reines Wasser
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1. Fenster: Wie einer lernte, dass Wasser fließt

Wo Wasser fließt, ist Leben, heißt es. Für ein Inselvolk bedeutet das Fließen scheinbar aber noch mehr:  Japan ist umgeben von Wasser. Salzigem Wasser. Doch die Japaner danken jedes Jahr der Wassergöttin und ihren Wesen: den Schildkröten, Schlangen, Fischen – und ganz besonders ihren Lieblingen, den Drachen. Sie danken jeder Quelle, jedem Reis-Kanal, jedem Fluss und jedem Tank – für Wasser, das fließt; für Wasser, das sie trinken können.

Suijin Matsuri heißt das Fest. Einmal feiern sie es im Juni, einmal im Dezember – genauer gesagt am 1. Dezember. Heute also. Und deshalb ist hinter dem ersten Fenster ein japanisches Märchen versteckt:

Vom Fischer, der einem Wasserwesen half

Urashima Taro befreit die SchildkröteDer gutaussehende Fischer, Urashima Tarō, ging eines Abends den Strand entlang nach Hause. Da sah er eine Gruppe von Kindern, die eine Schildkröte drangsalierten und vor sich hertrieben.

Hey, hört sofort auf damit. Niemand sollte Tiere quälen, rief er, sobald er erkennen konnte, was die Kinder da machten.

Was willst du, alter Mann? Kümmere dich um deine Angelegenheiten, kam es zurück.

Weil Urashima Tarō sah, dass die Kinder die Schildkröte weiter mit Stöcken schlugen, entschloss er sich, das Tier zu kaufen. Darauf gingen die Kinder sofort ein, schnappten das Geld und liefen davon. Urashima Tarō aber trug die Schildkröte zum Meer und ließ sie frei. Er blickte ihr nach, bis sie hinter dem Horizont verschwunden war.

Zufrieden wanderte er nach Hause.

Vom Dank einer Schildkröte

Drei Tage später fuhr er wieder aufs Meer hinaus, um zu fischen.  Als er in seinem Boot saß, das Netz ausgelegt hatte und wartete, hörte er eine Stimme:

Urashima Tarō! Urashima Tarō! Hörst du mich?

Schscht, du verscheuchst mir die Fische.

Urashima Tarō! Urashima Tarō! Sieh her?

Schscht, siehst du nicht, wie sie ins Netz schwimmen wollen?

Urashima Tarō! Urashima Tarō! Hör doch zu!

Oh,,, jetzt haben sie es sich überlegt…

Bedauernd beobachtete der Fischer, wie ein der Schwarm Meeresbrassen das Weite suchte.

Er wandte sich um, der Stimme zu –

Sag schon: Was willst du?

und entdeckte die Schildkröte, die neben seinem Boot schwamm. War es etwa die, die er gerettet hatte?

So dankst du mir? Verscheuchst einfach die Fische!

Setz dich auf meinen Rücken. Mein Dank soll der Dank von meinem Herrn, Watatsumi, sein. Ich bringe dich zu ihm.

Matsuki Heikichi(1899)-Urashima-p09.jpg
By Matsuki Heikichi, aka Matsuki Tōkō (松木東江 1836 – 1 Jul 1891 – Matsuki, Heikichi (松木平吉) (1899) 教育昔話. 浦島太郎[1], Matsuki Heikichi, Public Domain, Link

Da Urashima Tarō nicht nur gutaussehend, sondern auch neugierig war, stieg er auf den Rücken des Tieres. Flugs ging es durch das Wasser, bis die Schildkröte untertauchte und den Fischer bis zur Mitte des Meeresbodens, direkt zum Drachenpalast brachte – dem Heim des Drachenkönigs Watatsumi.

Vom Leben im Drachenpalast

Dort empfing ihn nicht nur der König persönlich, nein, auch alle anderen Bewohner des Palastes. Unter ihnen lugte neugierig Watatsumis wunderschöne Tochter, die Drachenprinzessin Otohime, auf den Fremdling. Ein Blick nur und Urashima Tarō verliebte sich in sie.  Der König gewährte ihm die Hand des Mädchens, weil er ja ein Retter war.

Das Paar lebte drei Jahre lang ein glückliches, schönes und sorgloses Leben.

im DrachenpalastIn diesen drei Jahren sah Urashima Tarō, dass er sehr zufrieden war. Er genoß jeden Tag zuerst die östliche Seite des Palastes, wo Frühling, dann die südliche Seite, wo Sommer und die westliche Seite, wo Herbst und schließlich die nördliche Seite, wo Winter herrschte. Er erfreute sich an den Delfinen, an den Schildkröten, an fallendem Laub und dem Glitzern der Schneeflocken. Vor allem erfreute er sich aber an seiner Frau.

Jedoch kam der Tag, an dem er unruhig war. Anfangs war es nur ein zartes Flimmern, das scheue Winken eines Gedankens. Am Beginn war es also ganz leicht für ihn, das Gefühl, das ihn dabei befiel, weg zu schieben. Doch aus dem scheuen Zittern wurde – je länger das Wasser fließt – ein donnerndes Beben. Ein Gedanke, der sich morgens in seinem Kopf festsetzte und seinem Herzen die Freude nahm.

So geht es nicht weiter!, sagte er seiner Frau, als er es nicht mehr aushielt: Ich muss nach Hause zurück!

Warum nur? Sieh nur, wie schön wir es haben!

Das haben wir, ich liebe es, dieses Leben! Aber ich vermisse auch meine Eltern.

Wenn du gehst, wirst du mich vermissen – und ich dich.

Ich komme ja wieder, mein Herz… ein Blick nur, ein kurzer Besuch. Ich will sehen, ob es ihnen gut geht. Ich will ihnen Respekt erweisen. Dann kehre ich zurück.

Und weil es so wichtig war, Eltern zu respektieren, rief Otohime die alte Freundin, die Schildkröte.

Ihrem Mann gab sie ein wunderschönes Schächtelchen, ein tamatebako.

Diese Schachtel soll dich begleiten. Öffne sie nicht, bringe sie ungeöffnet zu mir zurück, Liebster!

Danach verabschiedete sie Urashima Tarō und die Schildkröte brachte ihn an Land zurück.

Wie stetig und unbemerkt Wasser fließt!

Kaum am Strand angekommen, eilte der junge Fischer in sein Dorf. Doch er kannte dort niemanden mehr. Sein eigenes Haus fand er menschenleer und unbewohnt vor.

Was war nur los? Wo sind alle geblieben? Was waren das für Leute? Was ist passiert? Wer nur konnte es ihm erklären?

Voller Fragen machte sich Urashima Tarō auf, die Antworten zu finden, Er befragte jene Menschen, die nun in seinem Dorf lebten. Er erkundigte sich, ob jemand von einen jungen Mann namens Urashima Tarō gehört hätte oder ihn gar kannte. Aber niemand konnte sich an einen solchen Mann erinnern.

Der junge Fischer wunderte sich mehr und mehr. Fast schon gab er auf, da fand er einen sehr alten Mann. Der saß vor seinem Haus. Auch ihn fragte er – und der, der nickte bedächtig.

Ja, ja, mein Vater hat mir erzählt… Von einem Mann, einem Fischer namens Urashima Tarō.

Dein Vater?

Das ist eine dieser Geschichten, die sich früher die alten Leute gerne erzählten, wenn sie auf den Sonnenuntergang warteten. Der Großvater meines Vaters hat sie ihm erzählt… und mein Vater mir… Urashima Tarō – ja so war der Name. Ein Fischer! Ein tüchtiger Mann! Er war vor langer, langer Zeit hinausgefahren, hinaus aufs Meer – und niemals zurück gekommen.

So erfuhr Urashima Tarō, dass die Zeit vergeht, wenn Wasser fließt: Drei kurze, glückliche Jahre im Drachenpalast – und an Land waren 300 Jahre vorbeigerast.

Die Erkenntnis traf den jungen Fischer. Er rannte blind los, irgendwohin, einfach fort! Am Strand schließlich setzte er sich, grübelte und grübelte – und vergaß darob seine Frau, die schöne Drachenprinzessin. Aber nicht nur sie, sondern auch ihre Worte.

Und so blickte er verwundert auf das  Schächtelchen, als er es zufällig in seiner Tasche fand. Was war denn das?

Urashima geht im Rauch aufSo kam es, dass er es öffnete.

In diesem Moment stieg weißer Rauch auf. Urashima Tarō verwandelte sich, wurde älter und älter, bis er sich in einen sehr alten Mann mit weißem Haar, langem Bart und krummen Rücken verwandelt hatte. Doch es hörte nicht auf.

Er alterte immer weiter und weiter…

Bis er starb – und zu Asche zerfiel.

Bei der nächsten Flut aber, trugen die Wellen sein Asche fort.

Erlebnistipps fürs 1. Fenster:

Zu einem Adventskalender gehört es, gemeinsame Erlebnisse zu schaffen. Deshalb gibt es in unserem Adventskalender hinter dem Fenster noch ein Fenster – das ist gefüllt mit Tipps für euch. Tipps, wie er den Tag zum Erlebnis machen könnt. Hier jetzt meine Vorschläge für den 1. Dezember:

  • Schau dir mit den Kindern noch einmal Chihiros Reise ins Zauberland an! Wer den Film nicht kennt: Auch in ihm spielt es eine Rolle, dass Wasser fließt. Der Zeichentrickfilm des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki hat es verdient, dass du ihn dir auch zweimal oder mehrmals anschaust: Er ist der weltweit zweiterfolgreichste japanische Film und sammelte unzählige Preise, darunter den Oscar für den besten animierten Spielfilm und den Goldenen Bär der Internationalen Filmfestspiele in Berlin.
  • Male den Drachenpalast des Königs Watatsumi mit seinen vier Jahreszeiten… auch wenn du keine Kinder hast! Es macht trotzdem Spaß!
  • Wann hast du das letzte Mal Origami ausprobiert? Ein Schächtelchen wie das von Otohime kriegst du hin! Und hör dazu Musik, die du magst – es müssen auch keine Weihnachtslieder sein 😉

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