Vor allem erfreute er sich aber an seiner Frau.

Jedoch kam der Tag, an dem er unruhig war. Anfangs war es nur ein zartes Flimmern, das scheue Winken eines Gedankens. Am Beginn war es also ganz leicht für ihn, das Gefühl, das ihn dabei befiel, weg zu schieben. Doch aus dem scheuen Zittern wurde – je länger das Wasser fließt – ein donnerndes Beben. Ein Gedanke, der sich morgens in seinem Kopf festsetzte und seinem Herzen die Freude nahm.

So geht es nicht weiter!, sagte er seiner Frau, als er es nicht mehr aushielt: Ich muss nach Hause zurück!

Warum nur? Sieh nur, wie schön wir es haben!

Das haben wir, ich liebe es, dieses Leben! Aber ich vermisse auch meine Eltern.

Wenn du gehst, wirst du mich vermissen – und ich dich.

Ich komme ja wieder, mein Herz… ein Blick nur, ein kurzer Besuch. Ich will sehen, ob es ihnen gut geht. Ich will ihnen Respekt erweisen. Dann kehre ich zurück.

Und weil es so wichtig war, Eltern zu respektieren, rief Otohime die alte Freundin, die Schildkröte.

Ihrem Mann gab sie ein wunderschönes Schächtelchen, ein tamatebako.

Diese Schachtel soll dich begleiten. Öffne sie nicht, bringe sie ungeöffnet zu mir zurück, Liebster!

Danach verabschiedete sie Urashima Tarō und die Schildkröte brachte ihn an Land zurück.

Wie stetig und unbemerkt Wasser fließt!

Kaum am Strand angekommen, eilte der junge Fischer in sein Dorf. Doch er kannte dort niemanden mehr. Sein eigenes Haus fand er menschenleer und unbewohnt vor.

Was war nur los? Wo sind alle geblieben? Was waren das für Leute? Was ist passiert? Wer nur konnte es ihm erklären?

Voller Fragen machte sich Urashima Tarō auf, die Antworten zu finden, Er befragte jene Menschen, die nun in seinem Dorf lebten. Er erkundigte sich, ob jemand von einen jungen Mann namens Urashima Tarō gehört hätte oder ihn gar kannte. Aber niemand konnte sich an einen solchen Mann erinnern.

Der junge Fischer wunderte sich mehr und mehr. Fast schon gab er auf, da fand er einen sehr alten Mann. Der saß vor seinem Haus. Auch ihn fragte er – und der, der nickte bedächtig.

Ja, ja, mein Vater hat mir erzählt… Von einem Mann, einem Fischer namens Urashima Tarō.

Dein Vater?

Das ist eine dieser Geschichten, die sich früher die alten Leute gerne erzählten, wenn sie auf den Sonnenuntergang warteten. Der Großvater meines Vaters hat sie ihm erzählt… und mein Vater mir… Urashima Tarō – ja so war der Name. Ein Fischer! Ein tüchtiger Mann! Er war vor langer, langer Zeit hinausgefahren, hinaus aufs Meer – und niemals zurück gekommen.

So erfuhr Urashima Tarō, dass die Zeit vergeht, wenn Wasser fließt: Drei kurze, glückliche Jahre im Drachenpalast – und an Land waren 300 Jahre vorbeigerast.

Die Erkenntnis traf den jungen Fischer. Er rannte blind los, irgendwohin, einfach fort! Am Strand schließlich setzte er sich, grübelte und grübelte – und vergaß darob seine Frau, die schöne Drachenprinzessin. Aber nicht nur sie, sondern auch ihre Worte.

Und so blickte er verwundert auf das  Schächtelchen, als er es zufällig in seiner Tasche fand. Was war denn das?

Urashima geht im Rauch aufSo kam es, dass er es öffnete.

In diesem Moment stieg weißer Rauch auf. Urashima Tarō verwandelte sich, wurde älter und älter, bis er sich in einen sehr alten Mann mit weißem Haar, langem Bart und krummen Rücken verwandelt hatte. Doch es hörte nicht auf.

Er alterte immer weiter und weiter…

Bis er starb – und zu Asche zerfiel.

Bei der nächsten Flut aber, trugen die Wellen sein Asche fort.

Erlebnistipps fürs 1. Fenster:

Zu einem Adventskalender gehört es, gemeinsame Erlebnisse zu schaffen. Deshalb gibt es in unserem Adventskalender hinter dem Fenster noch ein Fenster – das ist gefüllt mit Tipps für euch. Tipps, wie er den Tag zum Erlebnis machen könnt. Hier jetzt meine Vorschläge für den 1. Dezember:

  • Schau dir mit den Kindern noch einmal Chihiros Reise ins Zauberland an! Wer den Film nicht kennt: Auch in ihm spielt es eine Rolle, dass Wasser fließt. Der Zeichentrickfilm des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki hat es verdient, dass du ihn dir auch zweimal oder mehrmals anschaust: Er ist der weltweit zweiterfolgreichste japanische Film und sammelte unzählige Preise, darunter den Oscar für den besten animierten Spielfilm und den Goldenen Bär der Internationalen Filmfestspiele in Berlin.
  • Male den Drachenpalast des Königs Watatsumi mit seinen vier Jahreszeiten… auch wenn du keine Kinder hast! Es macht trotzdem Spaß!
  • Wann hast du das letzte Mal Origami ausprobiert? Ein Schächtelchen wie das von Otohime kriegst du hin! Und hör dazu Musik, die du magst – es müssen auch keine Weihnachtslieder sein 😉

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Fest mit einem Freund Huaquetchula
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Am Tag der Toten tanze mit Freunden!

Warum ich lieber den Tag der Toten feiere als Allerheiligen? Die Ursache liegt in Huaquechula, auf dem Friedhof eines Städtchens  im Bundesstaat Puebla, Zentralmexiko. Seit 2015.

Im April 2015 ist ein Freund gestorben. Seine Familie bestattete ihn auf dem Friedhof in Huaquechula. Wir – seine Freunde – waren nicht dabei: Deshalb trafen wir uns an einem frühen Sonntagmorgen im Eisenbahnmuseum der Stadt Puebla; aßen Tamales mit Anis – das Gericht für Begräbnisse – und tranken Kaffee zu Mariachi-Klängen.

Wir feierten, wie der Freund es gewünscht hatte. Jeder verabschiedete sich von ihm auf seine Weise: Einige weinten, andere sprachen ein paar Worte. Als die Sonne die Dächer der alten Lokomotiven zum Glitzern brachte, trennten wir uns.

Wie oft danach dachte ich noch an ihn?

Manchmal – wie beim Streik der Lokomotivführer – huschte der Freund durch meine Gedanken. Züge haben ihn fasziniert, obwohl er aus einem Land kam, das nur noch wenige besaß.

Einmal tauchte ein Foto auf, eines, das in meinem Chaos zwischen die Papiere gerutscht war.

Für sein Kreuzworträtsel, das posthum publiziert wurde, konnte ein Gewinner ausgelost werden.

Sonst aber dachte ich kaum an ihn: Alltag lässt nicht viel Zeit zum Trauern. Manchmal zuckte ich zusammen, war mir plötzlich bewusst, dass ich ihn vermisse. Doch ich hielt kaum inne, machte lieber dort weiter, wo ich mich selbst unterbrochen hatte…

Ein Freund entschwindet im Nebel, entfernt sich mehr und mehr von den Beschäftigten, den Lebenden. Und ich sah untätig dabei zu, wie er seinen Platz in meinem Leben zu verlieren begann. Schritt für Schritt, Tag für Tag.

Bis im Oktober die Einladung kam.

Aus Huaquechula, der kleinen Stadt im Osten des Bundesstaates Puebla.

Ein Städtchen harrt der Touristen

Huaquechula ist eigentlich noch immer ein Dorf; eines, das sich durch wenig auszeichnet: Der Bürgermeister erwähnt hauptsächlich Landwirtschaft, etwas Kunsthandwerk und übers Jahr hindurch eher wenig Tourismus. Das Beeindruckenste ist das Kloster aus dem 16. Jahrhundert und die dazugehörige Kirche. Ein paar Fundstücke des aztekischen Kalenders ziehen zusätzlich noch ein paar Touristen an.

Die meisten Häuser sind lehmverputzt und schlicht. Meist gibt es kein fließendes Wasser und nur eine „gute Stube“. Um diese herum zwängen sich ein oder zwei kleinere Räume zum Schlafen für oft fünf, zehn und mehr Bewohner. Dahinter liegt ein betonierter Hof, vollgestellt mit  Geräten und Müll.

Die kleinen Holztüren schließen nicht gut, bleiben deshalb Tag und Nacht geöffnet.

Die Nachbarn besuchen sich, tauschen Neuigkeiten aus, handeln um den Preis der jitomates und Händler bringen Brot, Milch, Butter, Gas, Wasser und Melonen zum Haus – je nach Bedarf.

Huaquechula unterscheidet sich in wenig von den Nachbardörfern. Wie in diesen verklebt im Dezember der staubige Wind die Augen und im August ächzen die Achsen der Autos, wenn sie in den von den Regengüssen ausgewaschenen Löchern der Straßen einbrechen. Wenn es denn Straßen sind und nicht überschwemmte Erdwege.

Trotzdem pilgern vom 28. Oktober bis zum 2. November jedes Jahr Tausende in die kleine Stadt – Touristen genauso wie Mexikaner. Sie kommen zum Día de los Muertos, dem Tag der Toten.

Nach altmexikanischem Glauben kommen die Toten zum Ende der Erntezeit zu Besuch und feiern gemeinsam mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen – mit Musik, Tanz und gutem Essen. Dafür ist Mexiko weltberühmt: Es ist das Land, wo die Verstorbenen ein Fest mit den Lebenden feiern. Der Tod mitten im Leben steht.

Überall schmücken bunte Altäre die Städte: mit catrines zum Beispiel, Skeletten – Frauen und Männer, die auch Berufe haben können – Schuster, Mariachis, Scherenschleifern, mit Blumen und Opfergaben.

Tag der Toten Altar 2017

Foto von Cornelia D. Cohrs 2017

Das besondere Fest am Tag der Toten

“In Huaquechula”, erzählte Ramon (36), der jüngste Bruder meines Freundes, “gibt es noch eine zusätzliche Tradition: Im Jahr des Todes richten die Familien am día de los muertos ein besonderes Fest für den Verstorbenen aus.”

Ramon bittet alle zum Fest, alle die dem Freund verbunden waren. Sogar Passanten seien herzlich willkommen mitzubeten, zu feiern und zu schmausen.

„Fahr bitte früh los“, bat er noch, „wir brauchen dich zum Vorbereiten!“

So folgte ich bereits am ersten November um 5.30 Uhr morgens der schnurgeraden Straße mitten auf den zocalo, den Hauptplatz des Dorfes.

Die ersten Dorfbewohner bauten Marktstände auf. Sie schichteten gebeizte, hauchdünne Scheiben Rindfleisch (cecina) zu Türmen, spannten Plastikplanen, um sich und die Besucher vor der Sonne zu schützen, reihten Totenköpfe aus Zucker (calavera) aneinander und heizten Öfchen, kochten Mais und rührten Saucen. Man erwartete den alljährlichen Ansturm gelassen. Gewillt, alles zu bieten, was das mexikanische Herz begehrt.

Blumenpfad für einen Freund

cempachulil als WegDie Straße, wo Ramons Haus steht, hat keinen Namen, aber ich sollte in die zweite Gasse hinter dem zocalo nach links abbiegen, dort drei Bremsschwellen – kurz topes – passieren, dann wäre ich schon vor dem Haus.

Ein Weg aus Blumen führte zur Tür. Schloss war keines zu sehen.

Ich trat ein – und prallte fast in Ines, die Mutter meines Freundes.

Sie kam mir in ihrer Schürze entgegen, hielt einen großen Tontopf in Händen. Wortlos lächelnd deutete sie mit dem Kinn auf einen der beiden gigantischen Henkel und gemeinsam trugen wir den Topf in den Hinterhof.

Dort schoben zwei Jungen die Tische zurecht, mehrere Frauen warteten mit den Plastiktischtüchern, um sie auflegen zu können. Drei Reihen Tische zu je zehn Stühlen hatte die Familie zusammengeschnorrt.

Ines und ich stellten schweigend den Topf auf den Gasherd, um die Schokoladesauce – die in der Region so beliebte mole Poblano aufzuwärmen; wir legten gekochte Hühnerstücke dazu und ließen alles bei kleinster Flamme vor sich hin brodeln.

Daneben stand schon ein riesiger Topf mit rotem Reis.

“Schön, dass du da bist”, sagte Ines und umarmte mich endlich.

Sie ließ sich aber nicht viel Zeit, scheuchte mich in den zentralen Raum des Hauses, in das Wohnzimmer. „Hilf drinnen“, sagte sie, „es gibt noch viel zu tun.“

Hausaltar: Wo Tote sich laben

Blumen auf Huaquechulas AltarNichts hatte mich auf das Folgende vorbereitet: Der Gabentisch für den Freund bedeckte eine komplette Wand. Drei  Tische unterschiedlicher Größe hatten die Brüder übereinander gestellt. Wochenlang hatten die Frauen gebastelt, Stoffe ausgesucht und schließlich alles mit weissem Organza kunstvoll verkleidet.

Ein Altar.

Keine Taufe, keine Hochzeit! Erinnerung an einen toten Freund.

In Mexiko dominieren am Totentag üblicherweise die Farben Schwarz, Violett und Orange. Nicht so in Huaquechula: Dicke weiße Gladiolensträuße geben die Farbe vor – damit wird nicht experimentiert!

So will es die Tradition.

Ramon stand auf einem Stuhl. Er balancierte einen Engel vorsichtig auf die rechte Seite des Gabentischs. Es war nicht der erste Engel und sollte auch nicht der letzte sein. Aus den Kartons in der Mitte des Raumes packte eine der Schwägerinnen noch zwei weitere aus. Die drei Kinder reichten ihrem Vater die Tonengeln.

Danach auch die nach Anis duftenden Totenbrote.

Alle Gaben waren übereinander aufgereiht, strebten auf die Spitze der Pyramide zu, hin zum Kruzifix.

Darum herum wirbelten helfende Hände, dekorierten diesen Mittelpunkt, der für die Woche im Haus bestimmen sollte: mit Kerzenständern auf dem Boden, Blumenschmuck auf jeder Seite, kleinen Schüsseln mit dem Lieblingsessen des Verstorbenen.

Die Ränder der Tische umrahmten sie mit Scherenschnitt-Papier.

Ich starrte auf die beiden Fotos meines Freundes und staunte stumm.

Was hätte er dazu gesagt?

“Was für ein Tamtam” – wahrscheinlich.

Einmal noch richtig verwöhnen…

„Das Wohlergehen einer Kultur wird daran gemessen, wie man mit seinen Toten umgeht.”

Dieser Satz stammt von Constantin von Barloewen, Professor für Anthropologie und vergleichende Kulturwissenschaft.

“Das Wohlergehen hängt davon ab, wie sehr der Tod im Leben der Menschen integriert ist.”

In der abendländischen Kultur sei der Tod verdrängt, eine „absurde Figur“, kritisiert der Forscher. Hier würden die Menschen dem Tod mit Gleichgültigkeit und sozialer Kälte begegnen.

In Mexiko kämpft día de los muertos gegen zwei Konkurrenzveranstaltungen: Gegen den Brauch des Halloween aus USA und Allerheiligen. Das Fest zum Tag der Toten wurde allerdings 2008 zum Weltkulturerbe ernannt. Ein Anreiz dem aztekischen Brauch zu folgen, die Toten in das Leben zu integrieren?

Für von Barloewen jedenfalls zeigt der Brauch eine durchaus gesunde Einstellung zum Leben: Was nämlich verdrängt wird, kehrt in einer anderen Form wieder, trifft den Verdrängenden härter.

Besser also der Tote hat seinen Platz mitten im Leben.

Zur Trauer gehöre es, Zeit, Gedanken und Erinnerungen mit dem Toten zu teilen, ihm Raum im Leben zu geben. “Wer diese Tatsache ignoriert”, so der Anthropologe, “muss irgendwann erkennen, dass sich der Tod nicht leugnen lässt.”

„Ohne Tod gibt es kein Leben und ohne Leben keinen Tod“, betont er mit der ganzen Überzeugungskraft des Wissenschafters.

Ines braucht weniger Worte:

„Unsere Ahnen haben die Altäre schon so dekoriert und wir folgen ihnen.“ Sie stellt Weihrauch und Kobalt neben eines der Fotos ihres verstorbenen Sohnes.

„Ausserdem gefällt mir der Gedanke, ihn so richtig zu verwöhnen.“

Mitfeiern kannst du nur tot

diadelosmuertos-057“Kümmere dich doch um die calaveras,” wies mich Ramon an.

Totenköpfe aus Zucker stapelten sich in einer Schachtel vor mir – in allen Größen und mit bunten Verzierungen. Ich schichtete sie nach Anweisung auf einen der kleinen Nebentische.

„Schreib auch deinen Namen auf einen!“

calaveras symbolisieren die Lebenden beim Totenfest: “Nur wenn ein Schädel deinen Namen auf der Stirn  trägt, kannst du mitfeiern,”

Tatsächlich hätte das Fest schon zum Frühstück beginnen können: An Zuckerstirnen prangten bereits die Namen aller – von Freunden, von Ines, Ramon, den Kindern und anderen Familienmitgliedern.

Die Kartons waren weggeräumt; vor dem Altar prangte ein großes Kreuz aus den Blütenblättern der cempasuchitl, der intensiv duftenden Totenblume.

Eines der Kinder streute noch mehr Blütenblätter auf die Straße. Sie dienten als Wegweiser. Tote riechen besser, als sie sehen können. Am Friedhofstor ließen sie den Blumenpfad beginnen.

Der Freund musste ja auch zu dem für ihn ausgerichteten Fest finden.

Alles war bereit, mussten wir mit dem Feiern bis zum Abend warten.

Die Familie war pausenlos damit beschäftigt, für Besucher Tortillas zu backen und aufzutragen, mole Poblano zu verteilen und den Touristen vom Freund zu erzählen.

Ines hatte die Schürze aus und ihr bestes Kleid angezogen und sprach von ihrem Sohn. Auch wenn einige Touristen nur deshalb kamen, weil es gratis Essen gab. Sie waren dem Blumenweg vom Friedhof aus gefolgt und zogen gelabt weiter zum nächsten Trauerhaus.

Nur Freunde und Familie blieben lange, halfen, erinnerten sich, lachten – dachten daran, wie der Freund…

Wir tauschten Geschichten aus. Geschichten, die neu waren. Geschichten, die mir den Freund zeigten, wie ich ihn nie erlebt hatte. Geschichten, in denen ich ihn trotzdem gleich erkannte.

Ines bat mich zu erzählen. Vom Tag, als ich den Freund kennenlernte, welche Artikel er schrieb, wie er unterrichtete und von seiner Liebe zu Lokomotiven. Von dieser wusste sie nämlich nichts.

Abends begann Ramon mit seiner Frau zu tanzen, sein Cousin schenkte Brandy ein, die Stereoanlage dröhnte ohrenbetäubend.

Das Fest zum Tag der Toten, das Fest mit den Toten konnte beginnen!

Lange nach Mitternacht ließ die Familie mich schließlich gehen – erschöpft fuhr ich heim.

Und der Freund? Den nahm ich in Erinnerung mit.

Bis zum nächsten Jahr!

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Frau vs Mann: Wie Jan Blake erzählt

Jan Blake erzählt traditionelle Geschichten: Märchen, Sagen, Legenden. Ihre Geschichten rollen wie Lawinen über den Hang. Sie beginnen mit einem Schneeball, mit einem ganz kleinen: Zuerst schubst Blake ein Wort ins Publikum: “crick” ruft sie und sie verlangt ein “crack” zurück.

CRICK – crack… Nein, sie ist nicht überzeugt. Crack sagt ihr nämlich, ob und wie sehr wir die Geschichte tatsächlich hören wollen. Wir müssen den Schneeball weiter schubsen, sonst tut sich nichts…

CRICK – crack – CRICK! – CRACK!

Es war einmal…, beginnt Blake. Der Schneeball kommt doch noch ins Rollen…

Blake erzählt von der Leopardenfrau

Wenn Frauen mit ihren Männern durch die Savanne ziehen, sind die Rollen in unserer Vorstellung klar verteilt: Das Baby liegt an IHRER Brust, ER geht jagen. Die Frau kocht, was er ihr bringt. Sonst aber tut sie, was er sagt. Er sorgt ja für ihre Sicherheit.

Doch Blake erzählt, wie’s ist, wenn der Mann meint, es sich mit seiner Leopardenfrau bequem machen zu können.

Geschichten über Gestaltwandler sind beliebt – Tiere, die sich in Menschen verwandeln; Füchse, Wölfe, Tiger. Natürlich auch in Westafrika, in der Karibik und im arabischen Raum. Aus diesen Regionen kommen die Märchen und Legenden, die Blake erzählt. Oft sind es Frauen, die sich verwandeln. Frauen, die anders sind; die Geschichten handeln von ihrer Stärke und dem Mut, den sie in sich tragen.

Die Leopardenfrau darf da nicht fehlen.

Wie kommt man zum Erzählen?

Eigentlich, erzählt Blake, eigentlich begann es vor dreißig Jahren. Ich war bankrott und brauchte Geld. So begann ich Geschichten zu erzählen.

Dahinter steckt ein bisschen mehr. Ihr Talent, ihre Freude und eine Neugier auf die Kultur ihrer Ahnen. Die Britin ist ein Migrantenkind – in zweiter Generation, wie es so schön heißt.

Die Geschichten, die sie als Kind gehört hatte, kamen aus Jamaika, aus Ghana, aus Togo… Geschichten, die mit den Sklaven über Jahrhunderte weiter gewandert waren und die schließlich ihre Eltern nach Großbritannien mitgebracht haben.

Für das Kind blieb aber unverständlich, warum ihm die Märchen aus Ghana vertrauter waren, als die, die  englische Lehrer und Schulkameraden erzählten. Jan Blakes Entscheidung für den Beruf der Märchenerzählerin gab ihr die Möglichkeit, Wurzeln zu erforschen; über Märchen und Legenden eine fremde und doch vertraute Welt zu betreten.

In den dreißig Jahren, so erzählt Blake, wandelten sich ihre Geschichten. Suchte sie anfangs hauptsächlich, was unterhielt, erzählt sie heute Geschichten, um etwas weiter zu geben: Erkenntnis vielleicht, Lebensweisheit, Wissen… die Essenz.

Von Geben, Nehmen und dem Dialog

Geschichtenerzähler sind keine Schauspieler. Sie leben aber mit ihrem Publikum genau wie diese; das Publikum trägt sie beim Erzählen weiter. Seine Aufmerksamkeit fordert ihre Fantasie, ihr Können, ihre Stimme, ihre Fabulierkunst und ihr Körperspiel. Das Publikum gibt Stichworte, reimt mit, singt.

Wer auf seinem Stuhl sitzen bleibt, wenn Jan Blake erzählt, hat nicht verstanden. Er spürt nicht, dass er dazugehört, ein Teil ist – aktiver Teil der Geschichte. Nur mit Hilfe der Zuschauer kann sie sich entwickeln.

Nur gemeinsam mit dem Publikum rollt der Schneeball weiter und weiter…. auf die Herzen der Zuhörer zu; dorthin, wo die Lawine  letzendlich zerstäubt und in der Wärme schmilzt.

Das Glitzern aber bleibt zurück. Das Glitzern der Leopardenaugen!

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Globetrotters Sehnsucht nach Zuhause

Shakshuka heißt das Gericht. Mit ihm beginnt die Sehnsucht, die Sehnsucht nach Zuhause.

Cafe de Olla eingegossenSamstagmorgen. Ich bin gegen zehn im Haus eines Freundes aufgewacht. Verkatert noch setze ich mich zu den anderen an den Tisch in der Küche. Ihnen geht es nicht besser: Es war eine lange Nacht gewesen.

Nur die Hausfrau, tu mama wie mein Freund zu seiner Schwester sagt, wuselt herum, stellt an das eine Tischende Tortillas, bringt jedem eine Tasse Café de Olla, plaudert fröhlich durch den Duft von Zimt, Kaffee und Nelken hindurch und ignoriert unsere wortkargen Antworten.

Ich versuche, mich langsam an das Licht zu gewöhnen, das grell durch die Glastüre der Terasse scheint. Auf einmal – ich merkte kaum, wie sie vor mir landeten – lachen mich zwei Eieraugen aus einer Tonschüssel an. Sie schwimmen in einer Sauce aus Tomaten und anderem Gemüse. Shakshuka, ey, guten Morgen!

Huevos fritos nennen sie es in Mexiko, “gebratene Eier” also – eigentlich meinen Mexikaner damit bloß Spiegeleier.

Dass meine Großmutter plötzlich vor mir steht, damit habe ich nicht gerechnet.

“Iss Kind!”, sagt sie und schenkt den Chai ein.

Während ich die Gabel mit dem ersten Bissen zum Mund führe, setzt sie sich mir gegenüber. Es ist wie früher. So wie damals als ich noch ein Kind war und sie die größte Erzählerin der Welt.

Die mexikanischen Eier schmecken etwas anders ich Shakshuka kenne, mehr nach Chili und Zwiebel, weniger nach Harissa, Sumach und frischem Koriander.

Dazu gibt es Tortillas statt Brot.

Aber die Erinnerung kommt trotzdem wieder, kommt wieder zu mir zurück. Schuld ist das Ei. Es schmiegt sich wie in meiner Kindheit an die Zunge, glättet die Schärfe der Soße.

Ich hörte Großmutters Stimme.

Die Leute behaupten, dass damals ein Kaufmann in der Stadt lebte, ein rechter Schlaufuchs, aber ritterlich und großmütig. Er war ein stattlicher Mann, lachte gern, war freundlich und sanft. Und weil er so ein weites Herz im Leib  hatte… und einen weitläufigen Weinkeller dazu… besuchten ihn seine Freunde genauso häufig wie sie ihn in ihre Häuser einluden. Tatsächlich verbrachte er kaum eine Nacht allein.

Des Globetrotters Heimweh

Auslöser für diese Erinnerungsfetzen mag immer wieder etwas Anderes sein: Ein Gewürz vielleicht, ein Duft, ein vermeintlicher Bekannter. Globetrotter kennen diesen Augenblick – den Moment, in dem plötzlich die Luft um sie herum flirrt, der Atem stillsteht – die Erinnerung sie weglockt. Sie von dort weglockt, wo sie gerade sind und wie sie sich gerade fühlen…

Ihnen das längst Verlassene vorgaukelt; sie nur wenig später zurücklässt – mit der Sehnsucht nach Zuhause.

Als wieder einmal die Reihe an ihm war, eine Abendgesellschaft auszurichten, bereitete der Kaufmann alles vor: Die kleinen Köstlichkeiten scharf und sauer, salzig, süß klebrig und ein bisschen bitter. Es wäre despektierlich sie Snacks zu nennen oder Fingerfood. Er stellte den Wein zum Atmen raus, frisches Obst und Käse dazu. Pölster und Matten legte er ebenfalls bereit und die Musikinstrumente, die so einige seiner Freunde zu spielen wussten. Mit einem Blick musterte er abschließend sein Werk, nickte zufrieden und ging hinaus – in die Stadt, um seine Freunde zusammenzutrommeln.

Heimweh überfällt auf StraßeHeimweh überfällt Globetrotter unvorhergesehen, macht sie melancholisch und lässt sie schon einmal überlegen, ob es an der Zeit wäre zurückzukehren. Vielleicht um den Wechsel der vier Jahreszeiten wieder zu fühlen oder zu sehen, wie schnell sich zuhause alles dreht. Was hält davon ab, sofort das Flugticket in die Heimat zu kaufen? Zurückzukehren?

Großmutter?

Es begab sich, dass in der gleichen Stadt ein anderer Kaufmann lebte, ein Wanderer. Noch jung an Jahren hatte er ein verführerisch hübsches Gesicht mit verschmitzten Augen. Einst war er mit allerlei Waren und viel Geld aus seinem Land gekommen und hatte sich in dieser Stadt niedergelassen, weil sie ihm so gut gefiel. Sein Geld hatte er mittlerweile verprasst. Denn er hatte in Saus und Braus gelebt. So manchem Mädchen hatte er den Kopf verdreht und ihr Geschmeide und schöne Stunden geschenkt, bis er nichts mehr besaß außer den Kleidern, die er am Leib trug, und den Witz, um sich aus den verzwicktesten Lagen herauszureden.

Eines Tages war es aber so weit gekommen, dass er trotz aller Ausreden sein Haus verlassen musste. Er konnte seine Schulden nicht mehr bezahlen. Von da an streifte er durch die Stadt – tagsüber auf der Suche nach einem Reisegefährten. Mit ihm wollte er in sein Land zurückkehren. Nachts jagte er nach einem Schlafplatz.

Was davon abhält zurückzukehren

Geldmangel? Der fehlende Reisegefährte? Nein, das ist es eher weniger, das mich hält. Ich habe zwei Leidenschaften. Beide ereichen, dass ich in diesen seltenen Augenblicken des Zweifels wieder auf Spur komme. Mich erinnere, warum ich weiter unterwegs sein will:

1. Schreiben

In Heimweh-Momenten nehme ich eines meiner Notizbücher und schmökere. Abgesehen davon, dass es eine Weile braucht, bis ich die Schrift entziffern kann, lenkt mich der Inhalt ab, weckt meine Neugier.

  • Warum ist “morgen” in Mexiko anders als “morgen” bei mir zuhause?
  • Was genießt die Familie, bei der ich wohne sonntags besonders?
  • Wo kommen jene Affen her, die ich auf der Insel mitten im See von Catemaco, Vera Cruz, beobachtet habe?

Hinter dem Horizont meiner Beobachtungen und Geschichten steckt so viel mehr. Wer kann da zurück?

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2. Kochen

Wenn ich keine Lust zu schreiben habe, meine Hände aber beschäftigen will, hilft es mir zu kochen.

Die Globetrotter, die ich kenne, sind alle Häferlgucker. Nichts ist aufregender als das neue Rezept, die fremden Gewürze, die Gerüche oder die ungewohnte Machart. Küche ist ein weites – ein unendliches – Feld und Kochen die Ausrede, unter all dem Fremden doch auch wieder das Eigene, die Heimat, mit hineinzubringen.

Für dich mag das ja gelten! Aber unser junger Kaufmann konnte mit dem Schreiben nichts anfangen. Auch hatte er keine Ahnung von häuslichen Dingen. Er wollte nur zurück. Und so zog er durch die Gassen und hielt Ausschau nach einem, der ihn nach Hause bringen würde.

Wie er sich die Augen wundschaute, sah er auf der anderen Seite eine über die Maßen schöne und anmutige Frau. So schön war sie, dass ihm schien, die Sonne verneige sich.

Schüchtern ist kein Wort, das ich gebrauchen würde, um den jungen Mann zu beschreiben. Er sprach das Wunderwesen sogleich an. Sie reagierte,  scherzte und schäkerte. Lange dauerte es nicht und er schlug vor:

“Komm, suchen wir uns ein gemütlicheres Plätzchen.”

“Gut,” sagt sie, “Gehen wir zu dir!”

leere Straße mit bunten HäusernSchon bereute er seine Worte! Er verfluchte, dass er sie gefragt hatte. Ungerecht war es! Nur weil er mittellos war, sollte ihm eine solche Gelegenheit entgehen. Wie peinlich aber, ihr erklären zu müssen, dass er kein Heim besaß. Die Wahrheit konnte er auf keinen Fall sagen. So lief er vor ihr her – zickzack durch die Straßen der Stadt.

Wie nur… wie… konnte er sie loswerden?

… und schlug zu

Eine Gasse nach der anderen schritt der mittellose Kaufmann ab, ohne die erhoffte Rettung zu finden. Schließlich gelangte er in eine Sackgasse, an deren Ende eine verriegelte Tür zu sehen war.

Schloss an Tür“Gott soll meinen Diener verfluchen! Er hat die Tür abgeschlossen und ist weggegangen!”

Er ließ die Schultern hängen. “Meine Dame”, sagte er, ” Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll!”

“Was machst du für Aufhebens wegen eines Schlosses, das vielleicht zehn Dirham wert ist,” war ihre Antwort. Sie krempelte ihre Ärmel auf, griff sich einen Stein von der Straße – und schlug zu. Die Tür sprang auf.

Was blieb dem armen Mann anderes übrig als einzutreten.

Mi casa es tu casa!

Ein Satz, der zu Mißverständnissen führen kann: Mein Haus ist dein Haus.

Phrase für viele, schnell ausgesprochen; “nichtsagend”, denken die meisten Touristen und sprechen ihn nach einer Weile nach und sind überrascht, wenn ihre Urlaubsbekanntschaft plötzlich im Heimatland vor der Tür steht.

Wer schon einmal erlebt hat, wie Feste am nächsten Morgen im Haus eines mexikanischen Freundes zu Ende gehen, glaubt nicht mehr daran, ein Lippenbekenntnis zu hören.

Wie staunte der Kaufmann, als er einen großen Empfangssaal voll Pölster vorfand. Natürlich setzte er sich, lehnte sich an ein Kissen, die Frau entkleidete sich… und es kam wie es kommen musste…

So zum Vergnügen

Tanzende Arabische Frau“Was musste kommen, Oma?” Das hatte ich früher immer an dieser Stelle gefragt.

Ich höre wieder ihr Lachen, sehe ihr schelmisches Zwinkern.

Meine nichtsahnenden Freunden reichten die Tortillas reihum  – durch meine Großmutter hindurch.

In meinem Kopf hallen ihre Worte:

Er spürte jetzt erst, wie hungrig er war.

“Weißt du, ich kenne mich in meinem eigenen Haushalt nicht gut aus. Auf meinen Diener ist gewöhnlich solch ein Verlaß, dass ich mich um nichts kümmern muss. Schau du doch in der Küche nach, was er zum Essen vorbereitet hat.”

Die Frau fand Töpfe voll Köstlichkeiten in der Küche, einen Kringel Brot mit Sesam und eine Karaffe mit klaren, gefilterten Wein. Sie schöpfte einen Teller voll, nahm Brot und Wein mit. Das aßen und tranken sie gemeinsam und verbrachten ein schönes Stündchen miteinander, lachten, sangen, spielten.

Währenddessen…

Was das Shakshuka meiner Großmutter so tief in der Erinnerung verankerte?

Das Brot.

Sie buk es einmal die Woche, ein Gruß an Mahgreb, an ihre Familie, die sie nach ihrer Heirat selten besuchen konnte. Im Brot lag ihre Sehnsucht nach Zuhause.

Wenn ich ein Stück davon abbrach, es in die Soße mit Ei tunkte und daran lutschte, rannen immer ein paar Tropfen über mein Kinn. Ich schleckte schnell, doch nie schnell genug.

“Nimm die Serviette! Warum wohl habe ich sie dir hingelegt?”

Wahre Gastfreundschaft

Währenddessen… kam der Hausherr mit seinen Freunden an die Pforte. Sofort bemerkte er das aufgebrochene Schloß, wunderte sich über die verriegelte Tür und hörte Lachen im Haus. Und weil er ein kluger und neugieriger, jedoch kein ängstlicher Mann war, schickte er die Freunde weg. Als die Freunde gegangen waren, klopfte er.

Wie erschrak da der Mann im Innern des Hauses!

Aber die Frau stürmte zur Tür, riß diese auf und schalt:

“Dein Herr war ausgesperrt. Was bist du nur für ein nachlässiger Diener! Geh und entschuldige dich.” Und während der Mann in den Pölstern am liebsten darin verschwunden wäre, folgte der Hausherr der Aufforderung, stieg die Treppe hoch und trat in den Empfangsraum.

“Herr, sagte er, “bitte verzeih! Ich war länger mit deinen Aufträgen unterwegs als ich dachte.” 

An genau diesem Punkt der Erzählung war das Kind in mir empört. Das war doch irgendwie verkehrt. Wie kann der Hausherr sich so behandeln lassen?

Aber meine Großmutter schüttelte nur sanft den Kopf.

Zu dritt hatten sie doch noch einen viel schöneren Abend: Der Hausherr tat alles auf, was er eigentlich für seine Freunde vorbereitet hatte. Solange bis der mittellose Kaufmann ihn bat, sich doch selbst in der Küche zu bedienen und ihnen auch Gesellschaft zu leisten. Die Frau tanzte… sie lachten und erzählten Geschichten. Als es schon tiefe Nacht war, richtete der Hausherr die Betten für das Paar und wünschte gute Nacht.

Als der Morgen graute, erwachte die Frau: “Ich möchte jetzt gehen,” sagte sie, verabschiedete sich und ging davon. Der Hausherr rannte ihr mit einer Geldbörse voll Silbermünzen hinterher, übergab ihr das Geld und entschuldigte sich für seinen Herrn.

Dann ging er in die Küche.

Als der junge Mann einige Stunden später in den Empfangsraum kam, zwinkerten ihm zwei Eieraugen zu.

“Shakshuka, mein Herr?” fragte der Hausherr und reichte ihm die Tonschüssel.

Da fiel der Mann auf die Knie.

Eine lange Freundschaft war geboren.

Was stillt die Sehnsucht nach Zuhause?

Shakshuka schmeckt mit Tortilla auch, aber anders.

Das fällt mir erst nach drei Tassen Café de Olla auf, wovon ich sowieso zwei für Chai gehalten habe. Es ist als gehe es allen so: Alle am Tisch wachen langsam auf. Plötzlich bekommt tu mama ein Kompliment nach dem anderen.

Ihre Eier sind ein Gedicht! Und der Kaffee erst. Was für eine Wohltat! Das Richtige heute, das einzig Wahre!

Die mexikanische Mama freut sich. Endlich zeigen sich die Lebensgeister ihrer Gäste wieder. Vor lauter Freude tischt sie weiter auf.

Ob wir noch süßes Brot wollen? Etwas Melone? Ananas? Noch eine Tortilla. Warum nicht? Bist du auf Diät! Ach, Vögelchen, ihr müsst nicht immer auf eure Figur achten. Früher waren’s ja bloß die Mädchen, aber heute… heute spinnt der Junge genauso. Etwas gebratene Bohnen? Guacamole?

Gegen fünf am Nachmittag schaffen wir schließlich den Aufbruch. Heute und morgen brauche ich nichts zu essen; soviel steht schon mal fest. Als ich mich in der Türe noch einmal umdrehe, grinst meine Großmutter mich an.

“Wollte der mittellose Kaufmann eigentlich noch immer in seine Heimat zurück,” frage ich.

Wer weiß?

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Das Beitragsbild ist von jenly

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