Adventkalender
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Welcher Adventskalender passt zu uns?

Adventskalender…

Oh nein! Adventkalender… so ist es richtig.

Nie und nimmer!

Und das ist erst der Anfang. Wir haben noch nicht einmal die Angebote für den diesjährigen Redaktions-Adventskalender angeschaut, schon sind wir – die Redaktion, Nebiga und ich – mitten in der Diskussion. Beide Wörter bescheren uns bei näherer Recherche eine Riesenauswahl in der Suchmaschine, aber die Tendenz neigt sich gen Adventskalender mit Fugen-s. Gemeint ist das kleine s in der Mitte.

Der Grund: “Adventskalender” nennen Deutsche wie Schweizer jenen Kalender, an dem im Advent täglich ein Fenster/Türchen geöffnet werden darf. Nur die Österreicher fügen zwischen t und k kein s ein.

Niemals?

Na ja, bei Christkindl jedenfalls auch nicht.

Eigentlich zwängt Homo Austriacus das s immer gern dazwischen: Bei der Zugsverspätung genauso wie beim Schweinsbraten…

  • nur beim Adventkalender – da nicht.

Wie der Adventskalender sich durchsetzte

AdventskalenderWir vermuten, das hängt damit zusammen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg zum ersten Mal einen Adventskalender druckte. Und damit, dass der Münchner Verleger, Gerhard Lang, mit seinem 1903 gedruckten Kalender Im Lande des Christkinds als der Begründer des Adventskalenders gilt. Ein Jahr später veröffentlichte dann die Stuttgarter Zeitung einen Adventskalender – und schuf auf diese Weise ein saisonales Phänomen für den Massenmarkt.

Der Brauch, bebilderte oder später sogar mit Schokolade gefüllte Druckprodukte in den Räumen aufzuhängen, kommt demnach aus Deutschland. Er eroberte in konzentrischen Kreisen die deutschsprachigen Länder. Wer seine sprachliche Eigenständigkeit also bewahren wollte, musste den Brauch umbenamsen. Auch wenn es bedeutet, ein s weglassen zu müssen.

Zählhilfe in der Fastenzeit

Die protestantischen Haushalte waren diejenigen, die begannen, die Tage bis Weihnachten mithilfe einer Art Kalender zu zählen. Zunächst hängten die Lutheraner 24 Bilder nach einander an die Wand oder bastelten ihren Kindern Papierschächtelchen, die sie mit Plätzchen füllten.

Ein Schächtelchen, ein Plätzchen pro Tag – aber sonst mussten die Kinder in der Adventszeit genauso fasten wie die Erwachsenen.

Andere malten 24 Kreidestriche an die Tür. Die Kinder durften  täglich einen davon wegwischen.

Strohhalme dagegen waren der Katholiken Ding: Sie legten 24 Halme in die Krippe; abgezählt, damit sie täglich einen entfernen konnten. Das war etwas Besonderes, denn die Tage zur Vorweihnachtszeit waren ausgefüllt: Man schuftete sowieso von morgens bis abends, doch im Advent kam noch die Vorbereitung dazu.

Das Zählen der Tage war daher oft das einzige kurze Innehalten des Tages. Ein Moment der Vorfreude. Kinder wie Erwachsen dachten daran, wofür sie all die Mehrarbeit auf sich nahmen.

Christi Geburt – ja.

Aber in ihren Köpfen entstanden auch die Bilder von Gänsebraten, Rotkraut, von Kuchen, Klößen, Knödeln und Kekserl/Plätzchen.

Schuld waren natürlich ihre vom Fasten darbenden Bäuche. Die Gläubigen träumten wegen ihnen  davon, in sich hineinstopfen zu können, was sie die Tage schlachteten, schnitten, rührten, kochten, brieten, backten und verzierten.

Warum hält sich der Brauch heute noch?

Na ja, so alt ist er jetzt auch wieder nicht.

Das nicht, aber hast du schon mal gepinterestet? Oder bei Amazon nachgeschaut? Adventskalender sind überall! Es gibt kein Entkommen!

Bei Amazon zum Beispiel findet der Suchende die Adventskalender sogar in Rubriken eingeordnet, weil man sonst den Überblick verliert:

  • Schokolade und Süßigkeiten, einmal für Kinder und einmal für Erwachsene;
  • Beauty, natürlch mit Schönheitsprodukten für SIE und IHN,
  • Tee und Getränke
  • Gewürz- und Schlemmerkalender
  • Geschichten und Bilder für Groß und Klein
  • Erotik
  • Schmuck
  • Spielzeug
  • Alkoholische Getränke
  • Knabberkalender
  • Zum Selbstbefüllen
  • für Heimwerker

100 Jahre und wir können Adventskalender mit allem befüllt kriegen, was es so gibt.

adventskalender selbst gebastelt

Und für die Selbstbastler (Pinterest) gibt’s die Utensilien als Fülle noch in extra Rubriken dazu.

Adventskalender sind so hipp wie eh und je! Wir wollen nicht darauf verzichten, genauso wenig wie auf Weihnachten, auch wenn man selbst vielleicht gar nicht gläubig ist.

Das liegt an der Nostalgie. Wir wünschen die Harmonie herbei.

A geh! Die gibt’s eh nicht! Am meisten wird zu Weihnachten g’stritten!

Heißt es zumindest. Aber nicht im Advent, im Advent nicht! Da ist noch Ruhe.

Jeder Tag ein Erlebnis

Bei Gerhard Lang – damals – bestand der Adventskalender noch aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Damit den Kinder die Zeit bis zum Weihnachtsabend nicht so lang wird, sollten sie jeweils ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben.

Und wenn sie schon dabei waren, konnten sie gleich

  • die Strohsterne basteln, die noch fehlten.
  • die Großmutter anbetteln, dass sie noch eine Geschichte erzählte.
  • den Apfelnikolo und den Zwetschenkrampus basteln.
  • die Bilder malen, die sie schenken wollten.
  • die Kekse verzieren, die Muttern buk.

Jedes Fenster, jedes Türchen barg eine Reihe von Möglichkeiten, von Erlebnissen und von Erinnerungen, die der Familie blieben. Sie waren nicht bloß Schokolade.

Sie waren gemeinsam verbrachte Zeit.

Ein Adventskalender mit Schokolade kommt für die Redaktion also nicht infrage?

Nee.

Genauso wenig wie der Pfeffer- und Salz-Kalender für Gourmets nehm’ ich an – und auch nicht der Nagellack-Adventskalender mit 24 Trendfarben.

Richtig. Wenn du mich fragst… wir können uns eh nicht für einen gekauften entscheiden. Am besten wir machen uns den Kalender selbst!

Und wie?

Das siehst du am 1. Dezember! Hier im Blog.

Schau rein!

smiley

 

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Willkommenskultur für Flüchtlinge
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Gut. Reden wir über Flüchtlinge

Flüchtlinge kommen als Welle, als Flut und marschieren auf Grenzen zu. Sie stürmen Zäune, wälzen sich durch Staaten und lösen Krisen aus; sie  ängstigen Frauen, Kinder und die, die schon immer dort leben, wohin sie jetzt eben flüchten.

Bilder, wie die skizzierten, entstehen in den Köpfen durch Monologe; Monologe in U-Bahnen, die  wildfremd Entrüstete Passanten entgegenschleudern. Monologe, die an Stammtischen, am Tresen im Café nebenan genauso wie beim Essen unter Freunden abgenickt werden – ja, sogar unter Freunden. Monologe, die jene, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten, mundtot machen. Ihr Mund ist ausgetrocknet von ständigen Widerworten, ihren Beschreibungen, wie sie das Leben mit Flüchtlingen erleben. Widerworte, die ungehört verhallen.

Andere Wörter schwirren herum, haben offenbar mehr Gewicht. Bekannte Kriegs- und Angstterminologie, Sätze wie

  • Man wird doch noch sagen dürfen
  • Es ist nun mal eine ganz andere Kultur
  • Die verstehen unsere Werte nicht
  • Flüchtlinge lungern herum, respektieren nicht
  • Ich rede mit der mit dem Kopftuch nicht

In der Presse  können wir alle Begriffen nachlesen, falls uns eine Platitüde oder ein Angstbild abhanden gekommen ist: Wort für Wort .

Und die Bilder verdichten sich, die Furcht dahinter wächst proportional mit. Sie hindert daran, im Sprachgewühl nach ihm oder ihr zu suchen, dem/der einen, dem “Flüchtling”:

  • Wer kommt?
  • Wer flieht?
  • Wie ist der Mensch denn so?

Flüchtlinge sind Kriegskinder, Asylsuchende

vielfältige FlüchtlingeZum Beispiel Fadi, der Junge, der vor mir sitzt und seine Zwillingsschwester liebevoll auf den Arm boxt, weil sie etwas Kluges sagt. Zwei Kurden aus dem Iran.

Ismahan mit ihren bunten, weiten Röcken, ihren freizügig offenen Blusen, die alle mit Riesenblumen bedruckt sind. Und Rhana, sie trägt in der Klasse nur Tschador. Beide Frauen kommen aus Somalia – zicken sich täglich an und arbeiten niemals in derselben Gruppe zusammen.

Basil, der Bulgare und Roma, mit seinen feingliedrigen Händen und seiner ungewöhnlichen Sprachbegabung, hat seinen Platz mitten in der Gruppe afghanischer Jungs gefunden. Es dauert gewöhnlich bis dieser eine Tisch sich füllt. Die Jungs kommen nicht pünktlich, verstehen nicht, warum das überhaupt von ihnen gefordert ist; Basil ist allerdings immer da. Der schon ältere Sami zählt gern vermeintliche Erfolge bei Frauen. Er telefoniert mitten im Unterricht “mit seiner Mutter” und kommt morgens nicht gut aus dem Bett.

Und Amit? Amit, der Syrer, setzt seine Mütze nicht ab. Er kam am Morgen nicht dazu, sich zu frisieren.

Wer wissen will, wie “Flüchtlinge” ticken, muss warten können. Warten, bis sie mit einem diskutieren.

“Nein”, antworte ich auf eine beliebte Frage, die ich die Monate zuvor bewusst umgangen habe. “Nein, ich glaube nicht an Gott!”

Wer gerade tuschelte, die Augen zum Fenster hinaus schweifen ließ, verstohlen in seinem Handy wischte – vergisst sein Tun. Dieser Satz trifft die Jugendlichen; sie können ihn nicht ignorieren.

“Das gibt es nicht”, entgegnen die einen – entrüstet.

Tarik, der Iside, nickt jedoch heftig, zustimmend. Er glaube nicht an Allah, sagt er: “Der Glaube an Gott löst Kriege aus.”

“Wie kannst du das sagen?”, will Rhana wissen.

Ausnahmslos hören alle zu, wollen ihre Ansicht kundtun, wollen von mir und den anderen gehört werden. Hände winken, andere unterbrechen einfach.

Selbst die wenigen Frauen in der Klasse beteiligen sich, vertreten sich, finden Worte. Sie alle fühlen sich sicher genug dazu. Ein Gefühl, an dem wir zusammen arbeiten, seitdem sie hier in der Klasse sitzen. Dieser Raum ist ein vertrauter, sicherer Raum.

Das war er anfangs nicht. Das Gefühl kommt nicht von heute auf morgen. Nicht nach den Erlebnissen der Flucht; nicht nach Jahren der Unsicherheit in ihrem Land. Vertrauen muss wachsen. Ein Jahr ist dafür auch schon mal nicht lange genug.

Sobald wir über Gott, über Frauen, Männer, Geschlechterrollen und Lebensstile diskutieren können, ohne dass jemand aus Angst verstummt, weiß ich, dass diese Flüchtlinge angekommen sind. Dass sie ihren weiteren Weg in der Gesellschaft suchen und ihren Platz finden werden.

Auf der Suche nach einem besseren Leben

FlüchtlingSie haben

  • Nicht das Recht, hier zu sein.
  • Sie halten sich nicht an die Gesetze, sind Kleinkriminelle
  • werfen ein Zwielicht auf diejenigen, die wirklich Hilfe brauchen.

Verdächtig sind Marokkaner, Kenianer, Griechen, Bulgaren, Albaner, Mexikaner…

Afrikaner, Slawen und Lateinamerikaner generell und auch noch alle anderen, die aus ihrem Land auswandern, nur um ein besseres Leben in einem anderen zu suchen.

In der Zwischenkriegszeit war es das Diebsgesindel, gemeint waren die jüdischen Einwanderer aus dem Osten.

Wirtschaftsflüchtlinge heißen sie heute. Sie flüchten ja nur aus wirtschaftlichen Gründen und landen bei uns, die wir doch auch nicht genug haben, sagen die “guten Bürger” verärgert, verunsichert. Das Ziel dieser Flüchtlinge sei es einzig und allein den Sozialstaat auszunützen.

Zu diesen guten Bürgern zählt sich auch der Busfahrer, der seine Aushilfstour im kleinen Café des Ortes unterbricht. Er hat sein ganzes Leben lang gearbeitet. Sogar jetzt, in der Pension, hilft er noch aus.

Weißhaarig sitzt er mit seiner frisch gebügelten Uniform am Holz-Tresen, vor sich den Cappucchino und lamentiert. Darüber, dass das Geld hinten und vorne nicht reicht, dass der Staat zuviel Steuern abzwickt, um es dann den Flüchtlingen hinterher zu tragen. Dass eben diese Flüchtlinge ja nur kommen, weil sie wissen, dass für sie gesorgt ist.

Seine Rede ist nicht zu überhören: Das Café ist klein, taub stellen ist unmöglich. Bald beteiligen sich andere Gäste, auch die Kaffeebesitzerin, an seiner Einschätzung der Weltlage – in Deutschland, in der EU. Sie stimmen zu, tragen mit ihren Alltagsgeschichten zur Einschätzung bei. Quintessenz: Dem kleinen Mann gehe es generell nicht gut, er müsse jetzt auch noch für die Flüchtlinge aufkommen, nur weil Angela sie eingeladen hat.

Die Sonne brennt mir unbarmherzig ins Gesicht. Ich wende der Fensterfront den Rücken zu, sehe direkt zum Tresen hin.

Wie schlecht es den Leuten in Deutschland heute tatsächlich geht, will der Busfahrer mit der Geschichte über seinen Neffen ausmalen, vom Beruf ist der Rettungsfahrer. Wegen der hohen Steuern, der Schichtarbeit und der unübersichtlichen Verwaltung in den Krankenhäusern hatte er kein leichtes Leben. Hier in Deutschland.

In Norwegen aber! In Norwegen sei alles besser! Die Vertretungen sind hervorragend organisiert, die Mitarbeiter werden über ein gemeinsames Pool verwaltet. Das funktioniert bestens! Der Lohn ist natürlich wesentlich höher, denn die Norweger haben noch einen Sozialstaat. Steuerlich sieht es auch gut aus. Weil der Neffe Deutscher ist, fallen diese nicht so hoch aus.

“Ein Wirtschaftsflüchtling also”, unterbreche ich, nachdenklich.

Aber nicht doch: Das ist etwas ganz Anderes!

Flüchtlinge brechen per se Gesetze

Das Thema Flüchtlinge spaltet sogar Immigranten, Freunde. Sie haben in einem anderen EU-Land studiert, arbeiten jetzt dort und leben noch zusammen in der WG. Der Riss geht mitten durch – es steht 2:2 am Tisch. Ich bin das Zünglein an der Waage, höre mir an, worüber die Freunde streiten.

“Flüchtlinge – refugees – halten sich nicht an Gesetze, kommen illegal ins Land”, ärgert sich das eine Paar. “Die sind nicht so wie wir.”

Wir sind hierher gekommen, wir arbeiten, wir haben Papiere, wir verdienen genug, zahlen Steuern. Wir haben das Recht, hier zu sein.

“Flüchtlinge müssen erst dahin kommen, wo wir schon sind”, hält das andere Paar dagegen. Sie brauchen Sicherheit, natürlich gehen sie in das Land, wo sie sich am sichersten fühlen. Bulgarien, Ungarn, Griechenland – das sind keine sicheren Länder, schon gar nicht, wenn Flüchtlinge sich registrieren müssen.

Die Situation ist doch ähnlich, ist wie unsere, betonen sie: Immigranten und Flüchtlinge sind fremd im Land!  Warum könnt ihr das nicht sehen?

Abend für Abend versuchen die einen die anderen davon zu überzeugen:

das patt beim Thema Flüchtlinge

  1. Immigranten sollten zumindest Verständnis dafür haben, dass Flüchtlinge unsicher und misstrauisch sind; sich nicht registrieren lassen wollen. Man bräuchte doch nur die eigene Lage genauer ansehen. Auch für Immigranten gilt, was Hannah Arendt über Flüchtlinge schrieb: Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind. […] und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt. (Aus: Hannah Arendt: We Refugees) Dieses Gefühl ziehe Misstrauen nach sich.
  2. Das andere Paar, darunter die Juristin der Freundesrunde, beharrt auf das Einhalten des Schengenabkommens. Darauf, dass Flüchtlinge sich an den Außengrenzen registrieren lassen, damit die EU-Staaten das Wandern unter Kontrolle halten können. Solange Flüchtlinge dies vermeiden, seien sie illegal im Land. Gesetzesbrecher – und damit abzuschieben.

Ein Patt.

“Wie definiert die Runde eigentlich, wer ein Flüchtling ist?”, frage ich. Wir suchen im Internet.

“Als Flüchtling bezeichnet man eine Person, die ihre Heimat gezwungenermaßen verlassen musste und in absehbarer Zeit nicht dorthin zurückkehren kann”, heißt es in Wikipedia. Ob dies aus Kriegs-, Verfolgungs- oder Wirtschaftsgründen passiert, ist in dieser allgemeinen Definition völlig unwichtig. Die Würde des Menschen, seine Sicherheit, seine Existenz ist ausschlaggebend. Menschenrecht zählt.

Im juristischen Sinn der Genfer Flüchtlingskonvention aber ist nur Flüchtling, wer

[…] aus der begründeten Furcht vor Verfolgung aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder der sich als staatenlos infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem er seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will. (Artikel 1 Genfer Flüchtlingskonvention)

Von welchem Flüchtling sprechen wir also jetzt, wenn wir vom Flüchtling sprechen: dem Asylsuchenden oder dem Fliehenden?

Wenn wir verstehen, dass Gesetze von Menschen gemacht und Abkommen von Juristen getroffen worden sind und sich verändern lassen, dann dürfte unsere Verantwortung völlig klar sein:

Im Zentrum muss der Mensch stehen.

Ohne Welle, Flut oder Krise.

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Fest mit einem Freund Huaquetchula
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Am Tag der Toten tanze mit Freunden!

Warum ich lieber den Tag der Toten feiere als Allerheiligen? Die Ursache liegt in Huaquechula, auf dem Friedhof eines Städtchens  im Bundesstaat Puebla, Zentralmexiko. Seit 2015.

Im April 2015 ist ein Freund gestorben. Seine Familie bestattete ihn auf dem Friedhof in Huaquechula. Wir – seine Freunde – waren nicht dabei: Deshalb trafen wir uns an einem frühen Sonntagmorgen im Eisenbahnmuseum der Stadt Puebla; aßen Tamales mit Anis – das Gericht für Begräbnisse – und tranken Kaffee zu Mariachi-Klängen.

Wir feierten, wie der Freund es gewünscht hatte. Jeder verabschiedete sich von ihm auf seine Weise: Einige weinten, andere sprachen ein paar Worte. Als die Sonne die Dächer der alten Lokomotiven zum Glitzern brachte, trennten wir uns.

Wie oft danach dachte ich noch an ihn?

Manchmal – wie beim Streik der Lokomotivführer – huschte der Freund durch meine Gedanken. Züge haben ihn fasziniert, obwohl er aus einem Land kam, das nur noch wenige besaß.

Einmal tauchte ein Foto auf, eines, das in meinem Chaos zwischen die Papiere gerutscht war.

Für sein Kreuzworträtsel, das posthum publiziert wurde, konnte ein Gewinner ausgelost werden.

Sonst aber dachte ich kaum an ihn: Alltag lässt nicht viel Zeit zum Trauern. Manchmal zuckte ich zusammen, war mir plötzlich bewusst, dass ich ihn vermisse. Doch ich hielt kaum inne, machte lieber dort weiter, wo ich mich selbst unterbrochen hatte…

Ein Freund entschwindet im Nebel, entfernt sich mehr und mehr von den Beschäftigten, den Lebenden. Und ich sah untätig dabei zu, wie er seinen Platz in meinem Leben zu verlieren begann. Schritt für Schritt, Tag für Tag.

Bis im Oktober die Einladung kam.

Aus Huaquechula, der kleinen Stadt im Osten des Bundesstaates Puebla.

Ein Städtchen harrt der Touristen

Huaquechula ist eigentlich noch immer ein Dorf; eines, das sich durch wenig auszeichnet: Der Bürgermeister erwähnt hauptsächlich Landwirtschaft, etwas Kunsthandwerk und übers Jahr hindurch eher wenig Tourismus. Das Beeindruckenste ist das Kloster aus dem 16. Jahrhundert und die dazugehörige Kirche. Ein paar Fundstücke des aztekischen Kalenders ziehen zusätzlich noch ein paar Touristen an.

Die meisten Häuser sind lehmverputzt und schlicht. Meist gibt es kein fließendes Wasser und nur eine „gute Stube“. Um diese herum zwängen sich ein oder zwei kleinere Räume zum Schlafen für oft fünf, zehn und mehr Bewohner. Dahinter liegt ein betonierter Hof, vollgestellt mit  Geräten und Müll.

Die kleinen Holztüren schließen nicht gut, bleiben deshalb Tag und Nacht geöffnet.

Die Nachbarn besuchen sich, tauschen Neuigkeiten aus, handeln um den Preis der jitomates und Händler bringen Brot, Milch, Butter, Gas, Wasser und Melonen zum Haus – je nach Bedarf.

Huaquechula unterscheidet sich in wenig von den Nachbardörfern. Wie in diesen verklebt im Dezember der staubige Wind die Augen und im August ächzen die Achsen der Autos, wenn sie in den von den Regengüssen ausgewaschenen Löchern der Straßen einbrechen. Wenn es denn Straßen sind und nicht überschwemmte Erdwege.

Trotzdem pilgern vom 28. Oktober bis zum 2. November jedes Jahr Tausende in die kleine Stadt – Touristen genauso wie Mexikaner. Sie kommen zum Día de los Muertos, dem Tag der Toten.

Nach altmexikanischem Glauben kommen die Toten zum Ende der Erntezeit zu Besuch und feiern gemeinsam mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen – mit Musik, Tanz und gutem Essen. Dafür ist Mexiko weltberühmt: Es ist das Land, wo die Verstorbenen ein Fest mit den Lebenden feiern. Der Tod mitten im Leben steht.

Überall schmücken bunte Altäre die Städte: mit catrines zum Beispiel, Skeletten – Frauen und Männer, die auch Berufe haben können – Schuster, Mariachis, Scherenschleifern, mit Blumen und Opfergaben.

Tag der Toten Altar 2017

Foto von Cornelia D. Cohrs 2017

Das besondere Fest am Tag der Toten

“In Huaquechula”, erzählte Ramon (36), der jüngste Bruder meines Freundes, “gibt es noch eine zusätzliche Tradition: Im Jahr des Todes richten die Familien am día de los muertos ein besonderes Fest für den Verstorbenen aus.”

Ramon bittet alle zum Fest, alle die dem Freund verbunden waren. Sogar Passanten seien herzlich willkommen mitzubeten, zu feiern und zu schmausen.

„Fahr bitte früh los“, bat er noch, „wir brauchen dich zum Vorbereiten!“

So folgte ich bereits am ersten November um 5.30 Uhr morgens der schnurgeraden Straße mitten auf den zocalo, den Hauptplatz des Dorfes.

Die ersten Dorfbewohner bauten Marktstände auf. Sie schichteten gebeizte, hauchdünne Scheiben Rindfleisch (cecina) zu Türmen, spannten Plastikplanen, um sich und die Besucher vor der Sonne zu schützen, reihten Totenköpfe aus Zucker (calavera) aneinander und heizten Öfchen, kochten Mais und rührten Saucen. Man erwartete den alljährlichen Ansturm gelassen. Gewillt, alles zu bieten, was das mexikanische Herz begehrt.

Blumenpfad für einen Freund

cempachulil als WegDie Straße, wo Ramons Haus steht, hat keinen Namen, aber ich sollte in die zweite Gasse hinter dem zocalo nach links abbiegen, dort drei Bremsschwellen – kurz topes – passieren, dann wäre ich schon vor dem Haus.

Ein Weg aus Blumen führte zur Tür. Schloss war keines zu sehen.

Ich trat ein – und prallte fast in Ines, die Mutter meines Freundes.

Sie kam mir in ihrer Schürze entgegen, hielt einen großen Tontopf in Händen. Wortlos lächelnd deutete sie mit dem Kinn auf einen der beiden gigantischen Henkel und gemeinsam trugen wir den Topf in den Hinterhof.

Dort schoben zwei Jungen die Tische zurecht, mehrere Frauen warteten mit den Plastiktischtüchern, um sie auflegen zu können. Drei Reihen Tische zu je zehn Stühlen hatte die Familie zusammengeschnorrt.

Ines und ich stellten schweigend den Topf auf den Gasherd, um die Schokoladesauce – die in der Region so beliebte mole Poblano aufzuwärmen; wir legten gekochte Hühnerstücke dazu und ließen alles bei kleinster Flamme vor sich hin brodeln.

Daneben stand schon ein riesiger Topf mit rotem Reis.

“Schön, dass du da bist”, sagte Ines und umarmte mich endlich.

Sie ließ sich aber nicht viel Zeit, scheuchte mich in den zentralen Raum des Hauses, in das Wohnzimmer. „Hilf drinnen“, sagte sie, „es gibt noch viel zu tun.“

Hausaltar: Wo Tote sich laben

Blumen auf Huaquechulas AltarNichts hatte mich auf das Folgende vorbereitet: Der Gabentisch für den Freund bedeckte eine komplette Wand. Drei  Tische unterschiedlicher Größe hatten die Brüder übereinander gestellt. Wochenlang hatten die Frauen gebastelt, Stoffe ausgesucht und schließlich alles mit weissem Organza kunstvoll verkleidet.

Ein Altar.

Keine Taufe, keine Hochzeit! Erinnerung an einen toten Freund.

In Mexiko dominieren am Totentag üblicherweise die Farben Schwarz, Violett und Orange. Nicht so in Huaquechula: Dicke weiße Gladiolensträuße geben die Farbe vor – damit wird nicht experimentiert!

So will es die Tradition.

Ramon stand auf einem Stuhl. Er balancierte einen Engel vorsichtig auf die rechte Seite des Gabentischs. Es war nicht der erste Engel und sollte auch nicht der letzte sein. Aus den Kartons in der Mitte des Raumes packte eine der Schwägerinnen noch zwei weitere aus. Die drei Kinder reichten ihrem Vater die Tonengeln.

Danach auch die nach Anis duftenden Totenbrote.

Alle Gaben waren übereinander aufgereiht, strebten auf die Spitze der Pyramide zu, hin zum Kruzifix.

Darum herum wirbelten helfende Hände, dekorierten diesen Mittelpunkt, der für die Woche im Haus bestimmen sollte: mit Kerzenständern auf dem Boden, Blumenschmuck auf jeder Seite, kleinen Schüsseln mit dem Lieblingsessen des Verstorbenen.

Die Ränder der Tische umrahmten sie mit Scherenschnitt-Papier.

Ich starrte auf die beiden Fotos meines Freundes und staunte stumm.

Was hätte er dazu gesagt?

“Was für ein Tamtam” – wahrscheinlich.

Einmal noch richtig verwöhnen…

„Das Wohlergehen einer Kultur wird daran gemessen, wie man mit seinen Toten umgeht.”

Dieser Satz stammt von Constantin von Barloewen, Professor für Anthropologie und vergleichende Kulturwissenschaft.

“Das Wohlergehen hängt davon ab, wie sehr der Tod im Leben der Menschen integriert ist.”

In der abendländischen Kultur sei der Tod verdrängt, eine „absurde Figur“, kritisiert der Forscher. Hier würden die Menschen dem Tod mit Gleichgültigkeit und sozialer Kälte begegnen.

In Mexiko kämpft día de los muertos gegen zwei Konkurrenzveranstaltungen: Gegen den Brauch des Halloween aus USA und Allerheiligen. Das Fest zum Tag der Toten wurde allerdings 2008 zum Weltkulturerbe ernannt. Ein Anreiz dem aztekischen Brauch zu folgen, die Toten in das Leben zu integrieren?

Für von Barloewen jedenfalls zeigt der Brauch eine durchaus gesunde Einstellung zum Leben: Was nämlich verdrängt wird, kehrt in einer anderen Form wieder, trifft den Verdrängenden härter.

Besser also der Tote hat seinen Platz mitten im Leben.

Zur Trauer gehöre es, Zeit, Gedanken und Erinnerungen mit dem Toten zu teilen, ihm Raum im Leben zu geben. “Wer diese Tatsache ignoriert”, so der Anthropologe, “muss irgendwann erkennen, dass sich der Tod nicht leugnen lässt.”

„Ohne Tod gibt es kein Leben und ohne Leben keinen Tod“, betont er mit der ganzen Überzeugungskraft des Wissenschafters.

Ines braucht weniger Worte:

„Unsere Ahnen haben die Altäre schon so dekoriert und wir folgen ihnen.“ Sie stellt Weihrauch und Kobalt neben eines der Fotos ihres verstorbenen Sohnes.

„Ausserdem gefällt mir der Gedanke, ihn so richtig zu verwöhnen.“

Mitfeiern kannst du nur tot

diadelosmuertos-057“Kümmere dich doch um die calaveras,” wies mich Ramon an.

Totenköpfe aus Zucker stapelten sich in einer Schachtel vor mir – in allen Größen und mit bunten Verzierungen. Ich schichtete sie nach Anweisung auf einen der kleinen Nebentische.

„Schreib auch deinen Namen auf einen!“

calaveras symbolisieren die Lebenden beim Totenfest: “Nur wenn ein Schädel deinen Namen auf der Stirn  trägt, kannst du mitfeiern,”

Tatsächlich hätte das Fest schon zum Frühstück beginnen können: An Zuckerstirnen prangten bereits die Namen aller – von Freunden, von Ines, Ramon, den Kindern und anderen Familienmitgliedern.

Die Kartons waren weggeräumt; vor dem Altar prangte ein großes Kreuz aus den Blütenblättern der cempasuchitl, der intensiv duftenden Totenblume.

Eines der Kinder streute noch mehr Blütenblätter auf die Straße. Sie dienten als Wegweiser. Tote riechen besser, als sie sehen können. Am Friedhofstor ließen sie den Blumenpfad beginnen.

Der Freund musste ja auch zu dem für ihn ausgerichteten Fest finden.

Alles war bereit, mussten wir mit dem Feiern bis zum Abend warten.

Die Familie war pausenlos damit beschäftigt, für Besucher Tortillas zu backen und aufzutragen, mole Poblano zu verteilen und den Touristen vom Freund zu erzählen.

Ines hatte die Schürze aus und ihr bestes Kleid angezogen und sprach von ihrem Sohn. Auch wenn einige Touristen nur deshalb kamen, weil es gratis Essen gab. Sie waren dem Blumenweg vom Friedhof aus gefolgt und zogen gelabt weiter zum nächsten Trauerhaus.

Nur Freunde und Familie blieben lange, halfen, erinnerten sich, lachten – dachten daran, wie der Freund…

Wir tauschten Geschichten aus. Geschichten, die neu waren. Geschichten, die mir den Freund zeigten, wie ich ihn nie erlebt hatte. Geschichten, in denen ich ihn trotzdem gleich erkannte.

Ines bat mich zu erzählen. Vom Tag, als ich den Freund kennenlernte, welche Artikel er schrieb, wie er unterrichtete und von seiner Liebe zu Lokomotiven. Von dieser wusste sie nämlich nichts.

Abends begann Ramon mit seiner Frau zu tanzen, sein Cousin schenkte Brandy ein, die Stereoanlage dröhnte ohrenbetäubend.

Das Fest zum Tag der Toten, das Fest mit den Toten konnte beginnen!

Lange nach Mitternacht ließ die Familie mich schließlich gehen – erschöpft fuhr ich heim.

Und der Freund? Den nahm ich in Erinnerung mit.

Bis zum nächsten Jahr!

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